Du hast Ärger im Büro, verdammte Kollegen, doch am Wochenende lässt du die Seele baumeln. Deine Wut verpufft in Dampfbädern in Brandenburg, sie verfliegt nach der dritten Fußreflexzonenmassage, sie löst sich auf in einem heißen Bad mit Lavendelöl, Entspannung pur, du hast deinen Arbeitsärger privatisiert, er geht verloren, zwischen den Zeilen von Paulo Coelho und drei Tropfen Badezusatz.

Angestellter, wir müssen reden.

Gestern habe ich einen Anstellungsvertrag unterschrieben. Vor mir liegt die Welt der Arbeit: Ich schaue sie an und staune. Ich komme, ihr wollt weg. Wollt endlich mal abschalten , eine Auszeit nehmen, entschleunigen. Ihr träumt davon, einfach auszusteigen, euch selbst zu finden, unerreichbar zu sein. Mal abtauchen, den Kopf freibekommen.

Dieser Text stammt aus "Z – Zeit zum Entdecken", dem neuen Ressort der ZEIT.

Lasst mich raten: Ihr steht unter Strom. Seit Jahren verfolgt mich dieses Bild. Ich sehe gestandene Männer auf einer Ladestation stehen, mit Kabeln an Kopf und Bauch. Das Bild kehrt wieder, variiert und abgewandelt.

Es begann in der Bundesliga. Im Sommer 2004 soll Ottmar Hitzfeld, seit wenigen Wochen arbeitslos, Bundestrainer werden. Er lehnt ab. "Der Akku" sei noch lange nicht aufgeladen. Ein Jahr später gibt Hitzfeld bekannt, dass die Erholungsphase nun vorbei sei. Der Akku sei wieder vollständig aufgeladen. Im Winter 2005 wird Ralf Rangnick bei Schalke entlassen. Ein Journalist fragt: "Benötigen Sie jetzt eine Auszeit?" Und Rangnick antwortet: "Vom Akku her nicht."

Im Sommer 2014 kündigt Huub Stevens, VfB Stuttgart, eine Auszeit an. Stevens sagt: "Es ist ganz klar, dass der Akku leer ist. Der muss wieder aufgeladen werden." Im Sommer 2015 kündigt Jürgen Klopp, Borussia Dortmund, eine Auszeit an. Klopp sagt: "Die ersten Monate will ich dazu nutzen, meinen Akku aufzuladen." Zur selben Zeit kehrt Armin Veh, Eintracht Frankfurt, von einer Auszeit zurück. Veh sagt: "Ich habe meinen Akku wieder voll."

Sie klettern von der Ladestation und ziehen sich das Kabel vom Kopf. Nicht mehr nur Trainer reden so.

Ihr alle redet so.

Ich las neulich, dass 72 Prozent der deutschen Arbeitnehmer von einer Auszeit träumen. Das Sabbatical ist längst eine kollektive Fantasie. Es hat die Etagen des Managements verlassen, das Sabbatical ist überall: in Versicherungsgesellschaften, Rathäusern, Werbeagenturen. Nicht mehr nur Dax-Vorstände planen Auszeiten. Auch Produktionsmitarbeiter bei BASF. Arbeiten, aufladen, arbeiten, aufladen. Das ist das Akku-Prinzip.

Ein Kollege, gut ausgebildet und fleißig, erzählte, er fahre für ein paar Wochen ins Kloster. Mit Anfang 20. Work-Life-Balance, sagt ihr, sei wichtig. Ihr klingt, als sei das Leben ein Problem der technischen Mechanik. Als schwebe eine Statusanzeige über euch, die je nach Erholungsgrad grün, orange oder dunkelrot leuchtet.

Seit wann redet ihr so? Wer hat euch die Batterien eingebaut?

Als mein Vater anfing zu arbeiten, in den Achtzigern, war das Sabbatical nur ein Angebot für amerikanische Professoren: Man stellte sie ein Semester lang frei, sie reisten und forschten. Mein Vater arbeitete viel, rund um die Uhr, aber von Work-Life-Balance sprach damals noch keiner. Es gab Arbeit auf der einen und Freizeit auf der anderen Seite. Getrennt von einer roten Linie. Meine Familie fuhr nach Frankreich zum Paddeln. Nicht um die Akkus aufzuladen. Der Workaholic war noch kein Krankheitsbild – er war einer, der mehr arbeitete als andere. Weil er es so wollte. Für die anderen gab es die Gewerkschaften. Sie streikten für die 35-Stunden-Woche und verteidigten den Samstag.

