Der Rucksack war plötzlich da. Es war wie im Film, wenn der Held mit den Augen blinzelt, und auf einmal ist da etwas, wo vorher nichts war. Ein schwarzer Rucksack lag zwischen den Wellen, die sanft auf den Strand ausliefen, und keine fünf Meter entfernt lag ein Mann auf seinem Liegestuhl und wunderte sich: Wo kam jetzt dieser Rucksack her?

Der Mann heißt Jonas Anderhub und ist Schweizer. In der vergangenen Woche hatte er diesen Strand lieb gewonnen; nun neigte sich der Tag, sein letzter auf der Insel Kos. Es war der 3. August 2015, unter der Abendsonne lag der schmale Strand fast menschenleer. Anderhub, ein Mann von herzhafter und doch tiefsinniger Art, 39 Jahre alt, von Beruf Komiker, war nach Griechenland geflogen, um allein zu sein – mit sich, mit seinen Gedanken. Und mit dem Meer.

Getrieben von Neugier und einer Art Ehrfurcht, nähert er sich dem Rucksack. Das Surren des Reißverschlusses. Anderhub zögert. Dann hält er eine feuchtfleckige Jeans in den Händen, mit spitzen Fingern, so wie man Schmutzwäsche anfasst. Eine Wasserflasche taucht auf. Ein Kamm. Zahnbürste, Rasierer, Tabletten, zwei Packungen Chips von Pringles. Anderhub hat das Gefühl, in den Eingeweiden eines fremden Lebens zu wühlen.

Hier, eine kleine Plastiktasche. Darin Papiere, wellig und nass. Ein Pass, Falkenwappen, eng beschrieben, ist das Arabisch? Anderhub schaut in das Gesicht eines jungen Mannes – Segelohren, die Nase breit, der Blick ernst, fast stechend. Und da sind noch zwei weitere Passfotos: ein Junge und ein Mädchen, vielleicht zwei und fünf Jahre alt. Wie Kinder aus der Nachbarschaft, denkt Anderhub.

Er ahnt jetzt, das sind Flüchtlinge. Er hatte solche Menschen ja in den Straßen von Kos gesehen, jeden Tag kamen sie zu Hunderten in klapprigen Booten von der türkischen Küste. Anderhub hatte ihnen sogar Wasser gebracht und ein paar Worte gewechselt mit einigen dieser Fremden, für die hier Europa beginnt. Aber dieser Rucksack, diese Flaschenpost aus einem anderen Leben ... Es ist für Anderhub, als schrumpfe die Weltpolitik mit ihren großen Wörtern, Flüchtlingskrise, europäische Außengrenzen, sicherer Herkunftsstaat – als schrumpfe all das plötzlich auf das Maß des Menschlichen. Auf ein Schicksal, ein Rätsel. Jemand packt einen Rucksack, sorgfältig wie ein Bergsteiger; jedes Ding darin muss seinen Nutzen erweisen. Jemand steigt in ein Boot.

Und dann? Hat die See diese Familie verschluckt? Oder ging nur der Rucksack verloren – und die Familie lebt?

Dieser Text stammt aus "Z – Zeit zum Entdecken", dem neuen Ressort der ZEIT.

Es heißt, alles hänge mit allem zusammen. Aber das stimmt nicht ganz. Alles hängt nur dann mit allem zusammen, wenn wir es wollen. Was würdest du tun, wenn dir am Strand ein fremdes Schicksal vor die Füße gespült wird? Seit jenem Augusttag hat Jonas Anderhub diese Frage vielen Leuten gestellt, er bekam viele verschiedene Antworten. Seine eigene Antwort entdeckte er in jenen Minuten.

Er beschließt, diese Familie zu suchen. Im Hotelzimmer legt er die Dokumente zum Trocknen aus. Tags darauf fliegt er heim, die Papiere der Fremden im Handgepäck.

In Luzern geht Jonas Anderhub zur Polizei. Sie schickt die Fundstücke zum Staatssekretariat für Migration, der Flüchtlingsbehörde der Schweiz. Zu Hause setzt sich Anderhub hin und schreibt einen Brief. An die Zeitung, die er abonniert hat, die ZEIT. "In mir entwickelt sich der Gedanke, dass ein Journalist dieser Geschichte nachgehen könnte. Diesem Schicksal. Nur eines von Tausenden. Ein Journalist kann vielleicht herausfinden, ob der Flüchtling und seine beiden Kinder noch leben?"

