Warum sparen, wenn das Geld stetig an Wert verliert? Passantin vor einer Luxuswerbung in Tokio (Archiv) © Yuya Shino/Reuters

Japaner sind leidgeprüft, wenn es um die Geldanlage geht – und sie sind den Europäern um einige Erfahrungen voraus. Yukiko Hattori zum Beispiel, eine 30-Jährige aus Tokio. Die Hotelangestellte kennt die Situation nur zu gut, vor der man sich in Deutschland und Europa seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 fürchtet. Es ist die Angst vor Deflation – davor, dass die Preise fallen, weil die Unternehmen weniger verkaufen können. So schön es scheinen mag, wenn Waren billiger werden: Für die Wirtschaft bedeutet das meist ein Ende des Wachstums.

In Japan fallen die Preise seit zwei Jahrzehnten. Um gut vier Prozent seit 1998, als nach dem Platzen einer Spekulationsblase im Jahr 1990 auch die Realwirtschaft schwere Schrammen davontrug. Eine Boomphase war beendet, und eine Jahre währende Krise folgte, das "verlorene Jahrzehnt".

In keiner anderen Volkswirtschaft hat es so eine lange Phase der Deflation bisher gegeben. Was bedeutet das für die Menschen, die in so einem Umfeld leben? Und was steht den Europäern in den Jahren nach der Finanz- und Staatsschuldenkrise noch bevor?

Bis zum Ende der Boomphase 1990 hatten Banken in Japan ihren Anlegern geraten: Das Geld müsse in Wertpapiere. Viele hörten darauf, und so blähte sich eine Spekulationsblase auf. Die Aktienkurse stiegen und stiegen, auch die Hauspreise vervielfachten sich.

Waren 1981 noch 22 Prozent der Ersparnisse in Aktien, Anlagen und Fonds geflossen, lag der Wert 1989, kurz vor dem Crash, bei für Japan historisch hohen 33 Prozent. Der Anteil von Bargeldeinlagen war von 58 auf 44 Prozent gesunken, jener von Renten- und Versicherungsprodukten leicht auf ein Fünftel angestiegen. "Die Japaner waren nicht etwa besonders risikobereit geworden", sagt der Ökonom James Rhodes, der seit Jahren in Japan lebt. "Sie glaubten einfach, dass sie gar kein Risiko eingingen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Nach dem Crash verpufften die Kurse, Preise und Werte – und damit auch das Vertrauen. Auch die märchenhaften Immobilienpreise fielen, bis heute haben sie die Rekordhöhen nicht annähernd wieder erreicht. Seitdem investieren Japaner kaum noch Vermögen in ein Haus oder eine Wohnung. James Rhodes sagt: "Hier gilt der Grundsatz: Je flüssiger, desto besser."

Der Aktienmarkt brach um 60 Prozent ein, zahllose Japaner erlitten Verluste. Ein Schock, der bis heute tief sitzt. So liegt der Anteil von Wertpapieren an den Gesamtersparnissen der Japaner noch immer nur bei 16 Prozent – obwohl der Tokioter Leitindex seine höchsten Werte seit Jahren erreicht hat.

Die Sparzinsen liegen bei 0,2 Prozent – noch etwas niedriger als in Deutschland. Die Japaner haben sich daran gewöhnt. Ältere Menschen greifen auf ihr Erspartes zurück und konsumieren vorsichtig.

Diejenigen dagegen, die ein Einkommen erwirtschaften, wählen eine andere Strategie. Yukiko Hattori zum Beispiel. "Ich spare überhaupt nicht besonders", sagt die Hotelangestellte. Lieber gönnt sie sich Mittag- und Abendessen außer Haus, leistet sich Reisen ins Ausland.

Was am Monatsende übrig ist, lässt sie auf dem Konto liegen. "In die Pensionskassen einzuzahlen lohnt sich in Japan nicht, das sehe ich so wie meine Freunde", sagt Yukiko Hattori. "Unsere Gesellschaft wird älter, deshalb würden Leute in meinem Alter am Ende weniger Geld herausbekommen, als sie einzahlen. Ich kenne kaum jemanden in meinem Alter, der in Aktien oder Anleihen investieren will." Wären Immobilien eine Alternative? "Wenn die Preise weiterhin fallen, warum sollte ich mich dann jetzt verschulden?"

Dass man mit Nullzinsen und Deflation aber auch ganz gut leben kann, davon ist Franz Waldenberger überzeugt. Als er 1984 zum Studium das erste Mal nach Japan kam, betrug die Inflationsrate knapp drei Prozent. "Das Leben war unglaublich teuer, und es wurde immer noch teurer." Taxis kosteten ein Vermögen, Abende in Bars waren nur selten zu bezahlen. "Wer nicht viel Geld hatte, der konnte am Boom gar nicht richtig teilhaben."

Seit einem knappen Jahr ist der Münchner Ökonomieprofessor Waldenberger Direktor am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio. "Deflation heißt nicht gleich Krise", sagt er. "Die Infrastruktur ist hier sehr gut, und die Gesellschaft lebt im Wohlstand."

Dass das Wirtschaftswachstum nachgelassen hat, führt er auch auf die Sättigung der Gesellschaft zurück: Viele Unternehmen wüssten nicht, wie sie überhaupt noch klug investieren könnten. Auch das lasse die Preise für viele Güter und Dienstleistungen fallen. Argumente, die mehr oder weniger auch auf Deutschland zutreffen dürften.

Es gibt eine weitere Parallele. Seit Jahrzehnten altert Japans Bevölkerung: Mitte der 1970er Jahre war nur einer von 17 Japanern 65 Jahre oder älter, heute ist es jeder vierte, 2050 liegt der Anteil voraussichtlich bei knapp 40 Prozent. Damit wächst der Bevölkerungsanteil derer, die vor allem von ihren Ersparnissen leben.

"Solange Deflation milde und einigermaßen konstant ist, kann jeder damit besser planen als mit schwankenden Zinsen und Aktienkursen", sagt Waldenberger. "Außerdem sind fallende Preise nicht der Grund, warum Japans Wirtschaft in den letzten 20 Jahren kaum gewachsen ist. Sie sind das Symptom." Deflation, ist der Ökonom überzeugt, sei in einer alternden und wohlhabenden Gesellschaft eine natürliche Tendenz.