Es waren Sätze, die ins Mark trafen: "Die Juden, heißt es, sind weder Deutsche noch Christen, folglich können sie nie Deutsche werden. Sie sind als Juden der Deutschheit entgegengesetzt." Die Christen dürften die Juden daher höchstens mit der Einschränkung dulden, "daß man überzeugt sei, sie treten der Deutschheit nicht in den Weg".

Die Germanomanie. Skizze zu einem Zeitgemälde war die Streitschrift betitelt, aus der diese bitteren Zeilen stammen. Verfasst hat sie im Jahr 1815 ein Mann namens Saul Ascher, Literat und Verleger in Berlin – und selbst Jude. Gerichtet war sie gegen den grassierenden religiösen wie nationalistischen Antisemitismus der Zeit. Doch man muss nur ein Wort auswechseln und aus "Juden" "Muslime" machen, um zu sehen, wie aktuell Aschers Beobachtungen noch heute sind. Umso erstaunlicher, dass kaum jemand mehr den Journalisten, Philosophen und Privatgelehrten kennt.

In der Tat sind die bekannten äußeren Daten seines Lebens karg, nicht einmal ein Porträt ist überliefert. Seine Mutter, Deiche Aaron, stammte aus Frankfurt/Oder, sein Vater, Anschel Jaffe, war Bankmakler in Berlin. Dort kam Saul Ascher am 6. Februar 1767 zur Welt. Er besuchte das Gymnasium (wohl in Landsberg an der Warthe) und heiratete 1789 Rahel Spanier aus Bielefeld; sie hatten eine Tochter. Nur 55 Jahre alt, starb Ascher am 8. Dezember 1822 nach kurzer, schwerer Krankheit in Berlin.

Der Ort seines Leben und Wirkens blieb die preußische Hauptstadt. An die akademische Welt seiner Zeit allerdings fand er nicht recht Anschluss, eine Promotion scheiterte – zu unbequem war sein Denken. Freunde aber hatte er viele: Goethes Verleger Johann Friedrich Cotta zählte zu ihnen, auch Heinrich Heine. Geschrieben hat er mit großer Verve – für die Berlinische Monatsschrift, die Allgemeine Literaturzeitung Halle und etliche andere Blätter. Zwei gründete er selbst: Welt- und Zeitgeist und Der Falke hießen sie und waren leider kein Erfolg. Zusammen mit seinen politischen, philosophischen und religionskritischen Schriften ergibt sich ein beachtliches, bis heute nicht vollständig aufgearbeitetes Werk.

Im Kern hatten alle seine Essays und Aufsätze dasselbe Ziel: die Rechtsordnung gegen jede Form der Identitätsmystik zu verteidigen. Das war es, worum es Ascher zeitlebens ging. Und damit stand er im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Publizisten des frühen 19. Jahrhunderts, die unter dem Eindruck der napoleonischen Besatzung weniger Staat und mehr Nation forderten. "Germanomanie" nannte Ascher deren nationale, auf ethnische Reinheit und kulturelle Überlegenheit zielende Leidenschaften.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Diese "Germanomanen" waren ein sozial wie ideologisch zusammengewürfelter Haufen Leute, die sich vor der Zukunft fürchteten, eine Männergesellschaft, die sich in Turner- und Burschenschaften und in mehr oder weniger geheimen Clubs wie dem Tugendbund traf. Zu ihnen gehörten Aristokraten, die ihre Standesrechte verloren hatten, Kirchenmänner, denen die Schafe und Pfründen abhandenkamen, Akademiker, die um ihre sicher geglaubten Karrieren fürchteten, Bürger, die Angst hatten, Opfer freieren Handels zu werden. Die Germanomanen einte ihr Nein zur bürgerlichen Gesellschaftsverfassung.

Ihre Forderungen und Ziele waren zutiefst widersprüchlich: Hass gegen alle "Südländer", insbesondere gegen Frankreich. Deutschtümelei, Marktradikalismus (sofern der Markt die eigenen Geschäfte förderte), Protektionismus (sofern der Markt die eigenen Geschäfte hinderte), Obrigkeitsgläubigkeit, Antisemitismus, Gegenaufklärung, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Mystizismus und Exzentrik – es war für jeden etwas dabei.

"Fanatiker im Eifer der Germanomanie"

Während der napoleonischen Besetzung gewann der germanomane Furor an Stärke. Zu den prominenten Vordenkern und Stichwortgebern gehörten Publizisten wie Ernst Moritz Arndt, der den Hass gegen die Franzosen zur "Religion" des deutschen Volkes erhob, der Philosoph Johann Gottlieb Fichte mit seinen berühmten Reden an die deutsche Nation, und der deutschtümelnde "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn. Auch noch radikalere Antisemiten wie der pietistische Hassbürger Hartwig von Hundt-Radowsky, der schon damals von einer Vernichtung der Juden träumte, wurden gelesen und gehört.

