Als die weißen Männer kamen, als sie ihre kleinen Apparate auspackten, um die Sitten und Gebräuche im fernen Afrika zu fotografieren, da war das vielen Dorfbewohnern höchst unheimlich. Sie wollten nicht festgehalten, nicht abgelichtet werden. Wollten nicht, dass ein Fremder über ihr Bild verfügt – und damit über sie selbst. Die Kamera schien eine Falle, wer da hineingeriet, verlor seine Freiheit.

Im globalen Dorf von heute wirken solche Ängste bestenfalls verschroben. Vielen Menschen ist die Kamera zum dritten Auge geworden, immerzu schlagen sie es auf, denn mit diesem Auge zu sehen heißt zugleich: gesehen zu werden. Sie fotografieren, was ihnen gerade unterkommt, oft ist es das eigene Gesicht. Und im selben Moment präsentieren sie die Bilder auf den digitalen Bühnen der Welt, veröffentlichen, was eben noch privat schien, auf Facebook, bei Instagram oder Pinterest. Darin liegt die Verheißung der digitalen Fotografie: Sie multipliziert den Augenblick, sie überwindet den Ort, macht aus dem Hier und Jetzt ein Überall und Immerzu.

Damit aber bewahrheitet sich, was manche indigenen Völker einst befürchteten. Für sie war ein Foto kein totes Stück Papier mit ein paar Chemikalien darauf. In ihren Augen war den Bildern etwas Lebendiges eigen, ja, das Leben selbst schien darin gegenwärtig. Genauso ergeht es vielen, die heute unausgesetzt sich selbst und ihre Welt fotografieren: Die Bilder halten nichts fest, sie setzen etwas frei. Sie sollen nichts vermitteln, nichts dokumentieren, sondern zielen auf unmittelbare Wirkung: Aus ihnen spricht eine Empfindung, eine Stimmung, die Laune des Moments.

Seitdem das Smartphone zum Massenartikel wurde – kaum fünf Jahre ist es her –, hat sich der Blick auf die Welt für viele Menschen verändert. Bislang sprachen sie und schrieben, wenn sie sich verständigen wollten. Jetzt ist zur Mündlichkeit und Schriftlichkeit eine Äuglichkeit hinzugekommen. Sie nutzen Bilder, um sich auszutauschen. Die Kamera ihres Smartphones transportiert vieles, für das sie keine Worte finden.

Man müsste es eine Revolution nennen, wenn der Begriff nicht so vernutzt wäre; ein Umbruch ist es allemal. So wie einst das Schreiben und Lesen zum Allgemeingut wurden und damit das Selbstverständnis des Menschen veränderten, so wird nun das Bildermachen für alle zur Selbstverständlichkeit. Kurz sei daran erinnert, wie teuer, wie umständlich, wie langwierig das Fotografieren noch bis vor Kurzem war. Heute kosten Fotos nichts mehr. Machen sich wie von selbst. Und lassen sich beliebig oft kopieren und umstandslos verbreiten. Die Produktionsmittel haben sich demokratisiert, die Distribution ist egalitär geworden. Nur so konnte die Kamera zum dritten Auge werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015.

Was aber heißt die Demokratisierung für jene, die bislang das Feld des Bildermachens beherrschten? Was heißt es vor allem für die Künstler? Was für die Museen und den Kunstmarkt?

Diese Fragen liegen auf der Hand, doch wurden sie bisher kaum diskutiert. Die meisten Künstler wähnen sich in Sicherheit, das hysterische Geknipse dort draußen, in der Welt der Sozialen Medien, habe mit ihnen nichts zu tun. Da aber irren sie sich. Die Kunst, wie man sie bislang kannte, wird von den neuen Bildkulturen im Tiefsten erschüttert werden. Umbruch auch hier.

Wenn sich die Künstler bisher überhaupt für die schätzungsweise drei Milliarden Fotos interessierten, die tagtäglich im Netz hochgeladen werden, dann allenfalls, um sie für ihr eigenes Werk zu nutzen. So tat es etwa Richard Prince, ein amerikanischer Maler, der sich bei Instagram für eine seiner Bildserien bediente. Unter dem Titel New Portraits ließ er Fotos mehr oder weniger zufällig ausgewählter Menschen vergrößern, auf Leinwand drucken und mit Beitexten versehen, um sie kürzlich für 90.000 Dollar in der Gagosian Gallery in New York feilzubieten. Alle 37 Bilder waren im Nu verkauft.

