Kuba ist in Bewegung. Und Havannas Skater ohnehin.

Der Donnerstag schwappt in feuchten Hitzewellen über Havanna, rollenrauschen, Regenschauer haben die Schlaglöcher im Vedado mit Wasser geflutet, RollenRauschen, schwitzende Bewohner schleppen sich durch den heißen Schatten, vorbei an haushohen Ficus-Bäumen und fleckigen Säulen, an verwitterten Villenportalen und schläfrigen Wohnblocks, ROLLENRAUSCHEN – MannaufBrettmitRollenrauschtdurchsBild.

"Yojani?"

Der Mann bringt das Brett mit einer scharfen Wende zum Stehen. Yojani Perez, genannt "Mamerto": ein stämmiger Meter fünfundsechzig, Dreadlocks, Tattoos, Piercings, zartes Lächeln im Vollbart. Genau ihn habe ich gesucht. Um den Skatern der Stadt zu begegnen, reicht es im Grunde, sich irgendwo aufs Trottoir zu setzen, das Gesicht in die Sonne zu halten und zu warten, bis der Zufall eine Vollbremsung macht.

Alle Welt spricht über Kuba, jetzt, wo die Amerikaner zurückkehren, nach fünf Jahrzehnten Kalten Kriegs. In der Altstadt cruisen US-Touristen in polierten Oldtimern über die Alleen, chauffiert von Fahrern, die als cuentapropistas auf eigene Rechnung arbeiten, mitten im Sozialismus. In Hemingways alter Stammkneipe Floridita wuchert ein Wald aus Selfie-Sticks. Kuba ist in Bewegung. Und wer könnte einen besser mitziehen als die Jungs, die auf dem amerikanischsten aller Sportgeräte durch die Straßen flitzen?

Yojani Perez ist einer der bekanntesten Skater Havannas, nicht nur weil seine Locken durch Dutzende von YouTube-Videos wirbeln. Er setzt sich neben mich aufs Trottoir, springt aber bald wieder auf. Die beiden Bretter in seinem Rucksack müssen in einen Laden, wo sie mit Vinyl beklebt werden sollen. Im Moment braucht es noch einiges an Fantasie, um sich die Teile in Bewegung vorzustellen. Es sind tatsächlich: Bretter, ausgeschnitten aus der Tür vom Schrank seiner kleinen Schwester. "Schau mal, Schichtholz", sagt Yojani und fährt mit den Fingern die Schnittkante entlang. Seine Hände sind mit winzigen Narben übersät. Er war früher mal Karate-Landesmeister. Seine Oma meinte, er müsse lernen, sich zu verteidigen. "Wenn du die anderen Jungs treffen willst, dann komm in den Skaterpark, ins patinodromo", sagt Yojani, "morgen Nachmittag". Ich mache mich auf den Heimweg.

Dieser Text stammt aus "Z – Zeit zum Entdecken", dem neuen Ressort der ZEIT.

Mein Zimmer liegt mitten in der Altstadt. Als ich Ende der neunziger Jahre zum ersten Mal auf Kuba war, hätte ich für eine Privatunterkunft in La Habana Vieja alles gegeben. Kein Quartier dämmerte so seelenvoll und weltvergessen vor sich hin wie dieses. Unter Wäschegirlanden lehnten junge Männer an zerzausten Fassaden und streuten Frauen Komplimente vor die Füße. In Restaurants wartete man eine herrlich gleichgültige halbe Stunde lang, nur um eine Bestellung aufgeben zu können. Zeit gab es satt, und immer fühlte sie sich an wie Feierabend.

Heute fuchteln die Kellner privat geführter Lokale mit Speisekarten. Auf der Plaza de la Catedral bestreiten dicke Damen mit dicken Zigarren ihren Lebensunterhalt damit, für Bilder zu posieren. Die schmalen Hauseingänge an der Calle Obispo sind ausgestopft mit Souvenirs – Che-Kappen, Che-T-Shirts, Che-Aschenbecher.

Am nächsten Nachmittag fahre ich raus zum patinodromo, im Südwesten der Stadt. Der Weg führt vorbei an grünen Wiesen, zweigt irgendwann links ab. Yojani wartet im Schatten eines weit ausladenden Baums. Er nickt in Richtung eines leeren Beckens, das vor vielen Jahren mal ein Teich gewesen sein muss. Gebogene Metallgerippe ragen wie Wrackteile aus dem moosgrünen Bassin. Rost hat Löcher in die Rampen gefressen. Yojani meint, sie seien trotzdem sicher. Ich folge ihm mit wackeligen Knien.