"Was beabsichtigen diese Fanatiker in dem Eifer ihrer Germanomanie?", heißt es in Saul Aschers Flugschrift von 1815. "Wozu die Anregung zu einem Kreuzzuge gegen alles Undeutsche oder Ausländische? Soll Deutschland das Beispiel zur Zwietracht und zum Nationalhaß aufstellen? Gibt es denn für Deutschland kein anderes Mittel, seine Selbständigkeit und Eigenheit zu erhalten? Hat es nicht einen Fonds von Kräften, diese Lage zu erschwingen, in der Geradheit, Betriebsamkeit und der Kraft seiner Nation?" – Worte von bedrückender Prophetie.

Und Ascher hatte auch eine Antwort auf die von ihm gestellten Fragen. Er wollte das Beste aller Kulturen, aller Zeitalter und Nationen in sein Denken aufnehmen (wobei er mit "alle Kulturen" wie die meisten Denker seiner Zeit nur die europäischen meinte). In eine Schublade ließ er sich nicht stecken: An sich ein vehementer Befürworter der fortschrittlichen Kraft Napoleons, hatte er bereits 1807 dessen Sklavenpolitik in den französischen Kolonien kritisiert und zu diesem Zweck – was brandgefährlich war – die antirassistischen Schriften des Napoleon-Gegners Abbé Grégoire aus dem Französischen übersetzt und verbreitet.

Den Deutschen sprach er gerade wegen ihrer Zerrissenheit eine wichtige Rolle in Europa zu: als historisches Durchmarschgebiet europäischer Völker und Heere, als Nation von Kleinstaaten, ohne einheitliche Religion. Diese Heterogenität zwinge gerade die Deutschen zu besonderer Skepsis gegenüber Reinheitsfanatikern und völkischen Enthusiasten.

Ascher hatte früh verstanden, dass die widersprüchlichen und unausgegorenen Forderungen der Germanomanen letztlich allein auf die Stimmung zielten. Und er erkannte, wie sehr diese Stimmungsmache von antisemitischen Ressentiments genährt wurde. "Um das Feuer der Begeisterung zu erhalten, muß Brennstoff gesammelt werden, und in dem Häuflein Juden wollten unsere Germanomanen das erste Bündel Reiser zur Verbreitung der Flamme des Fanatismus hinlegen", befürchtete er.

Wer würde ihn heute schätzen?

Der deutsche Nationalismus des frühen 19. Jahrhunderts und sein fremdenfeindlicher, antifranzösischer Impuls werden gerne mit dem Hinweis auf die napoleonische Gewaltherrschaft relativiert. Aschers Beispiel zeigt, dass aus dieser Erfahrung keineswegs zwangsläufig nationalistischer Überschuss resultieren musste. Wie auch etliche Germanomanen hatte er für Frankreich und Napoleon geglüht, solange dieser noch den Fortschritt verkörperte. Doch als die imperialistischen Abenteuer zunehmend Unterdrückung, Krieg und Leid bewirkten, wandte er sich ab. Dass der Bonapartismus also zu Empörung und Widerstand führen musste, war ihm früh bewusst.

Zur Germanomanie aber gehörte noch mehr, wie Ascher erkannte. Den Germanomanen ging es nicht um die Beseitigung von Missständen, sondern um die Fantasie eines überlegenen Deutschtums. Ihre aggressive Leitkulturrhetorik machte Ascher mitunter ratlos. Über die "Grundsätze, welche die sonst nicht zu verachtende Geisteskraft dieser deutschen Denker hier aufstellt", schrieb er, ließe sich im Grunde nur "die Achsel zucken".

Er hielt den Germanomanen seine Idee eines Staatshumanismus entgegen. Denn anders als die Nation, die sich durch Ausschluss und Ausgrenzung definiere, könne der Staat die Partizipation der Allgemeinheit an den stetig wachsenden sozialen Reichtümern garantieren. Der Staat sei also nicht einfach Wohltatsverteilstelle oder Deeskalationsinstrument für soziale Kämpfe. Er bewirke, schrieb Ascher, durch die ihn leitende Regierungskunst eine höhere, dem Ideal der Gerechtigkeit zugewandte Alternative, die in der Lage sei, die sozialen, religiösen, kulturellen Antagonismen aufzuheben.