Ungewollt führte er damit aller Welt vor Augen, wie gefährdet der immer noch hohe Status vieler Künstler ist, wie brüchig das Ansehen ihrer Werke. Mochten Insider darin nur eine weitere Volte des Malers sehen, der seine Bilder schon lange mit Motiven etwa aus der Werbung bestreitet, zeugte die Aktion für den Rest der fotografierenden Menschheit vor allem davon: dass es in der Kunstwelt bisweilen sehr trivial zugeht.

Kunst und Leben sollten aufeinander zu wachsen

Bekanntlich legten es die Avantgarden des 20. Jahrhunderts darauf an, möglichst viele klassische Merkmale ihres Schaffens abzustreifen. Das handwerkliche Können geriet ebenso in Misskredit wie das Denken in Traditionen oder die herkömmliche Vorstellung von Autonomie. Je alltäglicher die Materialien, je belangloser die Sujets, je ruppiger die Machart, desto besser. Schließlich sollten Kunst und Leben aufeinander zu wachsen. Alles Heraus- und Abgehobene störte nur.

Bis heute lassen sich viele Künstlerwerke nicht zweifelsfrei als Kunst erkennen. Bei jedem Pinkelbecken kann es sich um eine künstlerische Tat handeln, das lehrte Marcel Duchamp schon vor hundert Jahren. Nur war es bislang so, dass Kunstwerke mit Alltagsdingen verwechselt wurden. Jetzt, im Zeitalter des digitalen Bildes, dreht sich das um: Plötzlich nimmt das Alltägliche kunsthafte Züge an.

Viele Menschen verlangt es nach schöpferischem Tun, ihnen erscheint Kreativität als Leittugend der Gegenwart. Und so wird nicht nur eifrig fotografiert und gefilmt, die Bilder werden auch bearbeitet, umgeformt, zu Collagen aufbereitet. Ob Meme oder Mash-up, es entwickeln sich ständig neue Ausdrucksformen des Visuellen, oft parodistischer Natur, oft unterhaltsam und eingängig und wie gemacht dafür, sie mit anderen zu teilen, sie also weiterzureichen und mit anderen fortzuspinnen. Es ist ein Spiel aus Thema und Variation, in der Einzelne um die originellste Art der visuellen Auslegung konkurrieren. In der Kunstgeschichte gibt es dafür den Fachbegriff Aemulatio.

Keineswegs aber ist es nur der kollektive Charakter dieser Bilder, der sie der Kunstsphäre näherbringt. Nicht nur scheint sich zu erfüllen, was Joseph Beuys einst proklamierte: dass jeder ein Künstler sein könne. Vielmehr teilen die meisten der digitalen Bildermacher auch eine Begeisterung für das Banale, wie sie sich vergleichbar bei Robert Rauschenberg, Andy Warhol oder Jeff Koons beobachten lässt. Nun dürfen jede Klorolle und jedes Nudelgericht als bildwürdig gelten.

Kunst und Nicht-Kunst durchdringen einander immer stärker, und das nicht zuletzt auch dadurch, dass viele klassische Gemälde und Skulpturen der Museen zum beliebten Sujet auf Twitter oder diversen Tumblr-Blogs werden. Während Richard Prince auf Instagram-Bilder zurückgreift, um damit Geld zu verdienen, greifen viele der Internetkreativen auf Kunstwerke zurück und verdienen sich die Aufmerksamkeit des Netzes. Manche stellen populäre Bildnisse von Munch oder Matisse nach, ganz in der Tradition des Tableau vivant. Andere lassen gediegene Klassiker sehr aktuell aussehen, indem sie ihnen ein Smartphone unter die Nase halten und es aussieht, als würden die ehrenvoll Porträtierten gerade ein Selfie von sich schießen.

Manche belächeln diese Formen der Aneignung, weil sie nicht den Gepflogenheiten der Kontemplation und seriösen Analyse genügen. Doch war es nicht just dieser vorbehaltlose Umgang mit der Kunst, den viele Künstler über Jahrzehnte propagierten? Wollten sie nicht den aktiven Betrachter? Stichworte wie Partizipation und Performance, Einfühlung und Event prägen den Betrieb bis heute – und nun eben den Blick vieler Bildermacher.

