Warum sollte man ein Buch lesen, das 50 Jahre alt ist und von Schulen und Unis der frühen 1960er Jahre handelt? Weil es das faszinierendste Bildungsbuch der Nachkriegsgeschichte ist. Weil sein Titel zum Schlagwort geworden ist. Vor allem aber: Weil es so radikal und aktuell ist, dass es auf die Nachttische der Bürger und die Schreibtische der Bildungspolitiker gehört: Bildung ist Bürgerrecht.

Ralf Dahrendorfs 150-seitiges Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik erschien vom 12. November 1965 an als sechsteilige Serie in der ZEIT. Darin zeichnete Dahrendorf die Vision einer Bildungsgesellschaft: eines freien und modernen Landes, in dem sich gebildete Menschen wirksam am Gemeinwesen beteiligen, in dem sie die intensivste Ausbildung bekommen, zu der sie fähig sind, und Bildung ein Alltagsthema geworden ist; ein Megathema also, als es den Begriff noch nicht gab.

Dahrendorf wollte das erreichen durch ein soziales Grundrecht auf Bildung. Es sollte bestehen aus einem Recht auf Grundausbildung, einem Recht auf eine den Fähigkeiten entsprechende weiterführende Ausbildung sowie "einer Pflicht der staatlichen Instanzen, dafür Sorge zu tragen, dass diese Rechte ausgeübt werden können". Kurz gefasst: "mehr Bildung für mehr Menschen".

Die Idee des Bürgerrechts auf Bildung ist aus mehreren Gründen faszinierend: Sie begründet eine aktive Bildungspolitik. Der Staat muss Bildung nicht nur erlauben, sondern sie ermöglichen; dazu muss er Schulen und Hochschulen ausbauen und benachteiligte Gruppen fördern. Sie ist progressiv: Dahrendorf wollte nicht einfach quantitatives Wachstum, sondern "Expansion durch Reform". Zudem ist sie liberal, weil unterschiedliche Begabungen unterschiedlich behandelt werden sollen. Und letztlich stellte sich Dahrendorf denen entgegen, die Bildungspolitik begründeten, indem sie die Angst vor dem Notstand schürten oder die Nostalgie des unübertrefflichen Vergangenen anwärmten.

Warum das so aktuell ist? Weil das Bildungswesen viel schneller wuchs, als es sich reformierte. Weil unser Bildungssystem heute immer noch vielen eine effektive Teilhabe versagt. Weil unsere Bildungsrhetorik apokalyptisch ist. Und weil Hunderttausende Flüchtlinge unser Leben und Lernen so stark verändern werden, dass eine aktive Bildungspolitik unerlässlich ist.

1. Statt Expansion durch Reform gab es Explosion und ein bisschen Reform

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015.

"Mehr Bildung für mehr Menschen" – auf den ersten Blick scheint das verwirklicht. Das Bildungssystem wuchs und wuchs und wuchs; 1965 gab es 315.000 Studenten, im vereinten Deutschland sind es heute 2,7 Millionen, weitaus mehr, als Dahrendorf je vorausgesehen hatte. Doch Dahrendorf wollte Institutionen zugleich verändern und erhalten. Er wollte die Universität durch eine "Multiversität" ersetzen, in der es viele verschiedene Bildungswege gibt. Doch schon 1973 sprach Hildegard Hamm-Brücher ernüchtert von "Expansion ohne Reform", Wachstum ohne Änderungen. Heute muss man von Explosion mit ein bisschen Reform sprechen. Mit Bachelor und Master wurden zwar die von Dahrendorf später geforderten Kurz- und Langstudiengänge eingeführt, neben die Unis rückten die Fachhochschulen, die Exzellenzinitiative beförderte Spitzen-Unis. Die große Umwälzung jedoch blieb aus. Wie wir lernen, ähnelt noch immer der Zeit vor 50 Jahren.

2. Wir erlauben zwar eine Teilhabe an der Gesellschaft, ermöglichen sie aber vielen nicht

Bildungschancen sind in Deutschland ungleich verteilt. Dass dieser Satz eine Alltagsweisheit geworden ist, macht ihn umso dramatischer. Fast nirgendwo sonst auf der Welt beeinflusst die soziale Herkunft den Bildungserfolg so stark wie bei uns; am Bildungserfolg hängt jedoch, wie gut man an der Gesellschaft teilhaben kann. Sicher, manche wollen nicht, manche strengen sich nicht an, doch viele werden einfach alleingelassen: Sechs Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss; jeder fünfte Schüler ist mit einfachen Problemlöseaufgaben überfordert; sieben Millionen Menschen können kaum lesen und schreiben. Wie, um Himmels willen, können sie effektiv teilhaben? In den 1960ern galt das "katholische Arbeitermädchen vom Lande" als benachteiligt. Heute ist es der Migrantenjunge aus der Großstadt.