Die Wartburg etwa 1521. Im Jahr 1817 fand hier die Bücherverbrennung statt. © Hulton Archive/Getty Images

Es waren Sätze, die ins Mark trafen: "Die Juden, heißt es, sind weder Deutsche noch Christen, folglich können sie nie Deutsche werden. Sie sind als Juden der Deutschheit entgegengesetzt." Die Christen dürften die Juden daher höchstens mit der Einschränkung dulden, "daß man überzeugt sei, sie treten der Deutschheit nicht in den Weg".

Die Germanomanie. Skizze zu einem Zeitgemälde war die Streitschrift betitelt, aus der diese bitteren Zeilen stammen. Verfasst hat sie im Jahr 1815 ein Mann namens Saul Ascher, Literat und Verleger in Berlin – und selbst Jude. Gerichtet war sie gegen den grassierenden religiösen wie nationalistischen Antisemitismus der Zeit. Doch man muss nur ein Wort auswechseln und aus "Juden" "Muslime" machen, um zu sehen, wie aktuell Aschers Beobachtungen noch heute sind. Umso erstaunlicher, dass kaum jemand mehr den Journalisten, Philosophen und Privatgelehrten kennt.

In der Tat sind die bekannten äußeren Daten seines Lebens karg, nicht einmal ein Porträt ist überliefert. Seine Mutter, Deiche Aaron, stammte aus Frankfurt/Oder, sein Vater, Anschel Jaffe, war Bankmakler in Berlin. Dort kam Saul Ascher am 6. Februar 1767 zur Welt. Er besuchte das Gymnasium (wohl in Landsberg an der Warthe) und heiratete 1789 Rahel Spanier aus Bielefeld; sie hatten eine Tochter. Nur 55 Jahre alt, starb Ascher am 8. Dezember 1822 nach kurzer, schwerer Krankheit in Berlin.

Der Ort seines Leben und Wirkens blieb die preußische Hauptstadt. An die akademische Welt seiner Zeit allerdings fand er nicht recht Anschluss, eine Promotion scheiterte – zu unbequem war sein Denken. Freunde aber hatte er viele: Goethes Verleger Johann Friedrich Cotta zählte zu ihnen, auch Heinrich Heine. Geschrieben hat er mit großer Verve – für die Berlinische Monatsschrift, die Allgemeine Literaturzeitung Halle und etliche andere Blätter. Zwei gründete er selbst: Welt- und Zeitgeist und Der Falke hießen sie und waren leider kein Erfolg. Zusammen mit seinen politischen, philosophischen und religionskritischen Schriften ergibt sich ein beachtliches, bis heute nicht vollständig aufgearbeitetes Werk.

Im Kern hatten alle seine Essays und Aufsätze dasselbe Ziel: die Rechtsordnung gegen jede Form der Identitätsmystik zu verteidigen. Das war es, worum es Ascher zeitlebens ging. Und damit stand er im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Publizisten des frühen 19. Jahrhunderts, die unter dem Eindruck der napoleonischen Besatzung weniger Staat und mehr Nation forderten. "Germanomanie" nannte Ascher deren nationale, auf ethnische Reinheit und kulturelle Überlegenheit zielende Leidenschaften.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Diese "Germanomanen" waren ein sozial wie ideologisch zusammengewürfelter Haufen Leute, die sich vor der Zukunft fürchteten, eine Männergesellschaft, die sich in Turner- und Burschenschaften und in mehr oder weniger geheimen Clubs wie dem Tugendbund traf. Zu ihnen gehörten Aristokraten, die ihre Standesrechte verloren hatten, Kirchenmänner, denen die Schafe und Pfründen abhandenkamen, Akademiker, die um ihre sicher geglaubten Karrieren fürchteten, Bürger, die Angst hatten, Opfer freieren Handels zu werden. Die Germanomanen einte ihr Nein zur bürgerlichen Gesellschaftsverfassung.

Ihre Forderungen und Ziele waren zutiefst widersprüchlich: Hass gegen alle "Südländer", insbesondere gegen Frankreich. Deutschtümelei, Marktradikalismus (sofern der Markt die eigenen Geschäfte förderte), Protektionismus (sofern der Markt die eigenen Geschäfte hinderte), Obrigkeitsgläubigkeit, Antisemitismus, Gegenaufklärung, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Mystizismus und Exzentrik – es war für jeden etwas dabei.