Die Wand ist unbescholten weiß, keine Gemälde, keine Grafiken, kein irgendwas. Nur zwei kleine Löcher mittendrin, aus dem einen züngelt matt ein Flämmchen. Dann aber faucht die Flamme mit einem Mal, bläht sich auf, schnappt voller Wut, sobald der Besucher sich nähert. Eine heiße, eine erhitzende Kunst.

Verlockend, sich ganz nah an die Absperrleine zu stellen. Hineinzuschauen ins grelle, sich selbst verzehrende Feuer. Wie es tobt und zappelt, wie böse es wird, weil es nur das Gas verbrennt, das aus den Wandlöchern strömt, obwohl es am liebsten alles hier verschlänge, die Besucher, das Museum, die Stadt. Es ist eine gezähmte Flamme, ihr Wesen aber bleibt unbotmäßig. Und erst wenn der Besucher sich zurückzieht – die Wärme prickelt noch im Gesicht –, hört sie auf zu toben und wird wieder zum Flämmchen.

Es ist ein Spiel mit dem Feuer, staunenswert. Nebenher lässt es sich als Sinnbild begreifen, als lebendiges Zeichen einer Kunst, die Nähe verlangt, unsere Hingabe, weil sie nur so aufflammt und mit Wucht hervorschießt. Vor allem aber erzählt das museale Lodern von einer realen Gefahr: davon, wie rasch sich heute die Künstler verbrennen, am eigenen Erfolg.

Mittlerweile geht es Jeppe Hein wieder besser, vorige Woche konnte er seine bislang größte Ausstellung eröffnen. In Wolfsburg hat der 41-Jährige ein riesiges Labyrinth aufgebaut, viele neue Installationen gibt es darin zu sehen und etliche jener Werke, die Hein am Ende der neunziger Jahre zu einem der begehrtesten jungen Künstler seiner Generation machten. Was er nicht verschweigt: die Angst, die ihn vor sechs Jahren erfasste und hinabriss in ein dunkles Loch der Hilflosigkeit.

Für viele, die ihn kannten, war es ein unerwarteter Sturz. Nichts schien den blonden Sonnyboy aufhalten zu können, ihm flogen die Sammlerherzen zu, die Museen in Hawaii, in Tokio, in New York begeisterten sich für seine Kunst, die es auf spielerische Weise verstand, das harte, abstrakte Erbe des Minimalismus neu zu beleben. So wie die große Flamme sind fast alle seine Werke mit Bewegungsmeldern ausgestattet, sie werden zum Gegenüber, oft auf unvorhersehbare Weise. Da setzt man sich auf eine Museumsbank, und plötzlich beginnt sie ganz sanft mit einem davonzurollen. Ein anderes Mal sind es Museumswände, die sich wie von Geisterhand verschieben. Oder Kugeln aus Metall, die sich polternd in Bewegung setzen, den Besuchern, wenn sie nicht aufpassen, vors Schienbein knallen oder aber so lange gegen die weißen Museumswände scheppern, bis diese überhaupt nicht mehr weiß sind, sondern voller Striemen und Löcher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Eine autoaktive Kunst, heiter, aber niemals derb, schön anzusehen, ohne bedrängend zu wirken. Zudem anschlussfähig an die üblichen Diskurse, vor allem an jene mit institutionskritischem Einschlag. Das brennende Museum war ein Traum der Avantgarde, die Zertrümmerung des White Cube und die Mobilisierung des Publikums ebenso – alle diese Motive finden sich bei Hein in sublimierter Form wieder, oft auf Hochglanz poliert und bestens geeignet, sie in der heimischen Kunstsammlung mit einigem Unterhaltungswert darzubieten.

In Dänemark geboren, hatte Hein dort zunächst eine Tischlerlehre gemacht, war später nach Berlin gezogen, um schließlich für einige Zeit bei Ólafur Elíasson zu arbeiten, einem Meister der technisch raffinierten Inszenierung. Tatsächlich könnten manche der Spiegel- und Lichtspiele, die jetzt in Wolfsburg zu sehen sind, genauso gut von dem einen wie dem anderen Künstler stammen. Der Nachfrage tat das keinen Abbruch, immer begehrter wurden Heins Ideen, bis er in manchen Jahren mehr Zeit im Flugzeug als im Atelier zu verbringen schien. Irgendwo war immer eine Ausstellung zu eröffnen oder ein Auftrag zu erringen. Die eigentliche Arbeit übernahm sein Mitarbeiterstab daheim in Berlin. Hein führte ein mittelständisches Unternehmen, aber mit globaler Reichweite.

Schließlich war es ihm zu viel. Er saß im Flugzeug, er spürte die Panik, er schwitzte, er bekam keine Luft. Diagnose: Burn-out.

Über Monate versank er im Nichtstun, selbst das Einkaufen war ihm zu viel. Nur Yoga, das ging, das Atmen, das Strecken, das Lauschen. Ein Jahr lang trug er nur rote Socken, um sich neu zu erden. Als er sich endlich wieder hinauswagte in die Welt, baute er sich ein zweites Atelier, draußen in Zehlendorf, eine Art Gartenhaus am Rande des Waldes, mit vielen Klangschalen und großen Gongs. Er konnte es sich leisten, denn sein Team machte weiter, verlässlich über all die Jahre. Seine Karriere überstand die Krise schadlos, Heins Kunst aber ist heute eine andere.

