Auch wenn sich der Andrang ein wenig verringert hat: Noch immer kommen am Hamburger Hauptbahnhof jeden Tag Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Afghanistan und dem Irak an. Die meisten von ihnen wollen weiter nach Skandinavien. Wann fährt der nächste Zug? Wo können wir uns zwischendrin stärken? Welche Route ist am günstigsten? Diese Fragen beantworten ihnen seit Monaten ehrenamtliche Helfer. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hatte vor dem Hauptbahnhof bislang Zelte aufgebaut, in denen sie erste Unterstützung leisten konnten.

Das wird sich nun ändern: In dem nahegelegenen Bieberhaus wird eine feste Anlaufstelle für die Flüchtlinge eingerichtet, größtenteils finanziert durch die Sozialbehörde. Auch wenn das die Situation deutlich verbessert, braucht es nach wie vor zusätzliche Räume, die die Flüchtlinge aufsuchen können. Viele von ihnen bleiben für eine Nacht in Hamburg, weil ihr nächster Zug erst einen Tag später fährt. Damit sie sich ein wenig von den Reisestrapazen erholen können, bringen die freiwilligen Helfer sie seit Monaten an Orte, die sich nachts zu Schlaflagern verwandeln.

PRIVATWOHNUNG: Bei Alexandra

Von Sarah Levy

Am Anfang war da noch das Schlafzimmer mit dem breiten Bett, das sich Alexandra Strickmann als privaten Rückzugsraum bewahren wollte. Schließlich gibt sie schon ihr Wohnzimmer ab, den Raum mit dem Schlafsofa und der Hängematte, wo sie sonst tanzt, Wäsche trocknet, mit Yari spielt, ihrem sechsjährigen Sohn. Seit zehn Wochen ist das Wohnzimmer ein Raum für Menschen, die sonst keinen Ort zum Schlafen hätten. Familien aus Syrien, Schwestern aus Somalia, Afghanen und Libanesen waren schon da.

An diesem Abend schläft hier Familie Hamed* aus Syrien, Mutter, Vater, drei Kinder, 15, 17, 24 Jahre, seit einem Jahr und fünf Monaten auf der Flucht. In feuchten Winterjacken und mit Schatten unter den Augen sitzen sie nebeneinander auf dem Sofa, ihr Gepäck – drei Plastiktüten, ein Rucksack, eine kleine Sporttasche – hinter sich verstaut. Als wollten sie so wenig Raum einnehmen wie möglich. Auf dem Boden liegen Matratzen und Isomatten. Yari hat Laken gespannt, Schlafsäcke und Decken ausgelegt, Kissen in Bezüge gestopft, eine Kiste Spielzeug ins Kinderzimmer geschoben. Nur als seine Mutter vor Kurzem einem geflüchteten Kind sein Polizeiauto schenkte, hat Yari geschimpft: "Das kannst du nicht machen, das habe ich, seit ich klein bin."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Dinge, die ihm wichtig sind, verstaut er jetzt in seinem Zimmer, die Tür bleibt geschlossen. Alles andere teilt er gern. Wenn es sein muss, auch die Zeit mit seiner Mutter, die gerade Tee kocht, Kekse ins Wohnzimmer bringt.

Alexandra Strickmann arbeitet als Erzieherin, sie besitzt nicht viel, aber seit zehn Wochen fühlt sie sich reich. "Wir können so viel abgeben", sagt sie. In Nächten wie dieser teilt sie mit ihrem Sohn die 90-Zentimeter-Matratze seines Hochbetts. Alles habe sich relativiert, sagt sie, Platz, Privatsphäre, Besitz. Das Warten vor dem Badezimmer, wenn ein Gast die heiße Dusche genießt. Die gestiegenen Heizkosten, weil die Flüchtlinge oft so durchgefroren seien. Das Doppelbett in Alexandras Schlafzimmer. Dort schläft in dieser Nacht ein Junge, der Arabisch spricht und allein unterwegs ist.

Familie Hamed hat inzwischen die Jacken abgelegt, Socken ausgezogen, die Handykabel in Alexandras Steckdose eingesteckt. Nur die Mutter sitzt voll angekleidet auf dem Sofa, sie starrt auf den Boden, reibt sich die Augen. Vor dem Schlafengehen hängt Alexandra Strickmann noch die Hängematte ab. Es ist Yaris Lieblingsplatz, normalerweise frühstückt er morgens darin, abends liest ihm seine Mutter hier ein Buch vor. "Wenn der Raum besetzt ist, frühstücke ich im Bett", sagt er. "Das ist auch okay."

Am nächsten Morgen wird das Wohnzimmer zur Picknickwiese. Alle frühstücken gemeinsam auf dem Boden: Alexandra Strickmann, Yari, Familie Hamed, der arabische Junge. Es gibt Toast, Joghurt, Datteln, Pidebrot. Die Familie isst wenig, bedankt sich tausendmal.

Manchmal lassen die Gäste auch etwas zurück. Yari hat jetzt ein Spielzeughandy mit arabischen Buchstaben.

*Name geändert