Den unscheinbaren Moment, der das Leben prägt, erkennt man oft erst in der Rückschau. Bei Holger Zinke war es ein Augenblick Anfang der achtziger Jahre: Als Bundeswehrsoldat steht er an einem Waldrand und wartet stundenlang auf seinen Einsatz. Um sich die Zeit zu vertreiben, zieht er gelangweilt ein Buch aus der Tasche – ein Bändchen des populären Autors Hoimar von Ditfurth, der erklärt, wie Mikroben in der Urzeit aus Sonnenlicht und Kohlendioxid Leben hervorbrachten.

Plötzlich ist Holger Zinke von der Schaffenskraft der winzigen Einzeller fasziniert – so sehr, dass er beschließt, alles über den Haufen zu werfen. Statt nach der Bundeswehrzeit wie geplant Brückenbau zu studieren, entscheidet er sich nun lieber dafür, Bioingenieur zu werden. Wenige Jahre später gründet er mit 30 Jahren seine erste Start-up-Firma, Biotechnology Research and Information Network. Das Kürzel Brain steht auch für "Köpfchen", und das heißt für den Mikrobiologen, der "kreativen Natur" ihre Tricks abzuschauen.

Heute ist der 52-Jährige mit Bürstenschnitt, Nickelbrille und stets korrektem Dreiteiler ein führender Vertreter der "weißen" Biotechnologie; so nennt man den Einsatz von Bakterien, Hefen und Pilzen in Fertigungsprozessen. Am Produktionsstandort Zwingenberg bei Darmstadt mustern 120 Mitarbeiter für Brain das Erbgut solcher Mikroorganismen und optimieren sie für Auftraggeber, die Rohstoffe, Gifte, Energie und Geld sparen wollen. Lange eher belächelt, nimmt die "Biologisierung der Industrie" derzeit an Fahrt auf. Sie ist Zinkes Lebensprojekt und Teil der Bioökonomie.

2,4 Milliarden Euro hat die Bundesregierung seit 2010 für die sogenannte Bioökonomie-Forschung verteilt, in Brüssel ist sie ein Schwerpunkt des Programms Horizon 2020. Allein aus diesem Topf fließen 3,8 Milliarden Euro Fördergelder. Ende November gibt es gar einen Weltgipfel für Bioökonomie in Berlin. Worum geht es da?

Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich ein visionäres Ziel: Energie, Sprit, Baumaterialien, Textilien und Alltagsprodukte vom Föhn bis zum Küchenschemel sollen mit neuen Hightech-Methoden zunehmend aus "biogenen" Rohstoffen erzeugt werden; aus Pflanzen und Tierprodukten also, aus organischen Abfällen, Algen und Mikroorganismen. Auf diese Weise wollen die Regierungen Erdöl und CO₂ einsparen, Materialien recyceln sowie die weltweite Ernährungssicherheit verbessern.

Dieser Wandel würde nicht nur zahlreiche Gebiete verbinden, von der Pflanzenzucht über die Land-, Forst-, Fisch-, Auto- oder Bauwirtschaft bis zur Chemie- und Lebensmittelindustrie. Er soll auch Europa Innovation und Wachstum bringen – nachhaltig, versteht sich. Der Bioökonomierat der Bundesregierung, zu dem auch Holger Zinke gehört, stellt die Bioökonomie bereits kühn in eine Reihe mit der neolithischen und der industriellen Revolution.

Die ersten hochfliegenden Träume der Bioökonomie sind allerdings eher unsanft gelandet. Weder haben bisher gentechnisch veränderte Pflanzen noch Biosprit die Welt gerettet. Im Gegenteil: Monokulturen aus Mais haben den Ruf der Biokraftstoffe angeschlagen, auch der Landraub in Afrika und die Waldzerstörung für Palmölplantagen waren dem Image der "biologischen Industrie" nicht zuträglich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Für die Protagonisten der Bioökonomie war das eine harte Lektion. Nun stürzen sie sich vor allem auf Bioressourcen, die Nahrungsmitteln keine Konkurrenz machen. Aus Stroh zum Beispiel lassen sich Sprit oder Energie gewinnen, aus Flachs oder Harz kann man leichte Verbundstoffe fertigen, aus Holz stabile Baustoffe. Und sie vermarkten neue Produkte wie Speiseeis aus Lupinen, das tierisches Eiweiß einsparen soll, Kleidung aus Milchprotein, das sonst nicht genutzt würde, und Dübel aus Rizinusöl.

Nicht alle großen Ideen zünden. Manchmal erweist sich – wie bei der Algenzucht – die Verwirklichung als komplizierter als gedacht, manchmal passen die Rahmenbedingungen nicht. So lädt der zurzeit niedrige Ölpreis nicht gerade dazu ein, Bio-Ersatz für den klimaschädlichen Rohstoff zu entwickeln. Ein Zögern fände Holger Zinke indes kurzsichtig. Er lästert gern über das "Locked-in-Syndrom" der Chemischen Industrie, weil deren Großunternehmen allzu bequem nur ihre fossilen Strukturen weiter optimierten.

Oder nehmen wir das Geobacillus R-07116. Eine Mitarbeiterin von Brain kratzte es aus dem Rauchgaskanal des RWE-Braunkohlekraftwerkes Niederaußem und stellte fest: Das uralte Bakterium kann das Treibhausgas Kohlendioxid "verdauen". Sein Stoffwechsel wurde so optimiert, dass es Kohlenstoff in Pyruvat und Bernsteinsäure verwandelt – beides Grundstoffe, aus denen die chemische Industrie Bioplastik, Dämmstoffe oder Feinchemikalien produziert. So könnte zumindest ein Teil der Klimakiller-Gase in nützliche Produkte umgewandelt werden.