Einige Wochen danach stehe ich, der Journalist, am Strand, wo alles begann. Es ist ein trüber Tag im Herbst. Niemand zu sehen. Ich wende mich landeinwärts. Eine Küstenstraße zieht sich durch räudiges Niemandsland aus Schafweiden, Betonruinen, Hotelburgen. Jonas Anderhubs Urlaubshotel, das Diamond Deluxe, erhebt sich gleich jenseits der Straße. Eine distinguierte Anlage, mit weißen Pavillons und viel Naturstein. Hier fange ich an.

Flüchtlinge? Die junge Frau an der Rezeption sagt, dass es dazu nichts zu sagen gebe. Der Barmann am einsamen Pool aber, er hat Lust auf ein Gespräch. "Die Boote kommen immer nachts oder frühmorgens. Die Fremden bleiben nicht lange. Wenn ich Frühschicht hab, sehe ich sie aus der Ferne. Sobald sie fort sind, räumen unsere Leute den Strand leer. Plastikpaddel, Schwimmwesten, solches Zeug. Damit alles sauber ist, wenn unsere Gäste vor dem Frühstück ins Meer wollen."

Es ist seltsam. Wenn die Flüchtlinge nachts anlanden, warum tauchte der Rucksack dann erst abends auf? Ließ sich die Strömung Zeit, ihn herzutragen – oder fiel er weit draußen ins Meer?

Unsere Familie hat inzwischen Namen. Zu Hause in Hamburg habe ich die Papiere aus dem Arabischen übersetzen lassen.

Abdulrahman Alyasin, geboren 1983.

Religion: Muslim, Heimatstadt: Hama, Syrien.

Die Registriernummer stammt aus dem Aliliyat-Viertel.

Die Kinder heißen Muhammad Uday und Mary. Aus einem Bestätigungsschreiben geht hervor, dass sie nach dem 17. Dezember 2013 in den Libanon ausreisten; nur mit ihrer Mutter Rascha, ohne den Vater. Ein anderes Schreiben beglaubigt Abdulrahmans Aufenthalt in staatlicher Haft vom 30. Juli 2013 bis 15. September 2013. Dürre Zahlen, ein paar Fakten. Das ist alles.

Diese Geschichte hat viele Vielleichts

Man kann erahnen, was die Alyasins am Strand erwartete, wenn man mit den Leuten von Stichting Bootvluchteling loszieht, einer NGO aus den Niederlanden. Die Nacht weicht gerade dem Morgen, als wir über die Küstenstraße gleiten, das Auto voll mit Kleidung, Keksen und Wasser. Merel, Frederieke und Elsemiek, drei junge, zupackende Niederländerinnen, sind hier so etwas wie Europas Willkommenskomitee.

Merel stoppt. Eine Gruppe Männer drängt sich am Strand. Sie zittern vor Kälte, ihre Blicke erst misstrauisch, dann dankbar. Sie seien aus Myanmar, erzählen sie, und dass sie vor einer Stunde Festland betraten.

Sie sind durch halb Asien gewandert, Rucksäcke besitzen sie nicht. Manche immerhin eine Plastiktüte. Drüben in der Türkei hörten sie, wie andere Flüchtlinge stundenlang mit den Schleusern stritten, ob ihre Habe an Bord dürfe. Hundert Euro pro Gepäckstück, mindestens – auf der Flucht wird ein Rucksack zum sozialen Merkmal, das die Reisenden in Privilegierte und Verlierer teilt. Als ich Jonas Anderhubs Fotos vom Rucksackinhalt der Alyasins zeige, sagt Merel mit Kennerblick: "Die waren gut ausgestattet. Arm sind die nicht."

Alle Flüchtlinge auf Kos haben dasselbe Ziel. Sie steuern die Polizeiwache in der Altstadt an, wo jeder registriert werden muss – auch wenn er keine Papiere vorzeigt. Wer den weißen Meldeschein in den Händen hält, darf auf die Fähre nach Athen.

Vor der Wache wartet Dionysia, meine Übersetzerin. Wir lächeln uns durch die Instanzen, dann stehen wir im zweiten Stockwerk des Sandsteinbaus vor Oberst Georgakakos, dem Polizeichef. Unser Fall sage ihm nichts, meint der freundliche Herr; es habe auch niemand nach einem Rucksack oder verlorenen Pässen gefragt. Weitere Auskünfte dürfe er nicht geben. Von unten, aus dem Hof, hallen die Befehle seiner Beamten herauf: "Go! Go! Now! Fingerprint!"

Vielleicht waren die Pässe gefälscht, sagt der Polizeichef noch. Vielleicht gibt es gar keine Familie Alyasin.

Vielleicht fiel ihr Rucksack in der Panik beim Aussteigen über Bord, sagt Kerim aus Syrien, der vor der Wache um seinen Schein ansteht.

