12 Prozent der Schüler stimmten für die NPD

Vergangenes Jahr haben wir in einigen Klassen eine Schülerwahl organisiert. Jeder Vierte machte sein Kreuz bei der CDU, 16 Prozent wählten die SPD. Die NPD landete bei 12 Prozent! Das hat uns wachgerüttelt. Es gab einen Fall, da hat ein Schüler einem anderen "Du Jude" zugerufen. Ich habe ihn sofort in mein Zimmer bestellt und gefragt, ob er weiß, was er da von sich gibt, und ob er die Exkursion nach Buchenwald schon wieder vergessen hat.

Schüler sagen oft, was sie von ihren Eltern am Abendbrottisch hören. Es gibt in dieser Gegend Fremdenfeinde, und deswegen gibt es sie an der Schule auch. Aber wir wollen daran etwas ändern, unsere Schüler zum Nachdenken zwingen.

Als die Debatte über die Flüchtlinge losging, rief ich beim Landratsamt an: Ich will mit meinen Schülern das Asylbewerberheim besuchen, sagte ich, und ich will alle sehen: die Kriegsflüchtlinge, die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, alle! Wir trafen Asylsuchende aus dem ehemaligen Jugoslawien, einen Pakistaner, der in seiner Heimat als Anwalt gearbeitet hatte. Wir trafen einen Mann, der seine Foltermale zeigte. Da ist es meinen Schülern anders geworden.

Vor einigen Wochen waren zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei uns. Sie erzählten, wie sie sich in drei Jahren nach Deutschland durchschlugen. Unsere Schüler sollten wissen, dass Flüchtlinge nicht mit der Aida übers Mittelmeer geschippert kommen.

Vor der Schülerwahl erhielten die Klassen den Auftrag, die Programme der Parteien zu untersuchen. Eine Gruppe hatte das der NPD. Darunter war ein Schüler mit niederländischen Wurzeln. Die NPD fordere getrennten Unterricht für Deutsche und Nichtdeutsche, sagte er vor der Klasse. ›Wollt ihr das? Ich müsste dann die Schule verlassen.‹ Da guckten sie bedröppelt zu Boden."

Dagmar Schulz

Als Elternvertreterin habe ich Angst

Egal, mit wem und wo in Sachsen ich gerade rede: Irgendwann geht es um Pegida, Flüchtlinge, Ausländerhass. Es heißt dann schnell, das werde jetzt alles unseren deutschen Kindern weggenommen, was den Flüchtlingen zugutekomme. Als Elternvertreterin gerate ich immer wieder in Situationen, in denen ich mit offenem rechten Gedankengut in Sitzungen konfrontiert werde. Da erlebe ich Mütter oder Väter, die ganz klar fremdenfeindlich argumentieren, die gegen unsere Verfassung anreden. Was macht man da? Wenn ich eine solche Veranstaltung leite, unterbinde ich polemisierende Diskussionen. Aber für Elternvertreter ist da auch Angst mit im Spiel. Man fragt sich: Wenn ich das jetzt tue, was hat das für Konsequenzen für meine Kinder?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Ich wünsche mir mehr Zivilcourage. Wenn jemand merkt, da ist ein Schüler mit fremdenfeindlicher Gesinnung, dann sollte einer, egal, ob Lehrer, Schüler oder Elternteil, zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Nur auf die Lehrer zu zeigen und zu fragen: Warum tun die so wenig?, das ist zu einfach gedacht. Die Schulen sind überlastet. Die Lehrer können nicht mehr. Immer werden ihnen noch mehr Aufgaben aufgebürdet. Wenn es um die politische Auseinandersetzung geht, sind Eltern genauso in der Verantwortung. Die müssen mehr mit ihren Kindern reden. Der Riss geht doch durch die ganze Gesellschaft. Da sieht man den Handwerksmeister von nebenan jeden Montag zu Pegida laufen. Warum tut er das? Das versuche ich zum Beispiel mit meinen Kindern zu besprechen. Kinder brauchen Orte, an denen sie ihre Fragen loswerden. Natürlich haben sie das Recht, in ihren Schulen auf Lehrer zu treffen, die sich überparteiisch verhalten und kein bestimmtes Meinungsbild prägen. Ich hoffe, dass viele sensibilisiert sind und genau hinhören.

Annett Grundmann