Warum macht ihr euch so klein?

Auch ihr, Angestellte, arbeitet viel. Doch ihr jammert noch mehr. Ihr glaubt nicht mehr an die Gewerkschaft. Wenn ihr im Fernsehen Claus Weselsky seht, den Schnauzbartmann von der GDL, wird euch ganz anders. "Arbeitnehmervertreter", was für ein unschönes Wort. Es nervt euch, wenn sie schon wieder ihre Tarifrunden drehen und wenn ein Zug ausfällt auf eurem Weg zur Arbeit. Ihr glaubt nicht an Konflikte. Ihr glaubt an Selbstverwirklichung und Wellness. Ihr beantwortet Mails as soon as possible und erreicht eure deadlines.

Ihr lest Akten am Frühstückstisch und beantwortet Mails im Bett. Ihr glaubt, es gebe nicht mehr rechts und links und die Welt sei eine andere. Ihr vergesst manchmal, wo oben und unten ist. Ihr duzt euch in flacher Hierarchie, der Schreibtischstuhl schont euren Rücken. In der Kantine trinkt ihr Smoothies und esst Sojasalat. Und wenn ihr heimkommt, klebt kein Kohlestaub an euren Schuhen. Ihr lebt gesund. Aber zufrieden? Seid ihr nicht.

Früher war der Chef über euch, heute sitzt er längst in euren Köpfen. Zum Verhandeln fehlt euch das Gegenüber. Wie sich Arbeit und Freizeit vertragen? Das klärt ihr mit euch selbst. Die roten Linien sind verblasst. Ihr sitzt nicht an zitternden Maschinen. Ihr sitzt am Macbook. Die Maschine: das seid ihr.

Das Sabbatical ist längst eine kollektive Fantasie. Arbeiten, aufladen, arbeiten, aufladen. Wer hat euch die Batterien eingebaut?

In den Neunzigern kam das Sabbatical bei Menschen an, die es sich leisten können. Anne-Sophie Mutter macht eins, Eros Ramazotti macht eins. Der Technologie-Chef von Microsoft gräbt in den Bergen von Montana nach Dinosauriern.

Vor der Jahrtausendwende erreicht das Sabbatical VW, Daimler und den öffentlichen Dienst. Man sagt: Ich will hier raus. Und das Unternehmen antwortet: Wir haben da was vorbereitet. Entscheiden Sie selbst.

Und natürlich entscheidet ihr selbst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Die Arbeitswelt macht euch vor, dass ihr wie ein Hybridmotor funktioniert: schadstoffarm und leise. Dass es auf der einen Seite den Antrieb des Beruflichen gibt. Und auf der anderen Seite den Antrieb des Privaten. Ihr habt begriffen: Die Instandhaltungspflicht tragt ihr. Das Credo heißt: Haltet euer Leben im Gleichgewicht. Und wenn euch mal der Motor durchbrennt, bei wiederholtem Verstoß, steht ihr da am Wegesrand, mitten im Qualm. Ihr werdet überholt vom Arbeitnehmer in Balance, er sieht euch da stehen und schüttelt sachte den Kopf: Da hat wohl jemand nicht richtig entspannt?

Karrieremagazine geben euch Tipps, wie ihr einen Gang zurückschalten könnt, "um Dampf aus einem Arbeitstag zu nehmen". Ihr lasst euch Badewasser ein. Ihr setzt euch in die Wanne, als habe der Mensch eine Schnellladefunktion. Ihr macht Achtsamkeitsübungen, trainiert gewaltfreie Kommunikation, ihr lasst euch von Mediatoren besänftigen, von Yoga einschläfern, und wenn es mal lauter wird am Konferenztisch, geht ihr gleich aus dem Zimmer.

Angestellte, warum macht ihr euch so klein?

Ihr habt das Wort Sabbatical gegoogelt und erfahren, dass es aus der Bibel stammt: Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln. Aber im siebenten Jahr soll das Land dem Herrn einen feierlichen Sabbat halten.

