Sie leben hier am Arsch der Welt, sagen sie in Sumte, aber nicht hinterm Mond. 800 Meter Hauptstraße, drei Kurven, ein Bushaltestellenhäuschen. 102 Einwohner. Mindestens genauso viele Schafe, Kühe und Hühner. Und seit Montag vergangener Woche sind die ersten von 750 Flüchtlingen da, aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, 19 Nationen, untergebracht auf dem früheren Gelände eines Inkassounternehmens, in einem Bürodorf am Ortseingang, das jetzt eine Notunterkunft ist. 35 Kilometer bis Lüneburg, 90 Kilometer bis Hamburg.

Zweimal in der Woche kommt ein Bäckerwagen nach Sumte in Niedersachsen, bei gutem Wetter kommen auch Fahrrad- und Motorradfahrer, Elb-Urlauber, Ausflugsgäste aus den Innenstädten. Aber im November, wenn der Nebel festhängt über den Koppeln und Wiesen, die Straßenlaternen mehr schimmern als leuchten, keine Fahrradfahrer, keine Ausflugsgäste, dann ist Sumte: 800 Meter Straße am Arsch der Welt.

Sieben Flüchtlinge auf jeden Dorfbewohner, das hat Sumte nun allerdings berühmt gemacht, sieben zu eins ist zum Ausdruck geworden für die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland. Al-Dschasira war da und die New York Times. Wahnsinn, sagen sie in Sumte, und alles nur wegen unserer Flüchtlinge. Ein Pärchen aus Syrien läuft die Einfahrt zur Unterkunft entlang, "Hallöchen", ruft ihnen ein Anwohner entgegen. Ach nee, verstehen sie ja bestimmt nicht. "Äh, Salam alaikum, welcome hier in Sumte."

Etwa 10.000 Flüchtlinge kommen täglich nach Deutschland, bis zum Jahresende könnten es eine Million Menschen werden. Sie alle müssen untergebracht werden: in Erstaufnahmezentren, in Folgeunterkünften, in Notlagern. Aber 750 Flüchtlinge in einem 100-Einwohner-Dorf, ist das verhältnismäßig? Ist das noch Hilfsbereitschaft oder schon Selbstgeißelung auf Kosten eines übertölpelten Dorfes? In Sumte findet ein Experiment statt, der Ort ist ungefragt zum Gradmesser der Willkommenskultur geworden. Und die ganze Welt schaut zu.

Auf einmal interessiert sich die ganze Welt für Menschen wie Ramona und Frank. Für die Gedanken einer Frau, die an ihrem Tresen Schweriner Burggarten trinkt. Für die Ideen einer Gemeindebürgermeisterin. Für die Ängste und Kräfte, die freigesetzt werden, wenn sich der Alltag dieser Menschen mit einem Mal radikal verändert.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vier Kilometer östlich von Sumte, rechts abbiegen auf die Bundesstraße 195 und dann neun Kurven weiter, liegt die Gemeinde Amt Neuhaus. 4500 Einwohner, Penny, Konsum, Sparkasse, eine Tankstelle. Sumte und sechs weitere Ortschaften werden von hier aus verwaltet. Hier gehen die Sumter einkaufen und zum Arzt, hier werden bald die Flüchtlinge aus der Unterkunft einkaufen gehen und vielleicht auch zum Arzt.

In Sumte wohnen sie, die Menschen aus 19 Nationen. In Amt Neuhaus muss das organisiert werden.

"750 Menschen, das sind auch 750 Interessen", sagt Frank.

"Es wird vieles anders werden", sagt Ramona.

Den beiden gehört der Amtsgrill am Ortseingang von Amt Neuhaus, direkt am Busbahnhof. Oben Gemeindeamt, unten Amtsgrill. Currywurst, Kartoffelsalat, Knusperschnitzel. Bier für 1,80 Euro, geöffnet von 7.30 bis 20 Uhr. Jeden dritten Freitag ist Skat-Abend. Ein schnelles Bier im Amtsgrill, wenn die Frau drüben im Supermarkt einkauft, eines, wenn die Zeit einfach mal wieder nicht vergehen will: Das Bistro ist Anlaufpunkt und Anker im Ort. Bald soll es eine Speisekarte mit Bildern geben, für die Flüchtlinge, weil die ja kein Deutsch verstehen.

"Mal sehen, wie das wird", sagt Ramona.

"Wird schon werden", sagt Frank.

"Die Flüchtlinge bleiben doch nicht", sagt Ramona. "Wir sind hier am Arsch der Welt"

Am Tresen von Ramona, 53, und Frank, 54, treffen sich die Menschen aus der Gemeinde. Am Tresen von Ramona und Frank schnacken und schimpfen die Menschen. Am Tresen von Ramona und Frank sprechen sie seit vergangener Woche vor allem über die Flüchtlinge.