Vielleicht sind sie ertrunken, hatte der Barkeeper im Diamond Deluxe Hotel gesagt.

Diese Geschichte hat viele Vielleichts. Wir irren durch die Straßen der Insel und wissen nicht weiter, da hat Dionysia eine Idee. Sie habe da eine Bekannte bei der Küstenwache. Wir eilen zu einem anderen Sandsteinbau, wo die Bekannte hinter einem Rechner sitzt und uns herzlich begrüßt. Sie könne auf das Meldesystem der Polizei zugreifen, sagt sie.

"Einen Augenblick ... Hmmm. Kinder finde ich nicht. Aber hier! Abdulrahman Alyasin. Registriert am 3. August. Keine weiteren Angaben."

Abdulrahman Alyasin lebt. Er hat es an Land geschafft und dort eine winzige Spur hinterlassen. Jetzt muss er allein unterwegs sein, ohne seine Familie, irgendwo in Europa.

"Wahnsinn!", ruft Jonas Anderhub daheim in der Schweiz ins Telefon. Dann bricht sein Jubel ab. "Und was ist mit den Kindern?" Nach offiziellen Angaben starben in den ersten zehn Monaten dieses Jahres 417 Menschen im Meer vor Griechenland. Die Datenbanken der großen Organisationen melden für die Zeit um den 3. August zwar kein Unglück mit Toten, aber das muss nichts heißen. Datenbanken können sich nämlich irren.

Inmitten des großen Trecks muss Alyasin nach Norden gezogen sein, ein kleiner Punkt in der Menge. Es hat keinen Sinn, ihm nachzureisen. Er könnte längst am Ziel sein.

Eine nette Frau vom Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gibt mir Auskunft, obwohl sie es nicht darf: Ein Herr Abdulrahman Alyasin sei nicht in Deutschland als Flüchtling registriert.

Ich kontaktiere das Rote Kreuz. Dessen Suchdienst kämpft darum, mit dem Tempo der Krise Schritt zu halten. Kinder werden auf der Balkanroute von den Eltern getrennt, Ehemänner landen im einen Lager und ihre Frauen im anderen. Eine Suchanfrage nach Alyasin haben sie beim Roten Kreuz nicht.

Es ist vertrackt. Man könnte natürlich auf Facebook schauen, aber der Name Alyasin ist so etwas wie ein syrisches Müller oder Schmidt. Es gibt sehr, sehr viele Alyasins.

Jonas Anderhub schreibt noch einmal der Schweizer Flüchtlingsbehörde, bei der Alyasins Papiere liegen. Er fragt, bittet, bettelt um Auskunft, "wie es um das Schicksal dieser Syrer steht". Er liest die Antwort, und er spürt, wie sehr das Tempo seiner Gefühle, die Neugier und das Helfenwollen mit der Trägheit des Staates kollidiert: "... Registrierung sämtlicher Flüchtlinge aufwendig ... Zuordnung der Dokumente entsprechend schwierig ... Wir bedauern, Ihnen keine ..."

"Wo ist er?", fragt mich Jonas Anderhub. "Wo sind sie?"

Es gibt keine Gebrauchsanweisung für Mitgefühl

Abdulrahman Alyasin bittet höflich darum, Jonas Anderhub umarmen zu dürfen. © Miquel Gonzalez

Vielleicht muss man zurück zum Ursprung, wenn man ans Ziel will. In den Krieg. In die Stadt Hama, ins Stadtviertel Aliliyat, aus dem Abdulrahman Alyasin stammt. Bilder im Netz zeigen ein Gewirr aus Straßen, mehrstöckige Wohnhäuser, zwei Moscheen mit silbern glitzernden Kuppeln. Im Sommer 2011, zu Beginn des Bürgerkriegs, gingen in Hama Hunderttausende auf die Straße, es war die größte Demonstration gegen das Regime. Im Jahr 2012 versammelten sich die Menschen von Aliliyat immer wieder zu spontanen Protesten, belegt durch Fotos und Videos. Für die Zeit danach stoppt der Informationsfluss plötzlich. Es ist, als habe man dem Viertel den Strom abgestellt.

Was damals geschah, erzählt A., ein Syrer mit der Sanftheit eines großen, kräftigen Mannes. Die Suche nach Flüchtlingen aus Alilyat hat mich in eine Wohnung fünf Gehminuten vom Berliner Hauptbahnhof geführt; A. fand hier Unterschlupf. Er sagt, das Regime habe eines Tages Bodentruppen ins Viertel geschickt, sie stürmten von Haus zu Haus. Heute sei das Viertel Aliliyat fest im Griff des Staates, und über den Gassen liege die Ruhe der Angst. "Da sind nur noch Kinder und Alte."

