Doch der Vorschlag der Schweizer, der im gesamten deutschsprachigen Raum verbreitet werden soll, stößt nicht überall auf Begeisterung. Medizinethikern wie Urban Wiesing aus Tübingen sind die Regeln zu konkret formuliert, etwa wenn im Schweizer Ärzteeid angemahnt wird, dass ein Arzt für die Überweisung von Patienten keine geldwerten Leistungen entgegennehmen solle. Ein Eid solle einen abstrakten Rahmen für angemessene Verhaltensweisen liefern und nicht Details behandeln, sagt auch Georg Marckmann.

So haben sich nach dem Krieg im Kern vier Grundsatzprinzipien guten ärztlichen Handelns herauskristallisiert: das Selbstbestimmungsrecht des Patienten; das Prinzip der Schadensvermeidung; das Patientenwohl; und die soziale Gerechtigkeit. Gesamtgesellschaftliche Fragen wie beispielsweise die aktuelle Debatte, ob Ärzte Menschen aktiv beim Suizid helfen dürfen, gehören dort nicht hinein. Die Reaktionen auf aktuelle Missstände machen einen Eid zwar griffiger – aber auch vergänglicher. Andererseits stellt sich die Frage, ob eine Formel wie "Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen" im Genfer Gelöbnis nicht zu pathetisch ist und gerade deshalb nicht mehr in die Zeit passt.

Es bleibt die Herausforderung, den ethischen Kanon – ob alt oder neu – wieder ins Bewusstsein der Ärzte zu rücken. In der Nachkriegszeit waren feierliche Schwüre und Zeremonien an den Universitäten verpönt. "Unter den Talaren – Muff von 1.000 Jahren", skandierte die 68er-Generation. Die Studenten erhielten ihr Examenszeugnis per Post zugeschickt, das Genfer Gelöbnis verschwand als Präambel in der Musterberufsordnung, in der die Bundesärztekammer das Verhalten gegenüber Patienten, Kollegen und Mitarbeitern regelt.

Doch die meisten Ärzte kennen weder die Musterberufsordnung noch die daraus abgeleiteten Berufsordnungen der Landesärztekammern oder gar das Genfer Gelöbnis. Die Frage ist, ob ein ärztlicher Eid nicht wieder seinen eigenen, hervorgehobenen Platz in der Öffentlichkeit bekommen sollte. "Ich finde, dass an den Universitäten ein ärztliches Gelöbnis mit einer feierlichen Veranstaltung durchaus wieder eingeführt werden sollte", sagt Bundesärztekammerpräsident Montgomery, "ich glaube, dass dies der Profanisierung unseres Berufsbildes entgegenwirken würde."

Ärztliches Handeln sei selbstverständlich, heißt es aus Lübeck. Der Schwur sei unnötig

Aber stand nicht der öffentliche Schwur für Korpsgeist? Passt so etwas noch in eine Zeit, in der Patienten mit ihren Ärzten auf Augenhöhe diskutieren wollen? In den USA legen zwar 98 Prozent aller angehenden Ärzte mit großem Pomp unterschiedlichste medizinische Eide ab. Aber werden diese Eide nicht ständig und folgenlos missachtet? Das fragte jüngst der amerikanische Bioethiker Erich Loewy und nannte Beispiele: Ärzte unterließen aus Kostengründen notwendige Tests, Patienten würden im Krankenhaus abgewiesen, weil ihnen das Geld für die Behandlung fehle. Der deutsche Medizinethiker Georg Marckmann ist ebenfalls skeptisch: "Diese Eide werden nach außen schön vorgetragen, aber am Ende werden sie nicht gelebt."

Zwar gibt es an vielen deutschen Universitäten inzwischen Ethikkurse, vom öffentlichen Schwur dagegen wollen manche Unis nichts wissen. An der privaten Universität Witten/Herdecke zum Beispiel steht zwar auf den Campusfahnen: "Zur Freiheit ermutigen, nach Wahrheit streben, soziale Verantwortung fördern." Ein öffentliches Gelöbnis leisten die angehenden Ärzte trotzdem nicht. "Ich bin der Auffassung, dass solche Bekenntnisse innere Einstellungen sind, die immer wieder neu gelebt werden müssen", antwortet Prodekan Marzellus Hofmann auf Nachfrage. Entscheidend seien die Auseinandersetzung und ständige Reflexion der ethischen Basis des ärztlichen Berufes und die Bereitschaft, sich selbst zu entwickeln. "Das aber ist ein lebenslanger Prozess und keine einmalige Intervention." In Lübeck formuliert man es norddeutsch knapper: "Ärztliches Handeln ist selbstverständlich. Dazu braucht es keinen Schwur."

Jean-Pierre Wils, der den neuen Schweizer Eid mitentwickelt hat, sieht das anders. "Eide müssen abgelegt werden, sie können nicht in einer verstümmelten Form nur in den Standesverordnungen schamhaft genannt werden." Ein Eid bleibt lebloser Text, wenn er nicht mit anderen geschworen wird. Ein Schwur vor Publikum, das wissen viele Gemeinschaften, bleibt besser in Erinnerung, schweißt die einzelnen Mitglieder einer Gruppe zusammen. "Ich schwöre, dass ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen habe", heißt es zum Beispiel vor Gericht. Bundespräsidenten, Bundeskanzler und Bundesminister legen feierlich den Amtseid ab.

Und auch viele Medizinstudenten wollen heute wieder ein öffentliches Gelöbnis. In Deutschland hat sich nach ZEIT-Recherchen die feierliche Verlesung eines Gelöbnisses an 17 von 36 medizinischen Hochschulen durchgesetzt – oft auf Wunsch der angehenden Ärzte. "Die neue Generation sucht nach Halt, nach Orientierung", sagt Bernhard Marschall, Studiendekan der Medizinischen Fakultät Münster. Es ginge ihnen um eine Haltung, die richtige Einstellung zur Profession. Und der Eid bringe in dieser Hinsicht einfach mehr als das bloße Erfassen von Regeln. Dass eine emotional aufgeladene Feier Dünkel und Paternalismus fördere, befürchtet er nicht. "Beim hippokratischen Eid der Antike war das noch angelegt, in der modernen Form des Genfer Gelöbnisses kommt das nicht mehr vor", sagt Marschall.

In Köln nehmen die angehenden Ärzte nun nach dem Physikum in einer feierlichen White-Coat-Zeremonie ihre Kittel vom Dekanat entgegen und legen nach dem letzten Staatsexamen das Genfer Gelöbnis ab. In Dresden versammeln sich insgesamt 900 Teilnehmer zum Festakt, bei dem Ärzte und Zahnärzte den Eid leisten. In Münster findet seit 2002 für die 130 Jungmediziner eine Feier statt, auf der vier Kommilitonen auf der Bühne im Scheinwerferkegel bei gedimmtem Saallicht stellvertretend für alle das Genfer Gelöbnis verlesen. Die Absolventen tragen zu diesem Anlass auch wieder Talare mit grünen Krempen, in der Fakultätsfarbe also. Es seien noch welche aus schwerem Tuch, wie Marschall betont, und nicht die Kunststoffimitate, wie sie gern in den USA verwendet würden.

Manch älterer Dozent musste sich erst daran gewöhnen. Am Ende aber fanden sie es nicht peinlich, sondern würdig.