Aschers Argumentation allerdings hatte einen großen Nachteil: Nicht nur unterschätzte er die Gefahren, die ein starker Staat mit sich bringen kann. Seine Theorie, so klar und schlüssig er sie auch darlegte, vermochte es auch nicht, das Publikum emotional anzusprechen: Die "ungesellige Geselligkeit" (Kant) des Rechtsstaates hatte es schwer gegen die liebenden Bluts- und Gesinnungsbande der Volksgemeinschaft.

Ascher machte sich mit seiner Kritik früh Feinde. Schon 1794, gerade 27 Jahre alt, warf er Johann Gottlieb Fichte rassistischen Antisemitismus vor. Dies brachte ihm eine gewisse Berühmtheit ein – und besiegelte zugleich seine lebenslange Außenseiterstellung.

Die Germanomanen freilich hatten die Kritik verstanden und heulten auf. Als 1817 eine Gruppe Burschenschafter auf der Wartburg in Thüringen den Sieg über Napoleon in der Leipziger "Völkerschlacht" von 1813 und den 300. Jahrestag der Reformation feierte, flogen unter dem Motto "Ehre, Freiheit, Vaterland" verhasste Schriften ins Feuer. Auch Saul Aschers Germanomanie übergaben die Studenten den Flammen – nicht ohne begleitenden Sinnspruch: "Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und wollen über unser Volksthum und Deutschthum spotten und schmähen!" Judentum und "Deutschtum" als Gegensätze – genau das war es, wogegen Ascher stritt.

Zeitlebens definierte er jede kollektive Zugehörigkeit allein über das Achten des Gesetzes. Seine Worte klingen aktueller denn je: "Man fragt nicht oder sollte nicht fragen: Was denkt der Ankömmling?, sondern: Was treibt er, wie lebt er? Fügt er sich in die Gesetze des Staates, so ist er ein guter Bürger."

Ferner fordert Ascher staatsbürgerliches Engagement. Nur dies könne schützen vor dem pervertierten Freiheitsgestus der Germanomanen, die Freiheit als Befreiung vor vermeintlicher Ent- und Überfremdung begriffen, vor der zwanghaften "Reinigung" des Eigenen und seines Eigentums von imaginären Formen des Nichtidentischen und Nichtauthentischen.

Eine Schwäche in seinem Denken ist, dass ausgerechnet er, der als Jude die Erfahrung von Diskriminierung machen musste, zum Verhältnis von Religion und Staat nicht viel beizutragen hat. Mit Blick auf die Zukunft der Religionen bietet er allein eine Art "Indifferentismus" an – weder auf Form noch auf Dogmatik legt er sonderlichen Wert. Auf die entscheidende Frage, bis zu welchem Grad eine Religion sich anpassen kann, ohne aufzuhören, sie selbst zu sein, hat er keine Antwort.

Dass Saul Ascher bis heute nicht gelesen und gelehrt wird, hat freilich andere Gründe. Es liegt daran, dass er es noch immer niemandem recht macht. Den Linken nicht, die den Staat vor allem als Vergabestelle für wohltuende Subsistenzmittel sieht. Den Liberalen nicht, die den Staat als Feind ansehen – außer dort, wo es den Interessen der Liberalen frommt (dann kann kein Rettungspaket, keine Subvention und keine Nachsichtigkeit in Rechtsdingen groß genug sein). Dass konservativ-reaktionäre Kreise Ascher ignorieren, erklärt sich von selbst.

Wer würde Ascher dann heute schätzen?

Vielleicht jene, die den Parteien in jüngster Zeit beherzt Adieu gesagt haben. Diejenigen, die sich ohne Handbuch und Leitung verhalten haben, als gäbe es Handbuch und Leitung: die sich an Bahnhöfe und in Auffangorte für Flüchtlinge gestellt und gehandelt haben, als wären sie bestellt. Von diesen Bürgern könnte die Frage nach den Aufgaben und Zwecken staatlichen und gesellschaftlichen Handelns neu gestellt werden, eine Frage, die in der unbequem-konstruktiven Tradition eines Saul Ascher steht.

Der übrigens hatte auf die Verbrennung seines Buches Anfang 1818 mit der Polemik Die Wartburgsfeier reagiert. Verbrannten sie Die Germanomanie etwa, "weil ich darin behauptet, daß jeder Mensch ebenso organisiert wie der Deutsche ist, daß das Christentum keine deutsche Religion sei, daß Deutschland nicht vorzugsweise den Urdeutschen zum Wohnsitz ausgewiesen ist", fragte Ascher darin. Und: "Hatte ich denn etwa nicht recht, zu folgern, daß diejenigen, die das Gegenteil lehren, von Vorurteil, Egoismus und Habsucht besessen sind?" Sätze, die ins Mark treffen, noch heute.