Wird er wach, steht er auf, fünf Uhr in der Früh ist es oft, manchmal vier Uhr dreißig. Einmal dreht er sich um, zweimal, sagt Gülşen, wäre Zeitverschwendung. Butterbrote fürs Büro nimmt er mit oder das, was Gülşen für ihn macht, grüne Bohnen, gefüllte Paprika, und später dann wird’s so sein: essen mit der einen Hand, mit der anderen arbeiten. Gülşen kriegt fast nie mit, wenn Kazım aufsteht. Wird sie wach, ist er weg, längst von 12355 Berlin-Rudow nach 12055 Berlin-Neukölln gefahren, zu seiner Dienststelle, Bezirksamt Neukölln, Psychosoziale Dienste, da arbeitet er als Psychologe.

In der Dienststelle auf dem Schreibtisch eine deutsche und eine türkische Flagge, an der Wand ein Foto von seinem Onkel, Cemal aus Gökçeharman, Kazıms Geburtsdorf, Zentralanatolien, damals gab’s so um die achtzig Häuser, heute gibt es zwei. Onkel Cemal auf dem Bild im Rahmen: voller Bart, handgenähtes Hemd, sehr einfach, sehr fleißig, sagt Kazım, er mag das Bild. Vor sechs Uhr ist Kazım im Büro. Ich kann nicht länger schlafen, sagt er, kann ich einfach nicht, keine Ruhe, 90 Prozent meiner Festplatte sind voll mit Projekten. Es ist nicht lang her, sagt Gülşen, da schwitzte er nachts die Unterhemden durch; ich musste sie dann auswechseln, sagt Kazım, vielleicht lag’s am Herzen, an der Arterie, verstopft war die Arterie.

Ich sagte immer, geh zum Arzt, sagt Gülşen; ich geh immer zum Arzt, sagt Kazım. Kazım arbeitet zu viel, sagen alle; ich sag da nichts mehr zu, sagt Gülşen. Kazım sagt, ach, wenn man morgens aufwacht, muss man anfangen, nicht den Teufel an die Wand zu malen, man steht auf, fängt an, packt an.

Kazım ist 62, ich bin 30, als Journalistin lernte ich ihn vor fünf Jahren kennen, später wurden wir Freunde. Er ist so groß wie ich, 1,74 Meter, aber er hat einen gebeugten Körper, der winzig wirkt, ein bisschen wie der Glöckner von Notre Dame. Als ich das erste Mal in sein Büro kam, saß er an seinem Computer und schaute sich um, etwas grimmig sah das aus, er stand auf, noch immer grimmig, und sagte nichts, dann lösten sich seine Gesichtszüge: Merhaba, seine Stimme war zugleich zart und bestimmt. Trinken wir einen Çay? Wenn ich heute zu ihm komme, ist es immer noch so, nur dass ich irgendwann verstand, dass Kazım nicht grimmig schaut, sondern konzentriert. Es ist der Moment, in dem er sich auf dich einstellt.

Damals, vor fünf Jahren, begleitete ich ihn zu seinen Terminen, Kazım hatte eine Gruppe für türkischstämmige Väter gegründet, die erste in Deutschland, ständig klingelte sein Telefon, und als wir durchs Viertel gingen, spurtete Kazım, und ich eilte hinterher. Wir sprachen über Kirsten Heisig, die Neuköllner Jugendrichterin, ein halbes Jahr zuvor hatte sie sich umgebracht, und Kazım hatte noch immer ihre Nummer im Handy. Sie fehlt, sagte er, und ich fragte mich: Wie macht er das, 18, 19, 20 Stunden am Tag arbeiten, beim Bezirksamt in Neukölln, bei seinen Ehrenämtern in Neukölln, wie hält er das durch? Ich schrieb ein Porträt über ihn, hatte aber keine Antwort. Wie hält er das durch? Das hatte ich nicht verstanden.

Dieser Text stammt aus "Z – Zeit zum Entdecken", dem neuen Ressort der ZEIT.

Kazım wurde ausgezeichnet: Bürgerpreis der Bürgerstiftung, Band für Mut und Verständigung, Integrationspreis, Neuköllner Ehrennadel, Botschafter für Demokratie und Toleranz. Und dann, drei Jahre ist es her, 3. Dezember, saß er im Schloss, Spreeweg 1, Kammermusik, eine Querflöte, ein Fagott, ein Horn, eine Oboe, Applaus, "Verdienstorden für Herrn Kazım Erdoğan aus Berlin ... erwähnenswert ist auch seine beispielgebende Arbeit mit türkischstämmigen Männern im Rahmen seines Vereins Aufbruch Neukölln, dessen Vorstandsvorsitzender er ist, herzlichen Glückwunsch." Gülşen, im Blazer, machte ein Foto, Joachim Gauck und Kazım Erdoğan steckten die Köpfe zusammen und lachten.

Kazım, was hast du ihm da erzählt?

Der Bundespräsident sagte, ich hätte den Preis schon viel früher verdient gehabt. Da antwortete ich: Ich habe gewartet, bis Sie im Amt sind.

Ich bin der größte Narzisst der Welt, hat Kazım einmal gesagt.

Meine Frau hat mein Leben ruiniert, sagt Kazım öfter.

Und letztens, als er operiert werden musste, die Arterie, und die Ärztin verordnete: Am Morgen nur was Leichtes, sagte er, kein Problem, ich schlachte nur ein Lamm fürs Frühstück. Und die Ärztin: Ein Lamm? Nein, also ein Lamm, das geht nicht!

Keiner dieser drei Sätze, die Kazım sagte, ist wahr. Jeder, der ihn kennt, weiß das. Doch man muss diese Sätze verstehen, um zu wissen, wer Kazım ist.

Das mit dem Lamm: Ein Scherz natürlich, verriet Kazım der Ärztin aber nicht, erst beim nächsten Mal, danke, sagte er, danke, weil sie mir die Geschichte glaubten, so viele haben gelacht. Das mit seiner Frau: Ein Scherz natürlich, ob es sonst eine ausgehalten hätte, fragt sich Kazım, und Gülşen, die es aushielt, antwortet manchmal immer noch: bin verheiratet, aber ledig. Größter Narzisst der Welt: Nur wenn man davon ausgeht, dass er so viel gibt, damit er umso mehr zurückbekommt.

Nach der Verleihung im Schloss Bellevue ging Kazım zu seiner Männergruppe, den Orden in der Tasche: ein Kreuz mit roter Schleife. Wie jeden Montagabend, 18 Uhr, saßen sie in der Uthmannstraße 19. Ein Raum in Hellgrau, zusammengestellte Tische, türkischer Tee in türkischen Teegläsern. Kazım gab das Kreuz rum, die Männer machten Fotos mit dem Handy, Kazım sagte: Es ist nicht aus Gold, also braucht niemand damit wegzurennen. Ich habe den Preis bekommen, sagte er, aber der Erfolg ist euer. Dann sprachen sie von einem Blutbad. Ein Landsmann, ein Türke, erzählte einer, habe seine Frau und ihre Schwester getötet.