Immer wieder lesen wir Berichte, wonach Frauen in Flüchtlingsunterkünften Opfer von Gewalt und sexueller Belästigung werden. Verlässliche Zahlen über das Ausmaß dieses Problems sind zwar nicht zu bekommen – wohl aber lassen sich Erklärungen dafür finden, warum Frauen, die ohne männliche Begleitung unterwegs sind, besonders gefährdet sind. Was kann man tun, um diese Frauen zu schützen?

Zum einen begünstigen natürlich die oft provisorischen und beengten Flüchtlingsheime solche Übergriffe. Vor allem aber liegen ihnen traditionell-kulturelle Ursachen zugrunde.

Nicht alle Flüchtlinge sind Bildungsbürger aus den Großstädten. Viele Zuwanderer stammen aus ländlichen und wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten, in denen Massenarbeitslosigkeit, Armut und teilweise Analphabetismus herrschen. In Ländern wie Afghanistan, Somalia oder der arabischen Welt haben Tradition, Geschlechtertrennung und ein radikales Verständnis von der Ehre einen hohen Stellenwert. Und genau deshalb ist es für Frauen besonders bedrohlich, wenn sie plötzlich ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen.

Beginnen wir mit der Bedeutung von Ehre und wie sie sich nach traditionellem muslimischen Verständnis ausdrückt. Dem Wert der Ehre liegt die Vorstellung einer klaren Grenze zugrunde, die Innen (Familie) von Außen (Öffentlichkeit) trennt. Die Ehre des Mannes ist verletzt, wenn diese Grenze überschritten wird, wenn also beispielsweise jemand von außen einen Angehörigen, in den meisten Fällen eine Frau aus der Familie, belästigt oder angreift. Wer in einem solchen Fall den Angehörigen nicht bedingungslos verteidigt, gilt als ehrlos.

Der zweite Teil der Ehre betrifft die Sexualität. Denn die Ehre regelt nicht nur die Beziehung von Innen und Außen, sie bestimmt auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Für die Frau bedeutet Ehre, dass sie bis zur Ehe ihre Jungfräulichkeit bewahrt und während der Ehe treu bleibt. Die Ehre eines Mannes indes hängt vor allem vom Verhalten seiner Frau ab. Ehre bedeutet, dass die Männer die Sexualität ihrer Ehefrauen, Töchter und Schwestern kontrollieren, während die Frauen passiv auftreten und nach innen (in die häusliche Umgebung) orientiert sind. Die dominante Rolle des Mannes wird gewissermaßen von Frauen erwartet. Sonst wäre der Mann kein angemessener Verteidiger der Familienehre, und die weiblichen Familienmitglieder wären unsicher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Dies führt zu einer zweiten Wertvorstellung, die, wenn sie unter den Bedingungen der Flucht nicht zu erfüllen ist, Männern falsche Signale senden kann: der traditionellen Zuweisung von Geschlechterrollen. Mädchen und junge Frauen, so will es dieses Verständnis, sollen sich in unmittelbarer Nähe der Eltern und männlichen Begleiter aufhalten. Junge Frauen sollen nicht allein unterwegs sein, weil sie sonst Gefahr laufen, von Männern angesprochen zu werden. In ländlich-traditionellen Gebieten sollen die Frauen ohne Genehmigung der Väter oder Ehemänner nicht einmal das Haus verlassen. Außerdem sollen Mädchen und junge Frauen lernen, sich in Anwesenheit anderer ruhig zu verhalten und nicht aufzufallen. Spätestens in der Pubertät sollten sowohl der Junge als auch das Mädchen ihre Rollen in der Familienhierarchie erlernt und übernommen haben. Die männlichen Rollenzuschreibungen lauten Dominanz, Stärke und Selbstbewusstsein. Die weiblichen lauten Schamhaftigkeit, Zurückhaltung, Gehorsamkeit.

Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wenn eine Frau ohne männliche Begleitung unterwegs ist, gilt sie als ungeschützt. Wer sie sexuell bedrängt, muss keinen Widerspruch ihrer Familie befürchten, mit anderen Worten: überhaupt keinen Widerspruch. Viele Männer betrachten Frauen, die allein reisen, nicht nur als Abtrünnige, sondern auch als ehrlos, eben weil sie sich keinem männlichen Schutz unterwerfen. Belästigung scheint aus Sicht mancher Männer dann legitim. Was staatliche Sanktionen angeht, können die Täter annehmen, dass sich vergewaltigte Frauen aufgrund von Scham und verletzter Ehre nicht der Polizei anvertrauen werden. Dasselbe gilt gegenüber Freunden und Bekannten.

Was also ist zu tun? Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, sämtliche arabischen Männer seien in solchen traditionellen Rollen verhaftet und bedrängten alleinstehende Frauen. Sicher begründen auch Perspektivlosigkeit, Langeweile, Stress oder Abenteuerlust das Verhalten einiger Männer in Flüchtlingsunterkünften.

Trotzdem wäre es wichtig, die Unterkünfte nach Familien und alleinstehenden Frauen auf der einen Seite und alleinstehenden Männer auf der anderen Seite zu trennen. Deutschland würde damit keineswegs den Eindruck vermitteln, gewissen anachronistischen Moralvorstellungen entgegenzukommen. Denn in den Herkunftsgebieten der Flüchtlinge, und nicht nur in traditionellen Regionen, sind solche Trennungen üblich.

Der beste Schutz allerdings ist und bleibt, den Flüchtlingen rasch eine Zukunftsperspektive zu bieten. Denen, die nicht bleiben können, muss früh kommuniziert werden, dass sie gehen müssen. Diejenigen, die bleiben dürfen, müssen zügig durch dezentrale Unterbringungen, Angebote in Deutsch- und Integrationskursen und Erteilung von Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen integriert werden. Und Männer, die straffällig werden und andere Frauen belästigen oder vergewaltigen, müssen mit harten strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Dazu müssen allerdings die betroffenen Frauen ermutigt werden, Anzeige zu erstatten, wenn sie belästigt werden.