Es gibt eine fromme Lüge über das Sterben, an die würden wir alle gern glauben. Sie lautet: Das geht heute schmerzfrei. Man muss nur die richtigen Medikamente einnehmen und beizeiten eine Patientenverfügung unterschreiben. Doch, doch, rufen die Propagandisten der kassenärztlich garantierten Schmerzfreiheit, wenn man ihnen von einer Leidensgeschichte erzählt, die man selbst mit angesehen hat – bei dem schwer kranken Vater oder dem Kind. Dieses Leid hätte nicht sein müssen!

Schade, dass das nicht stimmt. Jeder medizinische Laie, der erlebt hat, wie ein geliebter Mensch trotz "ausreichender" Palliativversorgung vor Schmerzen wimmerte, jeder Arzt, der moribunde Krebspatienten behandelt, wird bezeugen: Sterben kann grausam sein, auch heute. Deshalb gibt es unserer modernen, siegesgewissen, fürs Sterbenlassen nicht gemachten Medizin zum Trotz noch den Wunsch nach Sterbehilfe. Hilfe wünschen sich jene, die über das ihnen erträgliche Maß hinaus leiden oder sich davor fürchten.

Ein Arzt, der Sterbehilfe leistet, kann seine Approbation verlieren

Ob sie künftig von einem deutschen Arzt Beistand erwarten dürfen, darüber entscheidet diese Woche der Bundestag. Aber Achtung: Es geht um "ärztlich assistierten Suizid" und nicht etwa darum, dass ein Arzt über den Todeszeitpunkt eines anderen Menschen befindet. Es geht nicht darum, Kranke eigenmächtig oder aufgrund eines irgendwann geäußerten, vielleicht schon revidierten Sterbewunsches zu töten. Sondern nur darum, ob Sterbewillige ein tödliches Medikament ausgehändigt bekommen dürfen. Und ob, wenn sie nicht imstande sind, dieses Medikament selbst einzunehmen, eine Methode gefunden werden kann, bei der sie selbst eine Vorrichtung betätigen, etwa eine Morphiumpumpe, die ihnen die tödliche Dosis zuführt.

Das klingt kalt und kompliziert, und noch komplizierter erscheint die Sache dadurch, dass nun vier Gesetzesentwürfe vorliegen, darunter einer, den Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe favorisiert. Er möchte, grob gesagt, Sterbehilfe und zumal die organisierte, erschweren. Andere wollen Sterbehilfe erleichtern, einige sogar aktive Sterbehilfe zulassen. Letzteres dürfte von vornherein nicht mehrheitsfähig sein. Ergibt sich die schlichte Frage: Dürfen freie Bürger ihren Todeszeitpunkt und auch die Todesart frei wählen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf besaß diese Freiheit nicht, als er sich im Jahr 2013 mit einer Smith & Wesson erschoss. Es war die Abschiedsgeste eines starken, unabhängigen Mannes, aber vielleicht hätte der krebskranke Herrndorf es doch vorgezogen, von seinem Arzt einen tödlichen Cocktail zu bekommen. Er hatte leider keine Wahl. Denn der assistierte Suizid ist in Deutschland zwar straffrei. Aber ein Arzt, der Sterbehilfe leistet, kann seine Approbation verlieren. Das besagt das Standesrecht. Es kann also kein Arzt daran interessiert sein, beim Sterben zu helfen. Die Mehrheit der Ärzte möchte laut Statistik ihren Patienten nicht beim Suizid assistieren. Zugleich würden dieselben Ärzte im Ernstfall gern Sterbehilfe für sich in Anspruch nehmen, genau wie die Mehrheit der deutschen Bevölkerung.

Es ist ein Dilemma. Man entkommt ihm nicht, indem man assistierten Suizid als Euthanasie verteufelt. Oder zu bedenken gibt, Sterbewillige könnten es sich wieder anders überlegen. Dass uns jemand zwingen könnte, zu einem einmal geäußerten Todeswunsch zu stehen, ist nun wirklich in keinem Gesetzesentwurf vorgesehen.

Udo Reiter, der Fernsehmann, der sich ebenfalls erschoss, schrieb in seinem Abschiedsbrief: "Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine Kräfte so rapide abgenommen, dass ich mit dem vollständigen Verlust meiner Selbstständigkeit rechnen muss." Ein solcher Zustand widerspreche seinem Selbstbild, er wolle nicht als abhängiger Pflegefall enden. Abhängig zu enden: Das ist die große Angst einer alternden Gesellschaft. Die Kirchen sagen, dagegen helfe nur, anderen zu vertrauen. Im Übrigen sei das menschliche Leben "unverfügbar". Das ist wahr, aber allenfalls für diejenigen, die an Gott glauben. Wieso sollte eine freiheitliche Gesellschaft Gottes Verfügungsgewalt über das Leben präventiv verteidigen?

Gegner der Sterbehilfe sagen: Man dürfe nicht aus Extremfällen eine Norm ableiten. Man dürfe den assistierten Suizid nicht regeln. Leider ist er – indirekt – bereits geregelt, sodass es in Deutschland heute kaum möglich ist, Sterbehilfe zu finden. Das könnte sich ändern, wenn die Freiheit des Einzelnen, über seinen Tod zu bestimmen, von allen anerkannt würde. Und wenn der Bundestag diese Freiheit endlich gewährt.

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Bundestag - "Der Giftbecher auf dem Nachttisch kann nicht die Antwort sein"