Alles wie gewohnt." Das ist die überraschende Antwort auf die Frage, wie es in einer Bibliothek zugeht, die ganz ohne Personal öffnet. "Es wurden zahlreiche Ausleihen und Rückgaben vorgenommen, das Internet und die ausliegenden Tageszeitungen benutzt", fasst Bernd Ingwersen zusammen. Als Bereichsleiter der Hamburger Bücherhallen – so heißt dort die Stadtbibliothek – ist er für ein bundesweit einmaliges Experiment verantwortlich: Seit Mitte September steht die Zweigstelle Finkenwerder jeden Mittwoch allen volljährigen Kunden offen – obwohl die Angestellten an diesem Wochentag frei haben. Wird der Nutzerausweis am Eingang durch ein Lesegerät gezogen, öffnet sich die Tür.

Open Library heißt das Konzept, es kommt aus Dänemark. Schon seit über zehn Jahren öffnen dort viele Bibliotheken auch außerhalb der Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter, über 100 sind es inzwischen landesweit. "Am nächsten Morgen sind manchmal alle Möbel umgeräumt", sagt Susanne Gilling, Leiterin einer Vorort-Bibliothek in Århus, "keine Ahnung, was da stattgefunden hat." Sie will es auch gar nicht wissen. Eine Bibliothek soll ein Ort sein, an dem sich Menschen wohlfühlen und etwas tun, gern auch zusammen. Lesen ist dabei nur eine Option von vielen.

Die Open Library soll ein Fenster zum Wissen sein, kein Büchermuseum

Die Ausleihzahlen bei gedruckten Büchern sinken in Dänemark seit einigen Jahren drastisch, gleichzeitig kommen aber immer mehr Menschen in die Bibliotheken. Denn oft sind sie der einzige öffentliche Raum einer Stadt, in dem man sich in angenehmer Atmosphäre kostenlos aufhalten kann. In der deutschen Statistik zeigt sich der Trend noch nicht ganz so stark, doch auch hierzulande hat er eingesetzt. Grund genug, den Blick aufs nördliche Nachbarland zu lenken.

Wie ein modernes Flughafenterminal lädt die nagelneue Zentralbibliothek in Århus zum Abflug in die Wissensgesellschaft. 100 Millionen Euro hat sich Dänemarks zweitgrößte Stadt den rundum verglasten luftigen Bau am Ende der Fußgängerzone kosten lassen, genannt Dokk1. Mit Dokumenten hat der Name nichts zu tun, er ist von dem Dock abgeleitet, das hier stand, bevor der Hafen zum modernen Entwicklungsgebiet wurde. "Wir wollen kein Buchmuseum sein", sagt Bibliothekschef Knud Schulz, "im Mittelpunkt stehen hier die Menschen."

Dokk1 ist die dänische Antwort auf die Digitalisierung des Medienkonsums. Hier sieht man keine Regale, stattdessen ein großes Foyer mit vielen übergroßen Flachbildschirmen. Sie zeigen das Veranstaltungsangebot – und das, was hier schon alles stattgefunden hat: ein Drohnenflugwettbewerb, ein Fußballturnier auf einem virtuellen Spielfeld, das auf den Fußboden der Kinderabteilung projiziert wird, eine Schreibwerkstatt, ein Hacker-Treff, eine Kunstinstallation.

Laut geht es zu, es darf gelacht und geredet werden. Die Hälfte der 18.000 Quadratmeter Bibliotheksfläche steht als unverplanter Raum zur Verfügung. Gruppen können kostenlos abgetrennte Bereiche mieten. Durch die Mitte des Gebäudes führt eine gewaltige Rampe hinauf zu Panoramafenstern mit Meerblick. Gemütliche Sitzecken befinden sich davor. Als ihn die Architekten gefragt hätten, welche Bücher auf der Rampe aufgestellt werden sollten, so Schulz, habe er knapp geantwortet: "Gar keine."

"Wir wollen die Nutzer dazu bringen, Bücher nicht mehr als Erkennungsmerkmal einer Bibliothek zu sehen", sagt der Bibliothekschef. Er gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Dokk1 ist sein Lebensprojekt, inzwischen ist er weltweit als Berater unterwegs. "Heute trägt doch schon jeder eine Bibliothek mit sich herum", sagt Schulz und zückt sein Smartphone. Das winzige Gerät enthalte mehr Informationen als die 200.000 Bücher, die es in Dokk1 zwar noch gebe, allerdings in Nebenräumen. "Eine Bibliothek muss heute etwas bieten, was im Netz nicht zu finden ist, sonst hat sie keinen Sinn mehr."

Und Bibliothekare sollen keine introvertierten Leseratten sein, sondern Kommunikationsexperten, die sich nicht etwa hinter einem Tresen verschanzen und abwarten, bis sie jemand um Rat fragt. "Wir laufen herum, sprechen die Menschen an und unterstützen ihre Ideen", sagt Jens Lauridsen, Leiter der Stadtteilbibliothek in Tårnby, einem Vorort von Kopenhagen, "es ist eine Kulturrevolution."

Anders als der Millionen-Prunkbau, mit dem sich Århus 2016 als Kulturhauptstadt Europas präsentieren will, entspricht das lang gestreckte Klinkergebäude in Tårnby dem Bild einer Bibliothek, wie sie auch in deutschen Städten üblich ist. Jedenfalls von außen. Innen hat Lauridsen gründlich umgeräumt. Im Parterre ist ein großer offener Raum entstanden, Regale gibt es bald nur noch in der Etage darüber.

