Es waren die späten achtziger Jahre, Susanne Kazemieh war eine junge, verheiratete Mutter in Hamburg, und sie wollte sich um die Familienfinanzen kümmern. Die Lehrerstochter, die Sonderpädagogik studiert hatte, kannte sich nicht aus und ging zu einem Finanzberater in der Nachbarschaft.

"Irgendwas stimmte nicht", erinnert sie sich heute, "eine merkwürdige Atmosphäre war das." Sie fühlte sich ahnungslos, und so behandelte der Mann sie auch. Trotzdem schloss sie eine Haftpflichtversicherung für ihre Familie ab – "mit einem Zehnjahresvertrag, so wie das damals war, und viel zu teuer". Der Mann redete mit ihr von oben herab in seiner Fachsprache und drückte ihr schließlich die Versicherung einfach in die Hand.

Friss oder stirb.

Damals galt es in der gesamten Finanzbranche als ausgemacht, dass Frauen keine Ahnung hätten. Nicht von Versicherungen. Nicht von der Geldanlage. Ein paar Standardversicherungen, ein Sparbuch, damit wären sie noch am besten bedient. Alles andere war Männersache.

Eine Firma für Frauen

Doch da kannten die Finanzmänner Susanne Kazemieh schlecht. Sie begann, sich die Geldbranche genauer anzusehen. Bekannte bemerkten, dass Susanne etwas über diese fremde Welt lernte, was sie nicht wussten. Mehr und mehr von ihnen baten sie um Hilfe bei ihren Finanzen. Zuerst eine befreundete Hebamme, die dann Kolleginnen vermittelte, dann Yogalehrerinnen. Wie von selbst bekam das Ganze unerwartet Schwung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Susanne Kazemieh kehrte dem Lehrerberuf den Rücken, um der komischen Männerwelt eine Alternative entgegenzusetzen. Sie gründete ihre eigene Finanzfirma, die Frauen besser beraten sollte, als sie es gewohnt waren. Heute, fast dreißig Jahre später, bietet Kazemiehs "Frauen Finanz Gruppe" eine individuelle Beratung und zählt laut Kazemieh fast 10.000 Kunden, ein Fünftel davon sind mittlerweile Männer. Die Gründerin und ihre Mitarbeiterinnen empfangen die Kunden in einer ehemaligen Sparkassenfiliale in Hamburg, der alte Safe-Raum steht offen, an der Wand hängen moderne Fotografien zum Thema Frauen.

Kazemieh hat Erfolg. Und die Haltung im Land hat sich erheblich verändert. Alle kümmern sich um weibliche Kunden, und Investment-Clubs für Frauen findet man in vielen Städten. Standardaktien und Spezialwerte, gemanagte Fonds und ETFs – solche Anlagen sind für mehr Frauen als früher eine vertraute Welt. Mittlerweile betrachten Wissenschaftler "Frauen und Finanzen" als wichtiges Forschungsgebiet – und zeigen in zahlreichen Studien, dass Frauen bei der Geldanlage zwar anders, aber mindestens so erfolgreich vorgehen wie Männer.

Prima, könnte man sagen, gäbe es da nicht ein Problem. An den entscheidenden Stellen der Finanzbranche – als Bankvorstände, als Fondsmanager, als Berater – sind immer noch kaum Frauen zu finden, obwohl doch alle Studien sagen, dass gemischte Teams in Geldfragen besser sind als reine Männerteams. Und zu Hause sitzen noch viele Sparerinnen, die sich nicht übers Sparbuch hinaustrauen, obwohl sie erfolgreiche Anlegerinnen sein könnten. Ihnen fehlen nur weibliche Vorbilder. Es ist ein Teufelskreis, aus dem die Deutschen herauskommen müssen, wenn sie mehr Vermögen erwirtschaften wollen.

"Der Frauenanteil in der Fondsbranche, vor allem im Kernbereich, wo die Portfolios gemanagt werden, ist wirklich gering", sagt Anja Mikus. Sie kennt die Statistiken, und sie weiß es aus persönlicher Erfahrung. Seit 27 Jahren ist sie in der Branche tätig, fing an als Wertpapieranalystin bei der Allianz-Lebensversicherung und arbeitete sich nach oben. Und meistens war sie die einzige Frau im Raum.

Es lebe die Vielfalt

Bis vor Kurzem gehörte Mikus zu den Geschäftsführern von Union Investment, der Investmentgesellschaft der DZ Bank, und verantwortete die Anlage von 260 Milliarden Euro. Und doch war sie in einer Männerwelt mit Männergesetzen, der es an Diversität mangelte. Mit Mitte fünfzig, nach elf Jahren bei Union, stieg sie aus – und wechselte zur jungen britischen Firma Boutique Arabesque Asset Management. Als deren oberste Investment-Managerin kann sie sich von Frankfurt aus auf nachhaltige Investitionen konzentrieren. Das Management-Team bei Arabesque ist halbwegs gemischt: 22 Mitarbeiter aus zwölf Ländern, darunter vier Frauen. Man merke den Unterschied, sagt Mikus, in der Kreativität. Die wichtigen Fragen, in welche Branchen und Unternehmen investiert wird, was die großen Trends sind, würden in einer so diversen Gruppe offener angegangen als an einem Tisch mit lauter mittelalten Alphamännern.