Steigt ein und nicht aus

Da habt ihr eure Kaffeetasse umklammert und gedacht: Ich habe viel zu lange das Feld besät und den Weinberg geschnitten. Und viel zu selten Früchte eingesammelt. Jetzt stellt ihr euch vor, wie es wäre, nicht morgens in die S-Bahn zu steigen, nicht durch die Drehtür zu gehen, nicht das Büro zu betreten mit geputzten Schuhen und halbwegs gebügeltem Hemd.

Ihr habt Jürgen Klopp im Fernsehen gesehen, schlank ist er geworden. Wie er nach Wochen der Auszeit bestens gelaunt in Liverpool saß. Bewusstes Leben. Zeit für die Familie. Viel Sport. Alle liebten ihn. Ihr habt ihn vor euch gesehen: als Vorbild selbstbewusster Arbeitnehmer. Dann ist euch eingefallen, dass Klopp mehrere Millionen hat.

Nicht er ist the normal one. Ihr seid das.

Ihr sitzt in einem Büro, zwischen Papieren und Computern. Zahlt euer Auto ab. Müsst rechnen, wenn ihr in Urlaub fahrt. Wisst ihr eigentlich, dass ihr mehr arbeiten müsst für euer Sabbatical? Euer Zeitkonto mit Überstunden füllen? Nennt euer Sabbatical mal "unbezahlten Urlaub". Wie klingt das jetzt?

Angestellte, ihr habt da was verwechselt: Ihr glaubt, ihr nutzt eure Freiheit, dabei sichert ihr nur eure Arbeitsfähigkeit. Ihr lasst euch von Aussteiger-Kitsch verführen. Die Zauberkraft der Zeit: Ein halbes Jahr Abstand, bewusst leben – und die Probleme sind gelöst. Ein wirklich schöner Trick. Nur: Er wird nicht funktionieren. Ihr werdet zurückkommen und sehen: Der Chef ist derselbe und der Ärger auch.

Neulich haben Mitarbeiter von Air France eine Sitzung ihrer Konzernleitung gestürmt: Sie jagten den Personalchef, Xavier Broseta, über einen Zaun. Broseta saß gerade mit dem Betriebsrat zusammen und verhandelte über fast 3.000 Entlassungen. Sein Hemd zerriss bei der Flucht, seine Krawatte baumelte am nackten Oberkörper. Das Bild des gerupften Entscheiders ging um die Welt.

Das wäre euch nicht passiert.

Ihr wärt, mit all eurem Ärger, ins Fitnessstudio gegangen und hättet Gewichte gestemmt. Ihr wärt zum Peeling gefahren und hättet euch den Frust vom Körper reiben lassen. Hättet euer iPhone auf Flugmodus gestellt und wärt raus in den Wald. Ihr hättet eure Müdigkeit gespürt, eure Wut, eure Ohnmacht. Dann hättet ihr da auf der Lichtung gestanden, die Augen geschlossen, tief eingeatmet und gedacht: Ich muss da endlich weg. Zumindest für eine Zeit lang.

Unsinn.

Vergesst eure Auszeit. Holt euch, gleich morgen, die Sprache zurück. Mit ihr fängt es an.

Solange ihr Energie tankt, solange ihr euch aufladet und abschaltet, solange ihr jedes Unwohlsein mit mangelnder Erholung erklärt, werdet ihr die Schuld immer bei euch suchen. Es gibt jedoch Probleme, für die ihr nichts könnt. Schaut nicht ständig in den Spiegel. Schaut euch lieber mal um.

In einer aktuellen Umfrage sagt jeder zweite deutsche Arbeitnehmer, dass er zu oft Stress erlebt. Genauso viele sorgen sich um die Sicherheit ihrer Stelle. Das ist die gute Nachricht: Ihr seid nicht allein. Redet miteinander. Hört auf, euch selbst zu verbessern. Verbessert die Firma.

Hört auf mit dem Jammern, nehmt es sportlich. Kommt aus der Sauna, und stellt das Dampfbad ab. Verdammte Wellness. Sprecht selbstbewusst und frei von Angst. Bringt work und life außer Balance. Werdet laut, für euch selbst und andere. Steigt ein und nicht aus.

Ihr müsst eure Chefs nicht gleich über Zäune jagen.

Aber das Maul aufmachen, wenn euch was stört, das solltet ihr schon.

Machen Sie mit! Wollen Sie mit dem Autor diskutieren? Felix Dachsel stellt sich am Donnerstag, den 5. November, um 13 Uhr auf ZEIT ONLINE der Debatte.

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