"Und die Männer?" – "In Haft oder geflohen. Oder tot."

"Kennen Sie die Familie von Abdulrahman Alyasin?"

"Sicher! Wer nicht! Die berühmten Konditoren!"

Die Alyasins besaßen mehrere Geschäfte, A. lächelt, wenn er davon erzählt. Man kaufte dort Knafeh, Teigtaschen, Pistazienkekse. Besonders schön sei der Stammladen gewesen. A. entwirft das Bild eines Cafés mit Glastheke und einem Dutzend Angestellten in eleganten Uniformen, eines Cafés, in dem Kinder zu fröhlichen Bettlern wurden und Touristen aus Europa ihr Geld ließen. Der alte Besitzer sei längst tot, seine Söhne hätten das Geschäft geerbt. Und einer dieser Söhne, glaubt A., könnte Abdulrahman sein.

"Du kannst ihn auf Facebook finden."

Und da ist er. Ich erkenne ihn sofort, als ich die Profilseite sehe. Die breite Nase, der geschwungene Mund, die Segelohren. Abdulrahman Alyasin steht in einem Hinterhof und lächelt scheu. Nur 15 Jahre älter als auf dem Passfoto. Spuren seines Lebens blättern sich auf:

2008: "hat geheiratet".

11.8.2015: "war hier": in Piräus, dem Hafen von Athen.

20.8.2015: "war hier": in Amsterdam.

23.8.2015: "nach Niederlande gezogen".

Zwei Minuten später sind wir, was auf Facebook "Freunde" heißt. Noch mal zwei Minuten später schickt er eine Telefonnummer, und ich höre Abdulrahman Alyasins Stimme, sein leises Arabisch. Er sagt als Erstes: "Wo sind meine Papiere?"

Am Abend dieses Tages tippt ein Schweizer zu Hause in Luzern in seinen Computer: "I am happy that you are alive! :-)", und in Hoogeveen, einer Kleinstadt nahe der deutschen Grenze, tippt ein Asylbewerber aus Syrien zurück: "Thank you!" Wir erfahren, dass Alyasins Frau und die Kinder sicher im Libanon sind. Er kam allein. Er wollte ihnen die Reise nicht antun.

In den Wochen der Suche hat Jonas Anderhub viel nachgedacht über diesen Mann. Hat überlegt, ihm eine Art Pate zu sein. Er könnte übers Netz Sprachunterricht geben. "Der hat bestimmt tausend Fragen", dachte Anderhub. Aber jetzt, wo er ihn kennenlernen kann, fühlt er sich nackt und seltsam unbeholfen. Darf man das: einfach neugierig sein? Plant er seinen Besuch nicht wie einen Überfall? Er erlebt die Hilflosigkeit, die im Helfen liegen kann. Es gibt keine Gebrauchsanweisung für Mitgefühl.

Immerhin haben wir dem Schweizer Flüchtlingsamt unseren Sucherfolg gemeldet, und es wird die Papiere an die niederländische Botschaft in Bern weiterleiten. Abdulrahman Alyasin wird sie bald in den Händen halten. Wenn alles gut läuft, werden sie ihm helfen, Asyl zu erhalten – und seine Familie nach Europa zu holen.

Was will Jonas Anderhub von diesem Fremden? Etwas, was er selbst kaum benennen kann, zieht ihn zu Alyasin.

Jonas Anderhub hatte seine Gründe, als er ganz allein nach Kos in Urlaub fuhr. Eine Woche vorher war sein Vater gestorben. Hirntumor, mit 66 Jahren. Es war alles sehr schnell gegangen, und Anderhub wollte am Meer Abschied nehmen. Er schrieb den Namen seines Vaters in den Sand und sah zu, wie die Wellen ihn auslöschten. Er sah all die Syrer und Afghanen und dachte daran, wie besorgt der Vater, dieser sonst so optimistische Mensch, in seinen letzten Lebensmonaten über die Flüchtlingskrise war. "Ich bin fast froh, dass ich jetzt gehe. Dass ich nicht erlebe, wie das politische Klima in Europa sich entwickelt." Diese Sätze hatte Anderhub noch im Ohr.

Dann lag da ein schwarzer Rucksack. Jonas Anderhub ist kein gläubiger Mensch, aber es fühlte sich an, als habe sein Vater ihm den Rucksack vor die Füße gespült. Und mit ihm eine Aufgabe.