"Wir haben in Neuhaus vier Ärzte und drei Zahnärzte. Und die Wartezimmer sind jetzt schon immer voll. Wie soll denn das gehen, wenn dann die ganzen Flüchtlinge auch noch kommen?", sagt eine Stammkundin.

"Oben in Sumte haben sie doch auch extra Ärzte, habe ich gehört", sagt Frank.

"Das habe ich noch nicht gehört", sagt die Frau.

"Na, mal sehen, wie das wird", sagt Ramona und schenkt der Frau noch ein Glas Sekt ein, Schweriner Burggarten, halbtrocken.

"Wir sind hier am Arsch der Welt"

Aber was das wohl wieder alles kosten wird, dort in Sumte. Seit 25 Jahren warten sie in Amt Neuhaus auf ihre Brücke über die Elbe, aber dafür war kein Geld da. Mit der Fähre müssen sie fahren, wenn sie nach Lüneburg wollen, von Darchau aus oder Neu Bleckede, 4,50 Euro pro Fahrt und Auto. "Vor der Wahl versprochen, und dann ist nichts passiert", sagt Frank. Ein Wahlplakat hängt noch, "Wir halten Wort" steht darauf. Darunter eine Brücke. "Aber jetzt auf einmal is’ in Sumte ja völlig egal, was das kostet", sagt Frank.

"Dort, wo jetzt unsere Kriegsflüchtlinge wohnen, haben früher 200 Frauen gearbeitet", sagt die Dame mit dem Sektglas. Sie haben Inkasso gemacht, für die Post und die Hochbahn, seriöse Firmen, alles Frauen aus der Region, die dort gearbeitet haben. War ’n guter Job. Ist jetzt aber in Hannover, die Firma. Seit zweieinhalb Jahren steht das Bürodorf leer: 14 Häuser, versetzt gebaut, insgesamt 7000 Quadratmeter, verbunden über einen langen Flur, fünf Meter breit, 250 Meter lang.

"Auf einmal musste es dann ganz schnell gehen", sagt Frank, "warum hat man sich denn nicht eher darum gekümmert, stand doch leer, das Gebäude, zweieinhalb Jahre."

"Weil niemand dachte, dass die alle hierherkommen", sagt Ramona.

"Dass die nicht alle in Italien und Kroatien bleiben, ist doch klar gewesen", sagt Frank.

"Wir haben genug Obdachlose, Hartz IV, Kinderarmut, Altersarmut", sagt die Stammkundin. Ramona macht ihr das Glas noch einmal voll. "Aber die Flüchtlinge bleiben doch nicht", sagt sie. "Wir sind hier am Arsch der Welt, das darf man nicht vergessen. Gibt doch nichts hier."

Im Stockwerk über dem Amtsgrill hat Grit Richter ihr Büro. Sie ist die Bürgermeisterin in Amt Neuhaus, 53 Jahre alt, parteilos. Sie kommt gerade aus Sumte, von einem Treffen mit dem Leiter der Einrichtung, es ist später Donnerstagnachmittag. 229 Menschen leben inzwischen in der Unterkunft, viele Familien, vor allem aus Syrien. 50 Kinder. Sie richten jetzt ein zweites Spielzimmer ein, denn mit so vielen Kindern hatten sie nicht gerechnet. Telefon und Internet funktionieren immer noch nicht. Vielleicht morgen. "Aber wir kriegen das hin", sagt Grit Richter, "kriegen wir alles hin."

Es war vor fünf Wochen, 6. Oktober, als in Grit Richters Büro das Telefon klingelte. Ein Mann aus dem Innenministerium in Hannover sagte ihr, dass 1000 Flüchtlinge in das alte Bürodorf in Sumte ziehen würden, zunächst für ein Jahr. "Mein erster Gedanke: Oh Gott, dafür ist unsere Infrastruktur doch gar nicht ausgelegt", sagt Grit Richter. "Und ich kann mich nicht mal wehren."

Eilig verschickten sie im Gemeindehaus Einladungen zu einer Bürgerversammlung. Eine Woche später kamen 600 Leute. Viele Fragen, kaum Antworten. Der Arbeiter-Samariter-Bund prüfte das alte Firmengelände, bei einer zweiten Bürgerversammlung in der Sporthalle sagte man den Anwohnern, es seien jetzt höchstens 750 Flüchtlinge, die nach Sumte kämen. "Ich bin der Meinung, dass 1000 Menschen zu viele gewesen wären", sagt Grit Richter. "Aber auch 750 ist kaum besser." Ihr Telefon klingelt. Der US-Sender CBS kommt zum Interview.

Die Menschen hätten Angst, Bedenken, keine Erfahrung mit so einer Situation, sagt die Bürgermeisterin zum Abschied, das sei alles unverhältnismäßig. "Aber das darf doch noch lange kein Grund sein, zu sagen, dass das nicht geht. Wir wissen doch gar nicht, ob es nicht doch geht."