Alle Bücher, die in den vergangenen drei Jahren niemand ausgeliehen hat, landeten auf dem Müll. Sogar Søren Kierkegaard hat es erwischt. Eine Gesamtausgabe des Nationalheiligen der dänischen Geistesgeschichte musste aussortiert werden. "Es gab Tränen", erinnert sich Lauridsen an die entsetzte Reaktion unter Kollegen. Der Trost: Über die dänische Fernleihe kann jedes Buch kostenlos beschafft werden, spätestens am zweiten Werktag ist es da.

Im Erdgeschoss wartet jetzt eine Nähwerkstatt auf Nutzerinnen. In einem Computerraum werden Programmierkurse angeboten, Kinder daddeln an Spielekonsolen, in einer Sitzecke wird gestrickt. "Es geht darum, Wissen zu teilen", erklärt Lauridsen, "wir bringen die Menschen dafür zusammen und helfen, wo es nötig ist." Und das auch am Sonntag. In Deutschland ist es noch verboten, in Dänemark schon lange eine Selbstverständlichkeit: Bibliotheken öffnen, wenn die Menschen Zeit haben – und das ist eben vor allem am Wochenende.

Sogar gelesen wird in der Bibliothek. In Tårnby gibt es dafür einen abgetrennten Raum, es herrscht absolute Stille, gestört höchstens vom Tastaturgeklapper der Laptops. Gelesen wird auch dort immer öfter digital. Etwa in den Archivbeständen der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen. 22 Millionen Bücher und andere Medieneinheiten lagern dort, es ist das Gedächtnis des Landes. Um es möglichst einfach zugänglich zu machen, wurde in den vergangenen Jahren so viel wie möglich eingescannt und digitalisiert. Eines der am meisten genutzten Werke sei jetzt ein Versandhauskatalog aus den sechziger Jahren, sagt Pernilla Drost, die Bibliothekschefin. "Die Leute wollen wissen, welche Möbel damals modern waren oder wie die Unterwäsche aussah."

Auch das Internet wird seit zehn Jahren archiviert. Automatische Programme wühlen sich mehrmals täglich durch eine Million Websites mit der dänischen Landeskennung und speichern jede Veränderung auf Festplatten. Nur öffentlich zugänglich ist all das bisher nicht – "aus Datenschutzgründen", sagt Drost. Es könne ja sein, dass illegal gespeicherte Informationen im Archiv gelandet sind.

Die Verwandlung öffentlicher Büchereien in offene Kommunikationsräume ist umstritten, auch in Dänemark. Das Geld, das Århus in seinen schillernden Neubau gesteckt hat, fehlt in den Stadtteilen. Besonders fällt das in Gellerup auf, nirgendwo in Dänemark ist der Anteil zugewanderter Menschen höher. Für viele Jugendliche ist die schmucklose Zweigstelle der Stadtbibliothek in einem verwahrlosten Einkaufszentrum der einzige Zugang zu außerschulischer Bildung. Bücher und Ansprechpartner, die sie zu Hause nicht haben – hier gibt es sie.

Aber es gab früher mehr von ihnen. Wenn Lone Hedelund von ihren Lesekreisen, Kindernachmittagen und anderen Aktivitäten rund ums Buch spricht, spricht die Zweigstellenleiterin in der Vergangenheitsform. Geld und Stellen hat sie an die Zentrale abtreten müssen. "Wir können nur noch an fünf Tagen in der Woche öffnen, mehr schafft das Personal nicht." Freitags und sonntags bleibt die Stadtteilbücherei geschlossen. "Eine Open Library funktioniert hier nicht", sagt Hedelund, "wir hätten schnell ein Vandalismusproblem."

Das droht in Finkenwerder eher nicht. Auf einer Elbinsel zwischen Hafen und Airbus-Werk eingezwängt, hat sich der Hamburger Arbeiterstadtteil eine Dorfatmosphäre erhalten. Durch große Fenster ist die kleine Stadtteilbibliothek von der einzigen Geschäftsstraße aus gut einsehbar. Ab Dezember soll sie nicht nur mittwochs, sondern auch samstags als Open Library fungieren.

Statt Personal und Aufsicht gibt es nur Videoüberwachung und Bewegungsmelder

Denn die Besucherzahl nimmt von Woche zu Woche zu. Und die Technik funktioniert ohne Probleme. Sobald die Open Library öffnet, schaltet sich automatisch eine Videoüberwachung ein, und wenn sie wieder schließt, registrieren Bewegungsmelder, ob tatsächlich alle Besucher gegangen sind. Ansonsten guckt ein Sicherheitsdienst nach dem Rechten. Zum Einsatz kam es bisher nicht. "Weder haben wir Beschädigungen festgestellt, noch fehlen unverbuchte Medien", sagt der Bibliothekar Bernd Ingwersen. Im nächsten Jahr soll das Experiment auf weitere Stadtteile ausgeweitet werden.

Es ist die erste Idee für die Zukunft der Bibliothek im digitalen Zeitalter, die aus Dänemark nach Deutschland gesickert ist. Und es wird nicht die letzte sein. In Berlin plant die Landesbibliothek einen Neubau, Knud Schulz ist als Berater dabei. Anna Jacobi, die Sprecherin der Bibliothek, schwärmt bereits von "multifunktionellen Räumen", die in Berlin entstehen sollen. Den nötigen Platz könne ein automatisches Magazin im Keller schaffen, aus dem Roboter in Windeseile jedes gewünschte Buch heraufholten. Regale soll es aber weiterhin geben. "Wir denken für die nächsten 20 Jahre eher an eine Mischform", sagt Jacobi. Eine Bibliothek ohne Bücher – in Deutschland dauert das noch.