Gut fünfzehn Jahre ist es her. Kurz vor der Jahrtausendwende boomte die New Economy, und in Deutschland fehlten Computerexperten. Also verfielen Industrielobbyisten und die rot-grüne Regierung auf die Idee, eine sogenannte Green Card für "Computer-Inder" anzubieten. Das Programm war ein Desaster, weil die Manager und Politiker dachten, Deutschland müsse nur rufen, und schon kämen die armen Asiaten angerannt. Die deutschen Herren in Grau und Blau irrten sich gewaltig. Es kamen ein paar Osteuropäer, viel mehr nicht. Konservative Politiker hätten sich fremdenfeindliche Parolen wie "Kinder statt Inder" schenken können. Die Deutschen bekamen wenig Kinder und noch weniger Inder.

Kein Wunder. Die deutsche Green Card war eine Zumutung. Für fünf Jahre sollten die Drittweltgenies kommen, nicht länger. Sie durften sich entwurzeln für die einmalige Chance, Deutschland aus einer vorübergehenden Mangelsituation herauszuhelfen – und dann mal sehen. Später ging das Programm im neuen Zuwanderungsgesetz auf, aber viele Entscheidungsträger haben es immer noch nicht kapiert: Flucht und Migration geschehen meist nicht auf planwirtschaftlichen Befehl hin, sondern kommen als Wellen, chaotisch, überraschend, veränderlich.

Deshalb hatte Angela Merkel den richtigen Instinkt, als sie die gegenwärtigen Flüchtlinge aus dem Osten und Süden willkommen hieß. Aus menschlichen, aber auch wirtschaftlichen Erwägungen: Sie sind eine Jahrhundertchance für die Volkswirtschaft. Wenn es gut läuft, verjüngen sie das Land, gründen Unternehmen wie viele Migranten in anderen Ländern auch, teilen Ideen, tragen neue Perspektiven in Unternehmen und Gesellschaft. Doch all das geschieht nicht von selbst. "Wir schaffen das" ist ein hübscher, aber irreführender Satz. "Wir müssen es schaffen, dass sie etwas schaffen" trifft die Sache schon eher. Diese Aufgabe zu lösen verlangt, dass viele über ihren Schatten springen, viel investiert und viel Geduld aufgebracht wird.

Besser, Deutschland fängt gleich damit an. Je eher die Flüchtlinge eine Chance erhalten zu arbeiten, desto seltener verlieren sie ihre Motivation und gewöhnen sich an ein Dasein in Perspektivlosigkeit. Die Amsterdamer Soziologieprofessorin Halleh Ghorashi hat das im Jahr 2009 in einer Studie über Flüchtlinge in den Niederlanden demonstriert. Die Quintessenz hat sie jüngst wiederholt: "Die ersten Jahre sind entscheidend in ihrer Integration." Die meisten wollten die üblen Erfahrungen in ihrer alten Heimat hinter sich lassen, damit nicht ihr ganzes Leben davon überschattet wird. "Es ist wichtig, dass sie die Sprache lernen können, echte Verbindungen mit den Einheimischen im neuen Land haben – und dass sie arbeiten. Arbeit ist tatsächlich der Kern, um ein neues Leben aufzubauen. Und in den ersten Jahren ist die positive Energie am größten."

Die Regierenden sollten schnell die wirtschaftlichen Weichen stellen, wie Deutschland es an den großen Wendepunkten der vergangenen Jahrzehnte frühzeitig hätte tun sollen. Immer wieder hat die Politik große Ereignisse herbeigeführt, ohne die wirtschaftlichen Konsequenzen zu ziehen. Bei der deutschen Einheit wurde das besonders sichtbar: Das Sozialwesen wurde überlastet, das Land erstarrte, und erst ein Jahrzehnt später bahnte die Agenda 2010 unter riesigen Spannungen den Weg zu neuen Jobs und neuer Dynamik. Ähnlich wie bei der Energiewende, als die Kanzlerin zwar das Zeitalter der erneuerbaren Energien verkündete, aber die entscheidenden Weichen ungestellt ließ. Also streiten die Länder heute noch über Stromleitungen, halten sich Investoren zurück, weiß die Wirtschaft nicht, wie es weitergeht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015.

Auch der Euro ist ein Beispiel für diese "Wir entscheiden jetzt und handeln später"-Haltung. Schon als es losging, wurde gewarnt, dass eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik scheitern könnte. Und doch hat man die Einsicht zehn Jahre lang ignoriert – und tut sich jetzt so schwer, weil in der Krise jeder einzelne Mitgliedsstaat der EU vor allem an sich selber denkt.

Die Lehre lautet: Je früher das Land reagiert, desto größer der Nutzen. Doch die Ökonomen tun das, was sie am liebsten tun, sie streiten. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, ist optimistisch: Die Flüchtlinge würden die Volkswirtschaft beflügeln, und schon in wenigen Jahren könne das neue Wachstum die zusätzlichen Sozial- und Bildungslasten übersteigen. Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, widerspricht. Für ihn kommt es darauf an, wie gut die Neuen im Land ausgebildet sind, und leider seien die Ingenieure aus Bagdad und die Ärzte aus Kabul die Ausnahme. Die meisten Flüchtlinge hätten keine Qualifikation und würden deshalb Deutschland lange zur Last fallen. Während Fratzscher zu hohen Investitionen für die Flüchtlinge rät, will Fuest die Grenzen verstärken.

Dieser Streit, ausgetragen im Handelsblatt, ist nur ein Beispiel. Die einen unterstreichen die niedrige Qualifikation der Flüchtlinge, die anderen ihre Jugend und Motivation. Eines bestreitet aber keine Seite: Was die Politik jetzt unternimmt, wird die Kosten-Nutzen-Rechnung verändern und darüber entscheiden, ob ein neues Heer von Langzeitarbeitslosen entsteht, denen das Land fremd bleibt, oder ob die alternde Bevölkerung sich verjüngt und der Wirtschaft dadurch neue Kraft verleiht. Und auch das würden die allermeisten Ökonomen unterstreichen: Es hat keinen Zweck, die Neuen von den Alten abzuschotten, sie in eigens geförderten Arbeitsmarktghettos einzusperren und auf diese Weise herkömmliche Jobs zu verdrängen. Die Flüchtlinge müssen sich der Herausforderung des Marktes stellen, genauso wie die Deutschen sich der Herausforderung durch die Flüchtlinge stellen müssen.

Aus alldem entsteht eben doch eine Agenda für Deutschland, ergeben sich Antworten auf die Fragen, wer kommen soll, wie die Neuen ausgebildet werden und arbeiten können – und wer die Milliardenrechnung begleicht, die unweigerlich anfällt.