Mustafa Yousef saß in den vergangenen Wochen viel in der Bibliothek und hat gebüffelt. "Klausurenphase", sagt der Informatik-Student. Zum Lernen geht der 24-Jährige am liebsten in die Universitäts- und Landesbibliothek Bonn (ULB). Er mag die Atmosphäre, dort kann er sich gut konzentrieren. "Wenn da nur die Sache mit dem Beten nicht wäre", sagt Yousef verärgert. Er ist gläubiger Muslim, betet fünfmal am Tag. Wenn er in der Bibliothek sitzt, stellt ihn das vor eine Herausforderung, denn es gibt in der Nähe keinen Gebetsraum, wo er seine Füße waschen und seinen Teppich ausrollen kann. Yousef und die anderen muslimischen Studierenden beten, wo sich spontan ein Platz findet: unter der Treppe, zwischen den Bücherregalen oder draußen auf der Wiese. Mehrmals sind sie schon vom Hausmeister vertrieben worden. "Weil wir angeblich irgendwelche Fluchtwege blockieren", erzählt Yousef, der an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg eingeschrieben ist. Er und viele seiner muslimischen Kommilitonen lernen bevorzugt in der ULB, zusammen mit den Studierenden der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Yousef fordert daher: "Die Universitätsbibliothek muss für uns alle endlich einen Gebetsraum zur Verfügung stellen, diese Dauerimprovisation ist doch kein Zustand."

Mit seinem Appell, Muslime stärker im universitären Betrieb zu verankern, ist Yousef nicht alleine. An vielen Unis haben sich in den letzten Jahren Studierende zu muslimischen Hochschulvereinen zusammengetan, um ihre Interessen durchzubringen. So ist die Zahl muslimischer und interreligiöser Gebetsräume in den letzten Jahren gestiegen: 2006 eröffnete die Universität Hamburg ihren interkonfessionellen Gebetsraum, 2010 wurde der Raum der Stille an der Universität Düsseldorf eingeweiht und 2012 der muslimische Gebetsraum an der Technischen Universität München. Es sind nur ein paar Beispiele, konkrete Zahlen gibt es nicht. Wie viele muslimische Studierende überhaupt an deutschen Universitäten eingeschrieben sind, ist ebenfalls nicht bekannt, da die Religionszugehörigkeit bei der Immatrikulation nicht erfragt wird.

"Dabei gehört der Islam längst zur deutschen Hochschullandschaft dazu", sagt Ali Karaca, Chemie-Student an der Technischen Universität Clausthal. Der 23-Jährige schreibt für das Debattenportal IslamIQ und ist bei der Jugendorganisation der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs aktiv. Karaca setzt sich für die Einrichtung muslimischer Gebetsräume ein und ärgert sich darüber, dass er und seine Glaubensbrüder oft als Minderheit abgetan werden. "Würden die Tausende muslimischen Studierenden statistisch erfasst, dann könnten wir den Bedarf an Gebetsräumen vor den entscheidenden Gremien mit Zahlen begründen." Bislang heißt es: viel Überzeugungsarbeit leisten und auf das Entgegenkommen der Rektoren hoffen.

Auch Karaca betet mehrmals täglich zwischen den Vorlesungen. "Wie viele muslimische Studierende kenne ich das Dilemma, das entsteht, wenn kein Gebetsraum von der Uni zur Verfügung gestellt wird." Es sei keine Seltenheit, dass sich muslimische Studierende in den Toilettenräumen die Füße waschen müssten. Oft zum Ärger der anderen Kommilitonen. "So sieht der alltägliche Wahnsinn vieler gläubiger Muslime aus", berichtet Karaca.

Seine katholischen und evangelischen Kommilitonen haben es da einfacher, denn die christlichen Hochschulgemeinden sind häufig auf dem Campus, die Kirchen ganz in der Nähe. So ist es auch in Bonn: Dort deckt die Schlosskirche der evangelisch-theologischen Fakultät den Bedarf an Spiritualität ab. "Aber nur die wenigsten Muslime haben eine Moschee neben ihrer Uni stehen, zu der sie kurz rüberlaufen können", sagt Karaca. Viele praktizierende Muslime finden es daher umso ungerechter, dass ihnen kein Gebetsraum zur Verfügung gestellt wird. "Unsere Gebetspraxis ist viel intensiver als die anderer Religionen, daher benötigen wir erst recht einen Rückzugsort", sagt der Bonner Student Yousef.

Vor wenigen Monaten schrieb Karaca für ein muslimisches Online-Magazin einen Beitrag über das Thema Gebetsräume an deutschen Unis. Dafür klapperte der Student eine Vielzahl deutscher Hochschulen telefonisch ab, fragte nach, ob ein Gebetsraum vorhanden sei. "Es gibt auch viele positive Beispiele. Die TU Berlin bietet sogar zwei getrennte Gebetsräume für Frauen und Männer an, und an der Ruhr-Uni Bochum gibt es schon seit über 17 Jahren einen Gebetsraum." Meist seien diese Räumlichkeiten durch das Engagement der muslimischen Studierenden entstanden. "Es liegt also in unserer Verantwortung, das Gespräch mit den Verantwortlichen zu suchen, um unsere Anliegen voranzutreiben."

Auch Mustafa Yousef aus Bonn will hartnäckig bleiben. Er hat vor Wochen eine Petition ins Netz gestellt, die sich an die leitende Direktorin der ULB, Renate Vogt, richtet. Darin heißt es unter anderem: "Nach Hochrechnungen der Studie Muslimisches Leben in Deutschland leben fast 4,3 Millionen Muslime in Deutschland, wir sind doch keine Minderheit, die man ignorieren kann." 1.600 Personen haben die Petition bislang unterzeichnet.