DIE ZEIT: Herr Eymann, in der halben Schweiz streitet man über den Lehrplan 21. Sie haben ihn im Kanton Basel-Stadt ruckzuck eingeführt. Wie haben Sie das geschafft?

Christoph Eymann: Wir hatten eine komfortable Ausgangslage. In Basel gab es ein komplett anderes Schulsystem als in der übrigen Schweiz. Das wollten alle ändern. Eltern, Lehrer, die Politik. Auf das neue Schuljahr hin wurde das nun gemacht. Da lag es auf der Hand, den Lehrplan 21 einzuführen. Wir haben eine forsche Gangart eingeschlagen und den Lehrern viel zugemutet. Wir waren aber immer an einem offenen Dialog interessiert. Und an Kritik. Das hat sich ausgezahlt.

ZEIT: Nun, Sie mussten den Lehrplan 21 auch nicht durch einen Volksentscheid absegnen lassen.

Eymann: Zum Glück nicht, muss ich ehrlicherweise sagen. Die Mitsprache des Volkes muss in Detailfragen Grenzen haben. Im geschätzten Partnerkanton Baselland gab es einen Vorstoß im Parlament, dass der Landrat über die Lehrmittel befinden soll. Wenn es um Lehrpläne, Lehrmittel und Stundentafeln geht, braucht es Fachleute und nicht ein Parlament. Und schon gar nicht das Volk. Das Fachwissen liegt hier bei den demokratisch legitimierten Bildungsräten.

ZEIT: Viele, die selber Kinder haben, fühlen sich kompetent in Bildungsfragen.

Eymann: Ich bin seit fünfzehn Jahren Bildungsdirektor. In all den Jahren hatten wir nur einmal eine Diskussion über den Lehrplan: als wir im Kindergarten den Berner Lehrplan übernommen haben. Das bewegte die Kindergärtnerinnen. Aber in der Bevölkerung? Nie.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Die Eltern interessieren sich also gar nicht für den Lehrplan?

Eymann: Die interessieren andere Dinge: Kommt mein Kind sicher ins Schulhaus? Wie ist die Klasse zusammengesetzt? Von wem wird es unterrichtet? Der neue Lehrplan wurde zum Objekt der Politik gemacht. Das ist schlecht.

ZEIT: Warum?

Eymann: Weil die Schule damit beschädigt wird. Man darf diesen Lehrplan kritisieren, selbstverständlich. Aber wir haben den Auftrag des Volkes, die Schulsysteme zu vereinheitlichen.

ZEIT: Der eidgenössische Bildungsartikel, über den 2006 abgestimmt wurde ...

Eymann: ... und der mit 85 Prozent Ja-Stimmen angenommen wurde.

ZEIT: Was erstaunt: Sie haben den Lehrplan 21 eingeführt, obwohl es noch gar keine Lehrmittel dafür gibt.

Eymann: Das ist der Kompromiss. Wir wollten keinen abrupten Übergang, bei dem wir sofort alle Lehrmittel austauschen. Darum haben wir eine sechsjährige Übergangsfrist.

ZEIT: Ich habe im Hinblick auf dieses Gespräch mit verschiedenen Lehrern in Basel gesprochen. Sie sagen: Wir hatten nicht einmal Zeit, um Widerstand zu organisieren!

Eymann: Wir haben sie mit dem Tempo sicherlich etwas strapaziert.

ZEIT: Nun, wo sie einige Wochen mit dem neuen Lehrplan gearbeitet haben, sagen die Lehrer: Im Schulzimmer hat sich eigentlich gar nicht viel verändert. Warum braucht es denn diesen Lehrplan überhaupt?

Eymann: Die große Errungenschaft ist, dass künftig alle Kinder der Deutschschweiz mit denselben Zielen unterrichtet werden. Eine weitere ist, dass es nicht mehr gesonderte Lehrpläne für jede Schulstufe gibt und die Übergänge mitgedacht sind. Eine Lehrerin weiß künftig, wo sie am Ende des Jahres mit ihrer Klasse stehen muss – und wie es im nächsten Jahr weitergeht. Ich habe den Lehrern im Vorfeld gesagt: gut möglich, dass sich an eurer Französischstunde nichts ändert. Und bitte, schaut den Lehrplan nicht als Bibel an, sondern als Kompass! Es gibt bei uns keine Kontrollinstanz, die prüft, ob sich jeder sklavisch daran hält.