Kann man das so schreiben, oder ist das Kitsch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Jonas Anderhub vor unserer Reise zu Abdulrahman Alyasin einkaufen geht. In einem Sportladen zeigt er dem Verkäufer ein Foto des Rucksacks vom Strand, den er auf Kos gelassen hat, und erkundigt sich nach ähnlichen Modellen. Zwei Tage später schultert er den Rucksack und macht sich auf den Weg zum Basler Flughafen.

Das Asielzoekerscentrum in Hoogeveen war mal ein Gefängnis. Es ist umgeben von den Resten einer Betonmauer. Durch eine Tür, in einen engen Korridor, Linoleumboden, der Geruch der Massenunterkunft. Bei jedem zweiten Araber, der ihm entgegenkommt, zuckt es in Anderhub: Das muss er sein.

"Salam Aleikum!", ruft Jonas Anderhub.

"Hi!", rufen die Araber.

Dann steht da ein kleiner, kräftiger Mann, das zurückweichende Haar sauber nach hinten gegelt. In diesem Moment flüchtet sich Anderhub in die emotionale Vorwärtsverteidigung. "Abdul!", ruft er und fällt ihm um den Hals. Abdulrahman Alyasin lächelt scheu.

Kurz darauf sitzen die beiden in einer Wohnzelle auf dem Bett, Alyasin sehr aufrecht, die Hände im Schoß. Aus dem blonden Schweizer neben ihm sprudeln die Worte. Er greift zum Rucksack. "Hier. Mach auf." Zögernd, so wie Jonas Anderhub damals am Strand, öffnet Alyasin den Reißverschluss. Sieht das Foto eines Fischernetzes, schaut lange darauf. Dreht es um und liest:

DEAR ABDULRAHMAN

WELCOME IN EUROPE

I WISH YOU AND YOUR FAMILY ONLY THE BEST. JONAS

In Alyasins Gesicht verwandelt sich Staunen in Freude. Er führt die Hand an sein Herz. Er sagt etwas.

"Er will wissen: Ist es erlaubt, zu umarmen?", sagt der Übersetzer. Die beiden stehen auf und umarmen sich. Diesmal richtig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Hier ist die Geschichte, die Abdulrahman Alyasin uns an jenem Nachmittag erzählt: Ja, er war der Geschäftsführer jenes Feinkostladens in Hama. Die Familie wollte im Krieg neutral bleiben, um das Geschäft zu retten, aber es war keine gute Zeit für Neutralität. Eines Morgens ging Alyasin gerade zur Arbeit, als ein Auto neben ihm stoppte. Militärgeheimdienst. Sie brachten ihn in ein Gefängnis und sagten, er sei einer von den "Terroristen" aus dem Aliliyat-Viertel. Sie hängten ihn an den Händen auf, prügelten auf ihn ein und taten noch anderes, die Spuren sieht man an seinem Körper bis heute.

Als er freikam, musste er ins Krankenhaus. Seine Frau und die Kinder flohen in den Libanon, Alyasin hinterher. Einen Monat bevor Jonas Anderhub nach Griechenland flog, brach Alyasin nach Europa auf.

In das Boot steigen sie um Mitternacht. Nach zwei Stunden Motorschaden, dann brechen die Spanten aus Holz. Wasser strömt herein. Panik. Alyasin sieht die Lichter einer Insel. Mit zwei anderen springt er, der geübte Schwimmer, ins dunkle Wasser, den Rucksack lässt er an Bord. Die Wellen sind fast so hoch wie ein Mann. Bevor die Sonne aufgeht, wanken sie am Strand von Kos an Land.

Alles hängt mit allem zusammen. Jonas Anderhub, der allein sein wollte und nicht allein war. Abdulrahman Alyasin, den die Not ins Wasser trieb. Ein Mann, der um seinen Vater trauert, und ein Mann, der um sein Leben kämpft. Zwei Männer, die sich knapp verpasst haben. Jetzt sitzen sie einander hier gegenüber, und durchs Fenster fällt das gleißende Licht eines blauen niederländischen Herbsttags.

"Hast du Fragen an mich?", möchte Jonas Anderhub wissen. Nein, dieser höfliche Mann hat keine Fragen. Anderhub glaubt nicht, dass Alyasin sich später bei ihm melden wird. Er aber, Jonas Anderhub, ist darüber nicht enttäuscht. Er will weiter Kontakt halten.

Abdulrahman Alyasin, der Gastgeber, besteht darauf, uns zur Pforte des Heims zu bringen. Er lässt uns vorangehen, dann reicht er Jonas Anderhub den schwarzen Rucksack. "Nein", sagt Anderhub. "Das ist nicht meiner. Das ist jetzt deiner."

Mitarbeit: Hassan Oneizan, Dionysia Sofou

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio