Kämpfer des IS in einem von der Terrormiliz nach den Anschlägen von Paris im Internet verbreiteten Propaganda-Video © Reuters

"Gott wird euch vergeben"

Früher war ich ein normaler Muslim. Ich betete, aber nicht jeden Tag. Der Imam in meinem Dorf war natürlich fromm, aber er vertrug sich mit allen: Juden, Christen, Schiiten. Deshalb hat der IS ihn umgebracht. Man kann mit dem IS nicht über Religion diskutieren. Man hört zu und hält den Mund. Daran habe ich mich gehalten.

Vor dem Krieg hatte ich einen Telefonladen in Damaskus. Als die Revolution begann, lief ich erst zu den Protesten, aber dann wollte ich kämpfen. Anfang 2012 wurde ich Soldat bei der Freien Syrischen Armee (FSA), später kommandierte ich ein Bataillon. Als der IS die Kontrolle in Deir al-Sur übernahm, lief ich über.

Die Religion des IS sagt, du sollst ein radikaler Killer sein. Manche Muslime sehen es so: Der IS gewinnt Kämpfe, also muss Gott auf seiner Seite sein. Andere sagen: Der IS gibt uns Benzin und Gas und Strom, also ist er gut. Ich schwankte zwischen verschiedenen Meinungen. Ist der IS gut oder nicht? Vielleicht sind seine Kämpfer radikal, aber gut?

Ich ging zum IS, um zu sehen, ob sie wirklich religiös sind. Ob sie für Gott kämpfen. Es dauerte lange, bis ich merkte, dass sie Lügner sind. Im Juli haben sie meinen Bruder getötet, obwohl er schon lange für sie kämpfte. Er war sofort zum IS gegangen, um gegen Assads Regime so erfolgreich zu sein wie möglich. Aber der IS bekämpft das Regime nicht. Ich kann es bezeugen, denn ich war lange in der Kommandozentrale von Deir al-Sur, bei allen Sitzungen der regionalen Führung: Es ging nicht gegen Assad, sondern gegen die Kurden.

Ich war Überwachungsoffizier und habe den Funkverkehr der Feinde abgehört. Wir kooperierten mit IS-Zentren in Hassaka und Rakka. Nach der Eroberung von Palmyra baute ich dort ein neues Kommandozentrum mit auf. Mein Emir in Palmyra, Abu Qudama al-Almani, führte die Eroberung mit an, aber weigerte sich, Zivilisten zu ermorden. Deshalb kommandierte der IS ihn ab und erschoss ihn als Spion.

"Ja, als Soldat habe ich getötet. Aber ich habe niemanden enthauptet"

Nein, die Befehle kamen nicht vom Kalifen, sondern von Männern aus dem Irak, die wir nicht kannten. Wir haben Abu Bakr al-Bagdadi nie gesehen. Wenn er der Kalif ist, warum zeigt er sich nicht in den eroberten Städten? Einmal kam ein Kommandeur, Abu Mohammed al-Dumani aus Damaskus, zu uns in die Kommandozentrale und fragte den Scheich Ajub, einen der Befehlshaber der Region, ob er Bagdadi treffen könne, um biya zu machen – also persönlich seine Loyalität zu schwören. Er hatte den Verdacht, Bagdadi existierte nicht. Sie brachten auch diesen Mann um. Immer dasselbe Muster. Wer Fragen stellt, stirbt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Der IS behauptete, sie würden den Leuten helfen. Tatsächlich verschenkte er Gas und Strom. Für die Leute vom IS gibt es alles umsonst. Für alle anderen aber ist alles sehr teuer. Es gibt IS-Leute und Nicht-IS-Leute, die nicht direkt als Feinde gelten. Wir sagten: Um die kümmern wir uns später.

Als ich neu zum IS kam, musste ich einen Monat ins Scharia-Camp, dann einen Monat ins Militär-Camp. Wir waren 225 Männer, lebten in verlassenen Dörfern. Tagsüber Training, nachts Training. Das Scharia-Camp war Gehirnwäsche: Wir müssen gegen alle Ungläubigen kämpfen!

Ja, als Soldat habe ich getötet. Aber ich habe niemanden enthauptet. Ob ich die Gewalt genossen habe? Nein. Aber es ist Krieg. Im Krieg herrscht Gewalt. So war es schon zu Zeiten des Propheten. Viele Ausländer kommen nur zum IS, um Ungläubige zu bestrafen. Sie kennen keine Gnade. Sie wollen Angst schüren, deshalb die Videos fürs Internet. Doch große Massaker wie in Schadadi bei Deir al-Sur, wo 2.000 Leute starben, wurden nicht gefilmt. Es ging um Öl. Bei der Eroberung der Dörfer wurden 1.500 bis 2.000 Zivilisten umgebracht. Ich kam nach dem Massaker, und es lagen überall Leichen herum. Hunde fraßen die Körper, kleine Tiere nagten an Gerippen.

Ja, in meiner Zeit beim IS habe ich Hinrichtungen erlebt. Es hieß: Das sind Ungläubige, die haben das verdient. Ich glaubte das. Bis ich merkte, dass manche Morde nur Racheakte waren für alte Rivalitäten und dass wir die Kurden, die Jesiden, die Christen bekämpften, aber nicht Assad. Wenn ich die Kommandeure darauf ansprach, hieß es, Angriffe gegen das Regime müssten sehr detailliert geplant werden. Wir brauchen erst andere Waffen.

Wie gesagt: Wir sollten andere Religionen bekämpfen. Doch steht nicht im Koran, dass unter muslimischer Herrschaft Christen und Juden Schutz genießen? Für Soldaten, die solche Fragen stellten, fand man Ausreden: Wir wehren uns nur. Als sie jesidische Frauen nach Schadadi brachten, versicherte mir ein Mann, der sie verkaufte: Mach dir keine Sorgen. Nur Kämpfer bekommen sie. Das Verkaufen von Frauen fand ich trotzdem nicht in Ordnung. Nein. Bei Gott. Der Koran verbietet es in den meisten Fällen. Wenn jesidische Frauen gegen uns gekämpft hätten, dann, sagt der Islam, kannst du die Frauen nehmen. Das ist okay. Beim IS sagen die Religionswächter: Selbst wenn die Frau nicht gekämpft hat – sie wird ein Kind gebären, und das wird gegen uns kämpfen. Sie finden immer Gründe. Es sind Kriegsregeln.

"Sie wollen nicht siegen, sie wollen zu Gott"

Ich kenne einige Männer, die Enthauptungen durchführen, von früher, als sie noch bei der FSA waren. Feiglinge, aber beim IS waren sie die Starken. In meinen Augen hatten sie schon vorher kein Rückgrat. Oft wurden die Hinrichtungen auch von kriminellen Ägyptern, Algeriern und Tunesiern gemacht. Das Problem: Schon Assads Regime enthauptete mit Messern. Ich habe sechs Familienmitglieder verloren. Nach Jahren des Krieges geraten die Kämpfer außer Kontrolle. Männer des Regimes schoben Frauen Plastikrohre in die Vagina und ließen sie von innen von Ratten fressen. Der IS will am brutalsten sein. Ich habe selbst gesehen, wie sie jemanden aufhängten, unter ihm ein kleines Feuer machten und ihn langsam garten. Nach zwei Tagen war er verkohlt.

Im Camp wurde gelehrt: Der Koran erlaubt auch das Erschießen von Kindern. Selbstmordattentäter lernten: Wenn ihr kontrolliert werdet, sprengt euch in die Luft! Ich kannte Männer, die sagten: Aber es werden Kinder dort sein. Die Kommandeure antworteten: Sorge dich nicht um die Kinder. Gott wird sich um sie kümmern. Wenn ihr einen Guten umbringt, während ihr den Plan habt, einen Bösen zu töten: Gott wird euch vergeben.

Als mein Bruder starb, riefen sie mich ins Krankenhaus und zeigten mir seine Leiche: im Kampf gefallen. Aber ich war lange genug im Krieg. Man hatte ihm von hinten in den Kopf geschossen. Ich hörte mich um: Er wollte gegen Assad kämpfen, nicht gegen Minderheiten. Das war sein Todesurteil. Danach durfte ich zu meiner Familie in Majadin. Ich organisierte einen Fahrer, der uns in die Türkei brachte. Zwei Tage danach setzten sie unser Haus in Brand.

Jetzt warten wir darauf, dass wir in ein Flüchtlingscamp dürfen. Seit einem Monat leben wir am Busbahnhof von Sanliurfa. Wenn die Türkei es ernst meinen würde, wäre der IS in ein paar Monaten erledigt. Aber die Grenze war immer offen für den IS. Wir sahen es so, dass die Türkei uns hilft. Sie ließen uns gewähren gegen die Kurden. Jetzt sind Tausende IS-Kämpfer in der Türkei, und ich weiß, dass die Türkei begonnen hat, sie festzunehmen. Wenn es so weitergeht, wird der IS die Türkei angreifen.

Nein, ich sehe den IS nicht als sunnitische Armee, denn in Syrien bringt er mehr Sunniten um als Schiiten oder Alawiten. Der IS ist ein gottloser Geheimdienststaat unter dem Deckmantel der Religion. Die Ideologen haben uns unseren Krieg gestohlen. Sie sind radikal. Sie kommen, um zu sterben. Sie wollen nicht siegen, sie wollen zu Gott.