Als Jassin Salim* mit durchnässten Kleidern aus dem Schlauchboot stieg, trug er noch genau 50 Dollar am Leib. In einer schwarzen Bauchtasche aus Nylon, fest um die Hüften geschnallt. Salim hatte es nach Europa geschafft, auf die griechische Insel Lesbos. Er war am Leben, aber noch nicht am Ziel. Um weiterzureisen, um die Fähren und Busse, die Züge und Taxis zu bezahlen, die ihn über den Balkan nach Deutschland bringen sollten, brauchte Salim Geld. 1.200 Dollar hatten die Schleuser in der Türkei ihm abgenommen, fast alles, was er bei sich hatte. Also tat er, was viele Flüchtlinge tun, wenn sie pleite sind: Er ging zu Western Union. Denn Western Union ist überall.

550.000 Filialen in fast 200 Ländern hat das Unternehmen – 15-mal mehr als McDonalds. Die Schalter mit dem schwarz-gelben Logo stehen auf den griechischen Inseln und in der usbekischen Steppe, in peruanischen Bergdörfern und chinesischen Metropolen, im Flughafen von Dubai und im Hamburger Hauptbahnhof. Man findet sie nicht in Glaspalästen, sondern in Postfilialen, Handyshops und Internetcafés. Western Union ist das Schmuddelkind der Finanzbranche. Aber der Konzern birgt ein Versprechen, das Millionen Kunden lockt: Bargeld überall auf der Welt zu verschicken und zu empfangen, selbst dann, wenn man kein Konto hat. Einfach, sicher und schnell.

Keine zehn Minuten dauert es, bis Jassin Salim in der Western-Union-Filiale auf Lesbos sein Geld bekommt. Sein Bruder überweist es ihm, ein Arzt, der in Saudi-Arabien lebt. Er schickt Salim einen Zahlencode, und der löst ihn am Schalter ein.

Salim ist ein kleiner Mann mit sauberem Hemd und rasierten Wangen, 42 Jahre alt, verheiratet, Syrer, einer von Tausenden, die ihre Heimat verlassen haben, um nach Deutschland zu fliehen, und die auf dieser Flucht nicht nur essen, trinken und schlafen müssen, sondern auch Geld abheben.

Viele Flüchtlinge haben kein Bankkonto. Western Union ermöglicht ihnen trotzdem Geldtransfers. Und so wachsen entlang der Fluchtrouten die Schlangen vor den Filialen des Konzerns: in Thessaloniki und Belgrad, in Budapest und Wien.

Die Flüchtlinge sind für Western Union ein gutes Geschäft, wenn auch bei Weitem nicht das größte. Die wichtigsten Kunden des Konzerns sind Migranten, die angekommen sind. Die einen Job gefunden haben und einen Teil ihres Lohns in die Heimat schicken: Mexikaner, die in Texas Teller waschen, Senegalesen, die in Italien Tomaten ernten, Iraker, die in Deutschland Taxi fahren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Mehr als 580 Milliarden Dollar haben Migranten im vergangenen Jahr laut Weltbank in ihre Heimatländer geschickt. Der größte Teil dieses Geldes wird in ärmere Regionen der Welt überwiesen – und fast jeder fünfte Dollar davon mit Western Union. Es gibt Entwicklungsländer, deren Wirtschaft ist von diesen Überweisungen so abhängig wie Deutschland von seinen Exporten. Doch ein Teil des Migrantengeldes kommt gar nicht erst in deren Heimat an. Weil Western Union oft hohe Gebühren verlangt.

Um 150 Euro in bar von Deutschland nach Jordanien zu schicken, kassiert der Konzern insgesamt gut 15 Prozent des Überweisungsbetrags. Nach Nigeria sind es mehr als zwölf, nach Serbien knapp zehn Prozent. Zu viel, findet die Weltbank. Ihre Experten haben berechnet, wie viel den Entwicklungsländern durch die Gebühren entgeht: 20 Milliarden Dollar. Pro Jahr.