Es gibt Klimaforscher, die berechnen, wie viel Treibhausgas entsteht, wenn eine Kuh auf einer Weide steht und rülpst. Die schätzen, wie hoch der Meeresspiegel in Istanbul, Venedig und Lübeck-Travemünde steigt, wenn Menschen Auto fahren und Kerosin verbrennen. Die Forscher füllen Konferenzsäle und Fachjournale, geben Interviews, schlagen Alarm. Die Menschen essen trotzdem Rindfleisch. Fahren Auto, buchen Flüge, kaufen Kohlestrom.

Dann gibt es Klimaforscher wie Ottmar Edenhofer. Edenhofer, 54 Jahre alt, ein Niederbayer, der in Potsdam lebt, ein Wirtschaftswissenschaftler, der auch Philosoph und Theologe ist, ein Mann, der sich mit 18 Jahren um die Alten in seiner Heimatstadt Gangkofen kümmerte und mit Anfang 30 um die Versehrten des Bosnienkriegs, der erst Mönch wurde und dann zwei Kinder zeugte, dieser Ottmar Edenhofer untersucht nicht die Treibhausgase, sondern die Menschen. Er erforscht, wie man mit finanziellen Anreizen ihr Verhalten ändern kann. Wie viel zum Beispiel der Ausstoß von einer Tonne Kohlendioxid kosten müsste, damit der Mensch sich denkt: Es lohnt sich nicht, sie in die Luft zu pusten.

Edenhofer glaubt, dass sich der Klimawandel in den Griff bekommen ließe, wenn CO₂ einfach nur teurer wäre. Er fordert einen Mindestpreis für den Handel mit Treibhausgasen und eine Steuer auf Kohlendioxid. Er glaubt, woran fast alle Ökonomen glauben: an die Macht der Preise. "Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten", hat er mal gesagt. Es gibt nicht viele Klimaforscher, die so viel gute Laune verbreiten.

Seine Kollegen sind Vegetarier. Edenhofer isst am liebsten Wurst

Edenhofer hat die Weltbank und den Papst beraten, die deutsche Regierung und die Europäische Kommission. Er war im Führungskreis des Weltklimarats und hat dort den Bericht mit auf den Weg gebracht, der die Grundlage bildet für die Verhandlungen auf dem Klimagipfel in Paris. Fast 700 Autoren haben darin die wichtigsten Erkenntnisse der Klimaforschung zusammengetragen, fünf Jahre lang. Vor der Veröffentlichung des Papiers haben die Mitgliedstaaten des Klimarats um jeden Satz gerungen, in nächtelangen Verhandlungen. Edenhofer hat viele dieser Verhandlungen geführt. Er hat zwischen den Malediven und China vermittelt, zwischen Ländern, die absaufen, und Ländern, die aufsteigen und dabei Unmengen von Kohle und Öl verschlingen. Er hat gestritten und geschlichtet. Er hat gelernt, dass Zuhören wichtiger als Kontern ist. Dass mittelmäßige Verhandler irgendwann das erste Bier aufmachen und dass die guten bis ganz zum Ende nüchtern bleiben. Dass die Zauberformel der Diplomatie aus vier Wörtern besteht: Thank you very much. Wenn er seine Ruhe zu verlieren drohte, hat er meditiert. Das tut er immer, eine Stunde täglich, mindestens.

"Wie machen Sie das, Herr Edenhofer?"

"Was?"

"Meditieren."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015.

Edenhofer sitzt in seinem Büro in Berlin-Schöneberg, ein sanierter Backsteinbau nahe dem Gasometer, in dem Günther Jauch jeden Sonntag seine Talkshow moderiert. Auf Edenhofers Tisch steht noch das Mikro von einer Videokonferenz mit Brüssel, in den Regalen stapeln sich die Bücher bis unter die Zimmerdecke. Edenhofer wippt in seinem Stuhl, er hält die Hände vor den Bauch und spreizt die Finger, so, dass sich seine Fingerkuppen fast berühren. Er schließt die Augen, atmet ein. "Jetzt entsteht da so eine Art Strom", sagt er und wackelt mit den Fingerspitzen. Er atmet aus. Beim Einatmen sagt er: Jesus. Beim Ausatmen: Christus. So macht er das überall, im Hotel, im Flugzeug, am Rande von Konferenzen. Einatmen: Jesus. Ausatmen: Christus.

Edenhofer hat das Meditieren bei den Jesuiten gelernt. Mit 26 Jahren trat er in den Orden ein, er lernte zu beten und zu schweigen, gelobte Armut, Keuschheit und Gehorsam, absolvierte die drei "Experimente", so heißen bei den Jesuiten die Praktika: als Packer im Kaufhof, als Pfleger im Krankenhaus und als Seelsorger im Jugendgefängnis. An seinen ersten Tag im Knast kann er sich noch erinnern. Da wurde er von den Häftlingen ausgepfiffen.