War sie zuvor von formaler Strenge und unbeschwertem Gemüt, folgt sie nun einem Verlangen nach Ausgleich und spiritueller Aufladung. Mitten in der großen Wolfsburger Halle hängen sieben Chakren, bunt leuchtende Symbole jener Energiefelder, die in fernöstlichen Heilslehren hohe Bedeutung genießen. Hier nun, ins Dreidimensionale übertragen und nach allen Seiten spiegelnd, sehen sie eher aus wie stylische Kronleuchter. Man sieht sie schon vor sich, die kalifornischen Programmierer, die auf Yoga schwören und nun unbedingt so ein schönes Chakra-Kunstding unter ihre Holzdecken hängen wollen.

Ließ Hein früher eine übergroße Murmelbahn ins Museum einbauen, jungenhaft stolz darauf, das Kunsthafte und das Kindliche zu vereinen, präsentiert er nun eine recht ähnliche Konstruktion, nur darf die Spiellaune keine Laune mehr sein. Ein tieferer Sinn muss her, und deshalb ziehen jetzt Kugeln, an Bändern befestigt, ihre Runden, die immer mal wieder auf Klangschalen unterschiedlicher Größe treffen. Es klongt mal hier, klongt mal dort, zwischendrin die Besucher, peinlich berührt.

Niemand will ja ins Lächerliche ziehen, was dem Künstler so ernst und wichtig ist. Außerdem stimmt es natürlich, dass eine Kunst, die immer nur provozieren will und auf Negation abonniert ist, sich auch irgendwann erschöpft. Warum sollten Künstler nicht an dem mitwirken, was viele Menschen umtreibt? Warum keine Selbstbesinnung und transzendentale Bereicherung? Vor rund hundert Jahren träumte Henri Matisse von einer "Kunst voll Gleichgewicht, Reinheit, Ruhe ohne beunruhigende oder die Aufmerksamkeit beanspruchende Sujets ... ein geistiges Beruhigungsmittel, etwas Ähnliches wie ein guter Lehnstuhl, der von physischer Ermattung Erholung gewährt". Nichts anderes schwebt dem geheilten Hein vor, wenn er im Katalog sagt, dass die Besucher ihre Sorgen "komplett vergessen" sollen, damit sie sich "in der Ausstellung freier fühlen und nicht mehr so schwer". Sollte daran wirklich etwas problematisch sein?

Einige Selbstwidersprüche gibt es da schon. Dieser Künstler schwärmt von inniger Balance und Meditation, in seiner Ausstellung aber geht es zu wie auf einem Jahrmarkt. Es zischen Wasserfontänen, es faucht der dampfende Hocker, es herrscht ein Durcheinander der Effekte und Affekte, dass es jedem, der tatsächlich Besinnung sucht, ein Graus sein muss. Manchmal scheint sich Hein lustig zu machen über die modische Sonnengruß- und Ingwerteefolklore, wenn er beispielsweise Klangschalen mit einer dünnen Farbe füllt und die Besucher so lange mit Klöppeln darauf einschlagen sollen, bis sich auf den untergelegten Papieren lauter kleine Spritzer abzeichnen. Man könnte es für eine gutmütige Verhöhnung des alten Action-Paintings halten, dargeboten als kreative Besucherbespaßung. So aber ist es von Hein nicht gemeint.

Ob mit farbig schimmernden Glaskugeln oder aufwendig inszenierten Sinnsprüchen ("träume, lächle, vergebe, meditiere, erwarte ein Wunder") – der einst für seine Slapstick-Einlagen gerühmte Künstler geht sehr beflissen ans Werk, um der Erleuchtung zu ihrem Recht zu verhelfen. Es gibt sie noch, die brüllende Flamme, heiß und bedrohlich. Viel wichtiger aber ist nun das sanfte Kerzenlicht, das in eine spiegelnde Stele eingelassen wurde. Jeder, der es sich ansieht, sieht sich selbst – mit einem heiligen Flämmchen auf der Stirn.

War Heins Apparaturen früher etwas Kaltes zu eigen, jene Perfektion der Technik, die er dann lustvoll ins Absurde wenden konnte, so dominieren in Wolfsburg eher haltlose, ja naive Werke, handgefertigt. Da sind Streifenbilder an der Wand, lauter blaue Striche, ein jeder entspricht einem Atemzug des Künstlers. Da sind zudem mehr als 3.000 Aquarelle, mit denen Hein die Wände rund um sein Ausstellungslabyrinth überzieht, kleine, tagebuchartige Skizzen, die Uhus zeigen, lachende Gesichter, Zustandsberichte eines angstkranken Menschen. Nie waren sie als Kunst gemeint, als solche aber werden sie nun vorgezeigt, um so "anderen Menschen die eigene Geschichte als Hilfestellung anzubieten", wie es im Katalog heißt.

Worin aber könnte die Hilfe bestehen? Zwar hat Hein einige seiner Sujets ausgetauscht, das System aber, in dem er sich einst von Erfolg zu Erfolg hetzen ließ, will er nicht infrage stellen. "Man kann sich über den Kunstmarkt nicht beschweren", sagt er. "Man muss ihn irgendwie bedienen." Und das heißt für ihn, dass er im Grunde weitermacht wie bisher, die gierige Flamme nach Kräften füttert, mit dem entscheidenden Unterschied, dass er heute ruhig und entspannt in seiner Zehlendorfer Yoga-Laube sitzt, während seine Mitarbeiter sehen dürfen, wie sie mit dem wachsenden Druck zurechtkommen. Heins Lehre heißt: Werde reich, und bürde deine Probleme anderen auf. Für die nächste Ausstellung wäre das ein Sinnspruch, der ausnahmsweise einmal nicht verquast und verlogen klänge.

Die Ausstellung "Jeppe Hein – This Way" läuft im Kunstmuseum Wolfsburg bis zum 13. März 2016