Der tote Hund ist Josué Céspedes unsagbar peinlich. Der Ingenieur führt gerade Besucher durch La Atarjea, das wichtigste Wasserwerk von Perus Hauptstadt Lima. Während er stolz erklärt, wie seine Leute mit Sieben, Sickerbecken und chemischen Behandlungen das schmutzige Wasser des Río Rímac in Trinkwasser verwandeln, erblickt er den Kadaver an einem Gitterrost. "Das hätte nicht passieren dürfen", entschuldigt sich Céspedes wieder und wieder. Limas Wasserversorgung darf sich tote Tiere nicht leisten. In Perus wachsender Metropole ist das Nass so knapp wie an kaum einem anderen Ort der Erde.

Um Lima herum erstreckt sich die peruanische Küstenwüste. Jährlich fallen hier nur etwa zehn Millimeter Regen; selbst in Kairo regnet es mehr als doppelt so viel. Und während durch Ägyptens Hauptstadt der Nil fließt, hängt Limas Wasserversorgung quasi komplett vom Niederschlag in den nahen Anden ab. Doch Regen und Schnee aus den Bergen fließen zu fast 98 Prozent nicht nach Lima, sondern in die andere Richtung, ins Amazonasbecken. Ganz Peru hat dieses Problem: An die Pazifikküste, wo die meisten Bewohner des Landes leben, gelangt auf natürlichem Weg nur ein winziger Bruchteil des Wassers. Allein im Großraum Lima leben fast zehn Millionen Einwohner.

Peru muss die Versorgung seiner Hauptstadt dringend verbessern. Helfen sollen auch deutsche Wissenschaftler, die die Probleme Limas mehrere Jahre lang analysiert haben. "Wenn es gelingen könnte, das Wasser auf jeden Bürger Limas gerecht aufzuteilen, könnten alle versorgt werden", sagt Ingenieur Christian León von der Universität Stuttgart, der extra nach Lima gezogen war.

Die Zeit drängt. Längst zapfen die Limeños die Grundwasserreserven im Erdboden an. In den besonders regenarmen Monaten zwischen Mai und September musste das Wasser in Lima schon jetzt immer mal wieder rationiert werden. Künftig könnte das noch häufiger geschehen, befürchten die Stuttgarter Forscher. Denn durch den Klimawandel verändern sich die Niederschläge in den Anden. Die für Lima relevanten Flüsse könnten im Jahr 2050 etwa 13 Prozent weniger Wasser führen als heute.

Aufbereitungsanlagen wie La Atarjea sollen helfen, das verbleibende Nass besser zu nutzen. Die Wasserwerke holen nicht nur tote Tiere und Müll aus dem Rímac. Sie müssen vor allem die Schadstoffe herausfiltern, die Fabriken und der Bergbau am Oberlauf des Flusses ungeklärt hineinleiten. Etwa 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde kann Versorger Sedapal derzeit aufbereiten. Doch während es die meiste Zeit des Jahres über zu trocken ist, führt der Rímac während der kurzen Regenzeit viel zu viel Wasser. Dafür sind die Anlagen zu klein, große Mengen strömen ungenutzt in den Pazifik.

El Niño könnte alles noch schlimmer machen. Das Wetterphänomen bringt alle paar Jahre starke Regenfälle an die peruanische Pazifikküste. In diesem Jahr fällt es besonders heftig aus. Angesichts der Infrastruktur droht eine Katastrophe – Limas Leitungen, Flussbetten und Gräben halten dem gewaltigen Wasserdruck womöglich nicht stand. Um notfalls schnell reagieren zu können, haben die Behörden Lima vorsorglich zum Notstandsgebiet erklärt. Für gut 12 Millionen Soles, umgerechnet etwa 3,3 Millionen Euro, sollen künftig Flussbetten befestigt werden. Über Hunderte Kilometer hinweg werden Flüsse und Gräben gesäubert, Sedapal baut weitere Wasserwerke.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015.

Das Problem wird jedoch eher größer als kleiner. Schon 2040 könnten Prognosen zufolge mehr als 13 Millionen Menschen in Lima leben. Um frisches Wasser für die wachsende Bevölkerung heranzuschaffen, betreibt Sedapal in den Anden schon jetzt ein ganzes Netz aus Stauseen und Kanälen. Manche reichen bis in abgelegene Gebiete auf vier- oder fünftausend Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Céspedes hat an einigen dieser Projekte mitgewirkt. In seinem Büro präsentiert er die Bilder, als schwelge er in Urlaubserinnerungen. Man sieht klare, blaue Seen und Berge, aber auch Arbeiter mit Schutzhelmen, Bilder von Sprengungen, Staumauern und leere Wasserbecken. "Es gibt keine schöneren Bauwerke", schwärmt Céspedes.

Schon vor Jahrzehnten hat Sedapal einen Tunnel gebaut, um Trinkwasser von der anderen Seite der Anden nach Lima zu leiten. Weil die Röhre aber zu verfallen droht, soll bald ein weiterer gigantischer Tunnel quer durch die Berge gebohrt werden. Zwei Meerwasserentsalzungsanlagen sind ebenfalls in Planung. Umgerechnet rund 1,3 Milliarden Euro wolle Sedapal in den kommenden fünf Jahren investieren, sagt Hauptgeschäftsführer Mario Antonio Vargas Medina. Einen großen Teil der Summe finanzieren ausländische Geldgeber, unter anderem die deutsche Entwicklungsbank KfW.