Woody Allen dreht keine großen Filme mehr, nur noch kleine mit ausgesprochen überschaubarer Handlung; er inszeniert sie gleichsam als Kammerspiel für ein oder zwei brillante Schauspieler. Hier – in Allens 46. Regie – sind es Joaquin Phoenix und Emma Stone, die diese in jeder Hinsicht ausgedachte Geschichte retten. Im Mittelpunkt steht ein am Reißbrett der Philosophie entworfener Mord, begangen im US-Ostküsten-Universitätsmilieu. Bei diesem Verbrechen handelt es sich um eine unwillkommene Störung der Welt der hausmusizierenden Belesenen, die in weißen Holzvillen leben; diskret bewältigt wird sie am Ende mit gesundem amerikanischem Menschenverstand. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass dies alles ausgesprochen unterhaltend ist. Der Irrational Man ist bestes intellektuelles Spätprogramm.

Braylin, ein fiktives College in Newport, schwirrt vor Aufregung, als der berühmte Abe Lucas endlich seinem Ruf folgt. Lucas, gespielt von Joaquin Phoenix, ist ein postmoderner Schwafelphilosoph, was durchaus auch kritisch bemerkt wird, ein Poser und Performer, bis in die Poren gesättigt mit europäischem Nachkriegsdenken, beileibe kein Mann der Wissenschaft, sondern ein ehemaliger politischer Aktivist, der dem Vernehmen nach überall dort aufgetaucht war, wo das Gute mit dem Bösen rang, was aber niemand so recht bestätigen will. Er gilt als Hommes à Femmes und hat ein verlebtes Gesicht und ein veritables Bäuchlein, vor allem umschattet ihn tiefer Welt- und Seelenschmerz. Mit anderen Worten: Noch bevor er sich zeigt, gilt er schon unter den Frauen von Braylin als unwiderstehlich.

Und er spielt seine Rolle: Abe Lucas ist höflich und gleichzeitig schroff, lässt sich beschnuppern und möchte doch allein gelassen werden. Auf dem Campus zieht er seinen Flachmann und trinkt öffentlich, er ist ein gelangweilter Gast auf den Willkommenspartys, was ihm zu Recht als Hochmut ausgelegt wird, kurz: Er ist der melancholische Zeitgeist selbst, den es ans Ende der Welt verschlug. Seine Kollegin Rita Richards (Parker Posey), die unbefriedigte, wirft sich ihm sofort an den Hals. Auch das lässt er geschehen. Und als es im Bett nicht klappt, ist sie es, die sich schuldig fühlt. Auch Jill (Emma Stone) verfällt ihm, eine Philosophiestudentin, die sich mit ihrem braven Freund langweilt und dann nur noch von Abe Lucas schwatzt, von seinen Verdiensten und Problemen. Und alle wissen schon, was daraus folgen wird.

Doch auch diese Beziehung bleibt ohne Sex und geht so dahin, weshalb der Film nach der Hälfte seiner Zeit eigentlich am Ende ist. Dann passiert etwas Überraschendes: Abe und Jill belauschen in einem Restaurant das Gespräch am Nebentisch. Eine Frau lässt sich scheiden, sie ist bestürzt, weil der Richter das Sorgerecht für ihre Kinder dem Mann zusprechen wird. Der Richter ist bekannt für solche Urteile, ein selbstgerechtes, konservatives, frauenfeindliches Monstrum. Abe Lucas hört genau hin. Es gärt in ihm. Was wäre, wenn er dieser Frau hülfe? Er erörtert das mit Jill, und beide kommen zu dem Schluss, dass der Richter beseitigt werden müsste. Jill vergisst die Sache wieder, aber Abe ist förmlich erwacht: Hier ist sie, die Gelegenheit zur freien Tat. Hier liegt der existenzielle Wendepunkt, die Rettung aus der neuenglischen Trägheit des Herzens. Außerdem funkelt hier jene finstere Schönheit, die dem perfekten Verbrechen eignet.

Er tut es. Er vergiftet den Richter. Die Polizei ist ratlos. Der Täter blüht förmlich auf, er bekommt einen Mordshunger auf Bratkartoffeln zum Frühstück, er treibt es munter mit Jill und Rita, seine Schreibblockade löst sich, und der alte Charme kehrt zurück. Der Mann ist durchs Morden fürs Leben gerettet. Allerdings hat er ein paar Spuren hinterlassen. Die Frauen, obschon ostküstenblass und prosaischen Gemüts, sind kluge Analytikerinnen. Es bedarf nur weniger Wochen, in denen die Gerüchte wabern, dann hat Jill ihren Abe so weit, dass er gesteht. Selbstverständlich verrät sie ihn nicht, der Mann ist zu brillant, und der Sex ist zu gut. Erst als ein Unschuldiger verurteilt zu werden droht, verlangt sie, dass er sich stellt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015.

Jetzt ist endgültig Schluss mit Philosophie. Abe Lucas rechnet wie jeder Mörder kurz vor der Festnahme, er kalkuliert seine Chancen. Abermals gibt es nur eine Lösung. Es ist nicht ganz übel, was ihm einfällt, aber der Plan geht nicht auf. Im entscheidenden Moment rutscht er auf einer runden Taschenlampe aus, die er in einem Anfall von Romantik einst für Jill auf dem Rummel geschossen hatte. Die letzte Einstellung dieses Film zeigt Jill, wie sie am felsigen Strand spazieren geht und darüber meditiert, wie diese "schlimmste", ja "extremste" Erfahrung ihres Lebens zu bewältigen wäre. Was ihr natürlich gelingen wird.

Woody Allens mit kleinem Budget hergestelltes, man könnte sagen serielles Spätwerk kreist immer wieder um das Unbehagen, das in eine amerikanische Welt einbricht. Diese Welt hält sich für heil, weil sie nur laue, das heißt im wohlmeinenden Gespräch zu befriedende, Konflikte kennt. Es ist die Welt der Psychoanalyse und der festgefügten Gesellschaftsmoral. Oft kommt die Bedrohung "von außen", in Gestalt einer europäischen Sicht der Dinge, sei es durch Permissivität oder wie hier durch überkomplexes Denken, durch die Leidenschaften oder die Indifferenz. Woody Allen dreht gewissermaßen literarische Novellen. Diese hier fädelt er an der dostojewskischen Frage auf, unter welchen Umständen einer zum Mörder wird. Die Umstände sind das akademische Milieu, also ein latent lächerliches. So muss das "Gute" siegen, denn in keinem Universum ist denkbar, dass ein Philosoph mit verschrobenen Rechtfertigungen durchkommt, wenn er etwas angestellt hat. Trotzdem wirkt in dieser Geschichte der Common Sense am Ende so kurios wie das gehobene Reflektieren. Jill wird wohl ihren braven Freund von früher heiraten. Das Leben bleibt immer anderswo – und das beobachten wir mit Amüsement.