Die Caritas-Einrichtung im 150-Seelen-Dorf Sulistrowiczki ist menschenleer. Im Innern des Gebäudes ist es an dem sonnigen Herbstnachmittag kälter als draußen. Die 16 schlicht eingerichteten Mehrbettzimmer, allesamt mit kleinen Kreuzen über den Türen, beherbergen bislang Jugendgruppen, die hier ihre Freizeiten verbringen. Schon bald aber könnten bis zu 100 Flüchtlinge Schutz finden, eine Erklärung dazu hat die Breslauer Erzdiözese unlängst abgegeben. Heute beeilt sich die Diözese zu betonen, dass wahrscheinlich keine Flüchtlinge kommen werden. Und dass die Medien "ungesunde Emotionen" schürten, die in die "ruhige Gemeinschaft von Sulistrowiczki" einbrächen.

Tatsächlich könnte es vor allem für muslimische Flüchtlinge, so sie denn kommen, ungemütlich werden im beschaulichen Sulistrowiczki. Vor dem Dorfladen des etwa 60 Kilometer südwestlich von Breslau gelegenen Ortes hat sich ein halbes Dutzend Männer versammelt. Sie reden über dies und das – vor allem aber über eines: die Syrer. "Die haben doch nur auf ein Signal gewartet, um Europa zu stürmen", sagt Wojtek. Der 35-Jährige will seinen Nachnamen lieber nicht nennen, denn für seine nächsten Sätze könnte er in Polen vor dem Kadi landen. "Warum sollen die ausgerechnet hierherkommen, in den Auschwitz-Lagern gibt es doch auch Platz", sagt er und gerät immer mehr in Rage. Wenn sie herkämen, dann würde er schnell die radikalen Fußballfans aus Breslau kontaktieren. "Die werden dann schon ordentlich Feuer machen." Im übertragenen und wörtlichen Sinne, wie er sagt. Wojtek streichelt seinem kleinen Sohn zärtlich den Kopf.

Auch wenn die übrigen Männer nicht so radikal reden wie Wojtek – Widerspruch kommt kaum. Rentner Edward Kubica kann sich indes vorstellen, künftig Nachbar von Flüchtlingen zu sein – unter Bedingungen: "Wenn sie keine Krankheiten bringen und es nur Frauen und Kinder sind", sagt er. Die männlichen Syrer nämlich sollten lieber für ihre Heimat kämpfen und nicht flüchten. Unkonkreter werden Kubica und die anderen, wenn sie über die Meinung des Gemeindepriesters Ryszard Staszak zu dem Thema berichten sollen. "Die Caritas, das ist eine Sache – der hiesige Priester eine ganz andere", sagt Kubica.

Die katholischen Geistlichen genießen in den Dörfern und Kleinstädten Polens eine ungebrochen hohe Autorität. Was sie sagen, hat großes Gewicht für die Gläubigen, vor allem die älteren. Unter Polens Dorfbewohnern bezeichnen sich nur drei Prozent als nichtgläubig.Am frühen Nachmittag ist Pfarrer Staszak in seinem Gemeindebüro. In der kleinen Heilig-Herz-Kirche hängen im Eingang Bilder von Kindern, auf einem hat die kleine Hela ein einsames Schiff auf dem Meer gemalt, darin zwei Menschen. "Ich werde keine Interviews mehr zu der Sache mit den Flüchtlingen geben", sagt Staszak im Flur der Pfarrei abwehrend. Die Diözese habe dies bereits getan, dem sei nichts hinzuzufügen. Aber die möglichen Flüchtlinge, die beträfen doch vor allem seine Gemeinde? "Warten wir es ab. Die Regierung wechselt, und so kann sich auch die Situation ändern."

Staszak hat recht – in Warschau bekommt nach den Parlamentswahlen an diesem Donnerstag die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) den Regierungsauftrag. Sie löst die liberal-konservative Regierung Ewa Kopacz ab. Die PiS um Gründer und Chef Jaroslaw Kaczynski gilt als der politische Arm der mächtigen katholischen Kirche.

Die hat zwar offiziell nicht bekundet, wen sie sich in Warschau an der Macht wünsche. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass die Erzbischöfe für Kaczynski und seine Partei optieren. Sei es bei der Forderung nach einer Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsrechts oder beim Thema Homosexualität – PiS und Amtskirche fahren fast immer die gleiche Linie.

Beim Thema Flüchtlinge hätten die einflussreichen Bischöfe die PiS dennoch maßregeln können – wenn nicht gar müssen. Denn im Wahlkampf zeigte die PiS ihr hässliches Antlitz. Bei einer Debatte im Sejm, der ersten Parlamentskammer, im September lehnte PiS-Chef Kaczynski die Aufnahme von rund 7.000 Flüchtlingen, die Regierungschefin Kopacz der EU zugesagt hatte, scharf ab. Er wolle in Polen "keine Scharia-Bezirke wie in Schweden" und keine Zustände wie in Italien, wo "Flüchtlinge Kirchen als Toiletten nutzen". Zehn Tage vor der Wahl sprach der 66-Jährige gar von "Cholera auf den griechischen Inseln und allen Arten von Parasiten und Bakterien. In den Organismen dieser Menschen sind sie harmlos, hier aber können sie gefährlich werden." Er wolle aber niemanden diskriminieren, so Kaczynski.