Dass der Song die Zeit überdauert hat, ist weniger seiner Schönheit zu verdanken als dem Geld. In den Morgenstunden des 1. Juni 1953 nämlich war Sam Phillips, bekanntlich der Mann, der einmal gesagt haben soll: "Gebt mir einen Weißen, der wie ein Schwarzer singen kann, und ich zeig euch, wie man eine Million macht", Sam Phillips also war wie so oft auf der Suche nach dem großen Ding, als – nein, (noch) nicht Elvis zur Tür hereinplatzte, sondern eine Gruppe schwarzer Sträflinge aus Nashville. Sie waren per Gefangenentransport nach Memphis gekommen, das damalige Mekka der Südstaatenmusikindustrie, nannten sich passenderweise The Prisonaires und verlangten, in seinem Studio eine Platte aufzunehmen, woraufhin ihnen Phillips freundlich, wenngleich geschäftsmäßig die Hand schüttelte.

Was in den darauffolgenden Stunden geschah, gehört zu den unwahrscheinlichen Geschichten der an unwahrscheinlichen Wendungen reichen Popgeschichte. Man mag nicht recht glauben, dass sich an diesem Tag über 200 Jahre Knast um ein Mikrofon drängelten, so süß singt die Band um Leadsänger Johnny Bragg den Doo-Wop-Titel, den sie eingeübt hatte. Just Walkin' In the Rain ist ein Song, der seinen Zauber auch noch über 60 Jahre später entfaltet, er taucht immer mal wieder auf Liebhabereditionen auf und ist sogar in die Belletristik eingegangen – in Jonathan Lethems Roman Die Festung der Einsamkeit –, das alles zu Recht: Das Stück klingt, als wollten die Prisonaires alle Widrigkeiten der Welt mit fünfstimmigen Chorsätzen transzendieren.

"Just walkin' in the rain / Getting so aking wet / Torturing my heart / By trying to forget" – bereits die Eingangszeilen vereinen die Restsüße des Gospels mit den Errungenschaften des Rhythm ’n’ Blues. Und die Phrasierung! Einschmeichelnderes ward in den Sun Studios, wo man sich auf rauere Töne spezialisiert hatte, selten gehört. Herzzerreißend schließlich der Refrain: "People come to windows / They always stare at me / Shaking their heads in sorrow / Saying, who can that fool be". Nach weltlichen Kriterien wurde die Klage jenes reuigen Sünders nicht erhört: Obwohl Just Walkin' In the Rain der Band ihre fünfzehn Minuten Ruhm bescherte, schaffte es keiner der Prisonaires, im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen. Einen Platz in der Geheimgeschichte des Pop aber haben sie sicher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015.

Was sonst noch an jenem denkwürdigen Datum geschah, ist nur bruchstückhaft überliefert: Phillips soll wenig begeistert von den Ergebnissen gewesen sein, der Rest verliert sich in mythischem Dunkel. Bragg selbst hat zur Legendenbildung beigetragen, indem er (weißen) Reportern erzählte, der junge Elvis Presley persönlich sei bei den Aufnahmesessions zugegen gewesen, ja, in der Folge hätten nicht selten namhafte Country-Stars, darunter auch ein gewisser Hank Williams, im Gefängnis vorbeigeschaut, um einen Song von ihm zu kaufen. Der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen harrt bislang der Bestätigung, aber gute Geschichten gehören im Pop seit je dazu. Ein Zufall ist es vielleicht nicht, dass Elvis kurz darauf mit einem Titel namens Jailhouse Rock die Charts erstürmte.

The Prisonaires: Just Walkin' In The Rain (Bear Family Records)