Wie erreicht man möglichst viele Menschen? Indem man etwas tut, das sie auf keinen Fall erwarten. Also geht Joachim Ackva alle paar Wochen zur Bank, hebt 4.000 Euro in kleinen Scheinen von seinem Konto ab, packt das Geld in kleine Säcke und hängt sie an Ballons, die mit Helium gefüllt sind. Mit Freunden fährt er damit auf einen belebten Platz – den Frankfurter Römer, den Berliner Gendarmenmarkt – und lässt die Ballons in 30 Meter Höhe steigen. Dann zieht er an einem Seil, die Säcke öffnen sich, es regnet Euros.

Ein Riesenspaß sei das jedes Mal, erzählt Ackva, der immer gespannt die Reaktionen verfolgt. Zuerst ignorieren viele Passanten die Scheine, vermutlich, weil sie sie für Werbezettel halten. Kinder sind oft die Ersten, die erkennen, dass es echtes Geld ist. Dann kommt Bewegung in die Menge, die Menschen fangen die Scheine, bücken sich danach – und irgendwann kommen die Reporter und fragen: Warum nur wirft jemand Geld vom Himmel?

Also, Herr Ackva, warum?

"Das ist pure Sterntaler-Romantik", sagt Ackva. Mit einem Ziel: Er will den Menschen einen Vorschlag machen – und zwar einen, der es in sich hat. Jeder Bürger soll freiwillig ein Tausendstel seines Vermögens auf ein Weltkonto einzahlen, das bei den Vereinten Nationen angesiedelt ist. Bei einem Vermögen von 100.000 Euro wären das 100 Euro. Ackva meint, dass dieser Anteil den meisten Menschen nicht wehtut, aber weltweit ein enormer Betrag zusammenkommen würde. Mit dem Geld sollen die 17 globalen Entwicklungsziele umgesetzt werden, die die 150 Staats- und Regierungschefs im September bei der UN-Vollversammlung verabschiedet haben – die Bekämpfung der Armut etwa. Allein, ihnen fehlt das Geld.

Der Vorschlag des Weltkontos kann einem den Atem rauben, aber Ackva meint es ernst. Er ist kein naiver Träumer, sondern ein Mensch der Zahlen. Einer, der Kosten und Nutzen abwägt, bevor er eine Entscheidung trifft, und nachdenkt, bevor er antwortet. Der 50-Jährige ist selbstständiger Finanzberater, vermehrt das Geld von 180 wohlhabenden Kunden. Damit hat er selbst schon so viel verdient, dass er nicht mehr arbeiten müsste. Er lebt im Pfälzer Wald in einem ordentlichen Haus mit einem unordentlichen Garten, in dem die Pflanzen wachsen dürfen, wie sie wollen. Wenn Wildschweine nachts den Boden durchpflügen, freut ihn das.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Er habe es gut getroffen im Leben, findet er. Deshalb hat er immer gespendet, auch Patenschaften übernommen für Kinder in Afrika. Aber dann kamen Bürgerkriege, Hungersnöte. So viel Armut in der Welt – trotz stetig wachsender Privatvermögen. Die heutigen Hilfsaktionen hält er für ineffektiv, weil sie zersplittert sind. Etwas Grundlegendes müsse sich ändern, diese Erkenntnis ist in ihm gewachsen.

Deshalb ist Ackva zum Aktivisten geworden. Er ist überzeugt, dass die globale Zivilgesellschaft eine enorme Kraft entfalten kann – wenn sie sich richtig organisiert. Das Weltkonto soll der passende Kanal sein. Es ist keine kleine Aufgabe, die er sich gestellt hat. Aber wer mit ihm spricht, merkt, wie konkret er sie durchdacht hat. Er hat eine Umfrage in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie viele Menschen ein Tausendstel spenden würden. 20.000 Euro hat ihn das gekostet. In Deutschland würden 56 Prozent mitmachen, in Russland nur 13 Prozent. Hochgerechnet kämen 70 Milliarden Dollar zusammen.

Die Ergebnisse der Umfrage hat Ackva vor ein paar Wochen an Ban Ki Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen, geschickt. Eine Antwort hat er bisher nicht bekommen. Ackva hält es für ein gutes Zeichen. "Immerhin gab es keine Standardabsage", sagt er. Aber selbst dann würde er weiter für seine Idee werben. Der nächste Geldregen kommt bestimmt, im Frühjahr, wenn es wieder wärmer ist. Wo, das verrät Ackva allerdings nicht.