"Wir lernen ein bisschen Arabisch. Wir leben ja nicht hinterm Mond", sagt ein Mann

Die Gemeinde Amt Neuhaus ist die drittärmste in Niedersachsen, 23 Millionen Euro Schulden. Mit dem Land wird derzeit über einen Entschuldungsvertrag beraten, um wenigstens 9,1 Millionen erlassen zu bekommen. Die Verteilungsquote sieht vor, dass die ganze Gemeinde 70 Flüchtlinge aufnehmen müsste. Nun leben bald zehnmal so viele allein in Sumte.

Trotzdem sind die Sorgen der Menschen hier weit weg von Pegida und AfD. Einem Neonazi aus Sumte haben sie auf der Bürgerversammlung das Wort verboten. Und als NPD-Mann Udo Pastörs in den Ort kam, wollten sich die Bürger nicht öffentlich mit ihm zeigen.

Es sind vielmehr praktische Fragen, die sie sich jetzt stellen: Unser Penny hat nur zwei Kassen, reicht das noch? Werden die Flüchtlingskinder unsere Schulen und Kindergärten besuchen? Und laufen ihre Eltern dann immer auf dem Radweg von Sumte nach Amt Neuhaus? Bricht das Handynetz zusammen, wenn mehr Menschen telefonieren? Schafft das Klärwerk so viel Abwasser?

Erste Gerüchte machen schon die Runde

Das Dorf Sumte ist längst weiter als die meisten Gemeinden in Deutschland: Nicht mehr das Ob steht im Vordergrund. Sondern das Wie. Nach Hilfsbereitschaft kommt Arrangement, gutem Willen muss gutes Management folgen. Das ist die Herausforderung.

"Es ist doch völlig klar, dass wir den Leuten helfen müssen, gerade jetzt im Winter", sagt Frank. Es ist kurz vor halb zehn abends im Amtsgrill, eigentlich ist schon längst geschlossen.

"Solange Gäste da sind, machen wir doch nicht zu", sagt Ramona. Der Schweriner Burggarten ist inzwischen leer, jetzt gibt es Rosé, ein letztes Glas. "Also, ich habe kein Problem mit den Flüchtlingen, wenn die sich auch ein bisschen anpassen", sagt Ramona.

"Ich möchte trotzdem nicht in Sumte wohnen", sagt eine Stammkundin bei einem Glas Rosé.

"Bringt aber auch Jobs, die suchen Köchinnen und Putzfrauen", sagt Frank.

"Warum können die ihre Sachen eigentlich nicht selbst machen? Ihr Geschirr spülen, selbst die Flure fegen?", sagt Ramona.

"Zu Hause mussten die das doch schließlich auch machen", sagt die Stammkundin.

Als auch der Rosé fast leer ist, rast ein Polizeiwagen am Amtsgrill vorbei. "Mit Blaulicht?", fragt Ramona. "Ja, hoch nach Sumte", sagt Frank. "Aber solange er von uns wegfährt, is’ doch in Ordnung." Ramona guckt durchs Fenster hinaus auf die Straße: "Hm, hoffentlich ist das jetzt nicht immer so."

Es machen ja jetzt schon Gerüchte die Runde: Ein Bewohner der Flüchtlingsunterkunft soll bei Penny Zigaretten geklaut haben, so erzählen sich die Leute. Erst habe er die Kassiererin angepöbelt, dann die Schachtel genommen, und dann sei er abgehauen. Überprüfen ließ sich der Fall nicht – die Polizeiwache war nicht besetzt. Dabei hatten die Anwohner auf der Bürgerversammlung darum gebeten, dass die Polizisten künftig rund um die Uhr erreichbar sein sollen.

Am Freitagnachmittag steht ein junger Mann aus Algerien auf dem Penny-Parkplatz. Er will nach Hamburg. Oder Hannover. Oder Lüneburg. Egal, Hauptsache, weg vom Dorf. Eine Frau begleitet ihn zur Bushaltestelle vor dem Amtsgrill. Es ist 11.52 Uhr, der Bus nach Boizenburg ist vor sieben Minuten abgefahren, es war der letzte an diesem Tag. "Today?", fragt die Frau. Der Mann nickt. Die Frau schaut sich alle Buspläne genau an, dann erklärt sie: Den 512er um 12.53 Uhr bis Neu Bleckede nehmen, Ankunft um 13.27 Uhr. Dann mit der Fähre nach Bleckede übersetzen und einen Bus nach Lüneburg suchen. "Dauert aber", sagt sie, "und die Fähre ist teuer." Der Mann nickt. Er setzt sich ins Bushäuschen, die Frau läuft weiter, sie bringt Spenden in die Notunterkunft.

Für diejenigen, die bleiben wollen, sind sie bereit in Sumte. Nicht weil sie das unbedingt wollten. Aber weil sie jetzt müssen. "Die lernen ein paar Brocken Deutsch, wir ein bisschen Arabisch, dann wird das", sagt ein Anwohner. "Wir leben hier ja nicht hinterm Mond."