Somit handelt es sich um eine doppelte Bewegung: Der Künstler liebäugelt mit dem Dilettantismus und pflegt eine Ästhetik des Non-finito, während die Dilettanten im Modus und mit den Mitteln der Kunst operieren. Und weil es keine festen Werkbegriffe mehr gibt, keine Kriterien, auf die man sich verständigen könnte, scheinen auch die Unterschiede so gut wie verloren. Nun ist es nicht mehr das Werk selbst, das sich als Kunst ausweist, es braucht vielmehr eine Instanz, die seine Kunsthaftigkeit beglaubigt. Diese Instanz ist das Museum, bislang für die Künstler eine sichere Bastion.

Das Museum wird zum Ort der Produktion

Doch auch diese wird längst von den demokratisierenden Bildkulturen erfasst. War es für die Museen lange wichtig, Orte der Abgeschlossenheit und Einmaligkeit zu sein, so tun sie neuerdings viel dafür, mit Twitter-Partys oder Instawalks die eigenen Bestände der digitalen Sphäre zu öffnen. Einst war Fotografieren streng verboten, nun werden die Besucher vielerorts dazu ermuntert, mit sogenannten Artselfies für sich, die Kunst und das Museum in den Sozialen Medien zu werben. Mittelfristig wird es nicht mehr nur darauf ankommen, was eine Sammlung zeigt. Ebenso wichtig wird es sein, was es davon außerhalb des Museums zu sehen gibt – auf den kursierenden Bildern des Netzes. Damit aber ist das Museum nicht länger nur ein Ort des Betrachtens, es wird zum Ort der Produktion.

So bewahrheiten sich Theorien, denen zufolge das Kunstwerk offen sei und seine Bedeutung erst im Moment der Rezeption entfalte. Allerdings ist es eine Entfaltung, die sich auch im Medium des Bildes vollzieht, fotografierend, collagierend, bloggend. Woraus sich folgern ließe, dass es sich bei diesen Bildern ebenfalls um eine Form von Kunst handelt.

Selbst wer diesen Schluss nicht zieht, wird doch einräumen müssen, dass sich das Ansehen des Museums in der Digitalmoderne wandelt. Als ein Hort der Originale mag es begehrt sein, ebenso wichtig aber werden die Kopien, mit denen sich jeder eine Sammlung zulegen kann, dank großer Displays durchaus ein optisches Vergnügen. Schon heute verfügen viele Menschen über eine solche Sammlung, die sie auf Instagram oder bei Tumblr für andere öffnen. Hier kann jeder seine Vorlieben darbieten, kann alte mit junger Kunst mischen, kann sie anreichern mit Motiven des Alltags, kann assoziieren und umcodieren. Er kann das tun, was für gewöhnlich die Kuratoren tun, wenn sie Gattungen, Sujets und Epochen bunt mischen, um den Betrachtern ungewöhnliche, möglichst inspirierende Einblicke zu verschaffen.

Wenn jedoch die Kunsterfahrung an keinen Ort mehr gebunden ist, wenn sich Besucher als aktive Mitschöpfer und ebenso als Kuratoren fühlen dürfen, wieso sollte das Museum noch als Letztinstanz gelten? Wenn es nicht mehr zeitlos erscheint, sondern den Ökonomien der Aufmerksamkeit folgt, warum sollte es über alle Zweifel erhaben sein und darüber entscheiden, was Kunst ist und was nicht?

Selbst der Markt, dem das Unikat so wichtig ist, hat mittlerweile die neuen Distributionswege des Netzes für sich entdeckt. Viele jüngere Sammler berichten, sie würden regelmäßig auf Instagram und anderen Plattformen auf interessante Künstler stoßen. Erst kürzlich kaufte Leonardo DiCaprio ein Gemälde, das er nur als digitale Kopie kannte. Die neuen Bildkulturen verändern den Blick, sie wandeln den Zugang zur Kunst, ihre Wertbegriffe. Sie beleben, was lange erstarrt schien. Sie bringen autoritäre Verhältnisse ins Wanken. Nichts anderes hatte die Avantgarde einst im Sinn.