Neulich, als die deutsche Regierung ankündigte, eure Zögerlichkeit nicht länger hinzunehmen, haben deine Leute plötzlich eine Lösung präsentiert: counter speech. Also: Gegenrede. Die Facebook-Nutzer sollten das am besten untereinander regeln. Indem sie beispielsweise Initiativen wie #IchbinDresden gründen. Dresdner gegen Pegida.

Mehr Stimme. Ich verstehe schon. Obwohl, also Mark, das verstehe ich eigentlich nicht. "Ab in die Gaskammer!" Ist das etwa ein Argument? Soll ich jetzt auf Facebook erklären, was gegen das Vergiften von Asylbewerbern spricht? Ich fürchte, manche Dinge macht man viel zu groß, indem man versucht, sie kleinzureden.

188 Inhalte habt ihr in Deutschland zwischen Januar und Juni 2015 gesperrt. Das ist dreimal so viel wie ein Jahr zuvor. Gemessen an wie vielen Beschwerden? Das schreibt ihr wieder nicht. Du preist die Transparenz, aber wenn es um Informationen zu deiner Firma geht, erinnerst du mich an Nordkorea. Ihr ladet zu Diskussionen ein. Bester Wein, edelste Hotels, freundlichste Menschen. Vor wenigen Monaten habt ihr wieder in so ein Hotel eingeladen. Ihr nanntet es "Roundtable". Wir Journalisten sollten nichts darüber schreiben. Das war fast witzig. Deine Leute haben nämlich kaum etwas gesagt. Vor einigen Wochen habt ihr Journalisten nach Dublin geflogen, in euer Europa-Hauptquartier. Sie haben ganz einfache Fragen gestellt. Wie viele deutsche Muttersprachler überprüfen die Hasskommentare? Die Antwort: Keine Ahnung.

Ihr wisst nicht, wie viele Leute bei euch Kommentare auf Deutsch kontrollieren? Könnt ihr mal aufhören, uns zu verarschen, bitte! Wenn du mehr Mitarbeiter brauchst, die gut Deutsch können, dann stell sie ein. Ihr habt im vergangenen Jahr 2,94 Milliarden Dollar Gewinn gemacht.

Manchmal frage ich mich, ob ich dich überschätzt habe. Knapp 12.000 Leute arbeiten für dich, nicht viel mehr als für einen Maschinenbauer aus Waiblingen. Natürlich hast du auch deine Algorithmen. Aber was wissen die von Dachau? Das ist doch Pfusch. Ihr seid kein Weltkonzern, denke ich dann, sondern ein lächerliches Konzernle. Total überfordert.

Neulich haben deine Leute übrigens meine Facebook-Seite gesperrt. Es war die wahrscheinlich erfolgloseste Buchpromotion-Seite. 99 Likes. Sie verstoße gegen eine oder mehrere eurer Regeln, schriebt ihr. Ich habe dann am 27. August eine Beschwerde eingelegt und gefragt, gegen welche. War es vielleicht, weil die Seite Generation Porno heißt, wie das Buch? Ihr toleriert keine Brustwarzen, das weiß ich, aber da waren gar keine. Mir kommt das alles verdammt willkürlich vor. Jeder Nippel verschwindet sofort, aber die Gaskammern bleiben stehen. Das sind doch keine Prioritäten, Mark. Das ist doch völliger Irrsinn.

Oder ist es Kalkül? In Indien und China haben sie mit Hitler auch weniger Probleme als mit Brüsten. Das sind beides Riesenmärkte. Und du hast mittlerweile so gut Chinesisch gelernt, dass du im Oktober gut 22 Minuten lang frei sprechen konntest – an der Tsinghua-Universität, an der auch Staatschef Xi Jinping studiert hat.

Ich habe mir die ganze Rede angehört und die Untertitel gelesen. Kein Wort zur Meinungsfreiheit. Kein einziges.

China sperrt Facebook, trotzdem beugst du dich dort den Regeln. Freiheit, Mark! Das ist doch dein Ideal. Warum nehme ich dir das bloß nicht mehr ab?

Move fast and break things. Aber doch keine Menschen, Mark. Oder?

Dein Johannes