Sein Timing war echt mies. Ausgerechnet zur Urlaubszeit trat Johann-Dietrich Wörner sein Amt als neuer Chef der Europäischen Raumfahrtorganisation Esa an. Doch kurz nachdem er sein Büro in der Zentrale in Paris bezogen hatte, verschwanden die meisten Mitarbeiter. Im August sei das immer so, erklärte man ihm. Wegen der grandes vacances, der "großen Ferien". Paris bleibe dann den Touristen überlassen, alle anderen seien im Urlaub und lägen am Strand.

Wörner erfuhr auch, dass seine Leute von ihm dasselbe erwarteten. Als Chef könne er nicht einfach ins Büro gehen, sagten sie ihm, das wäre ein Fauxpas. Also fügte er sich. "Ich kann nicht so richtig mit Urlaub umgehen", erklärt er diplomatisch und fügt noch schnell hinzu, dass er den Erholungswert gleichwohl für "sehr relevant" halte. Glück im Unglück: Zu dieser Zeit ging das Auto seiner ältesten Tochter kaputt. So konnte Wörner seine freien Tage wenigstens mit Reparaturarbeiten füllen.

Arbeit mag er ohnehin lieber. Und ein paar Monate nach dem holprigen Einstand ist er nun auch richtig bei der Esa angekommen: Johann-Dietrich Wörner, 61. Der sich lieber Jan Wörner nennt. Weil das moderner klingt. Europas Mann fürs All.

Er holt sein Smartphone aus der Jackett-Tasche und ruft seinen Kalender auf. Je voller, desto besser, Wörner zieht aus den Terminen eine Art Bestätigung. Zu tun hat er viel, die europäische Raumfahrt ist eine gewaltige Baustelle: Das Navigationssystem Galileo muss vorangetrieben werden. Die Konstruktion der neuen Ariane-Rakete muss weitergehen. Die ganze Raumfahrt wandelt sich, weil private Firmen in den Markt drängen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Dorf auf dem Mond.

Fliegen Astronauten bald mit privaten Unternehmen zur Raumstation ISS?

Zu seinen Visionen gehört genau das: ein Dorf auf dem Mond zu bauen. Nachdem er die Idee öffentlich verkündet hatte, bewarben sich Raumfahrtfans umgehend um den Posten eines potenziellen Mond-Bürgermeisters. Was sich Wörner konkret vorstellt, verrät er aber nicht. Auch nicht, ob und wie ein solches Dorf finanziert werden könnte. Da bleibt er vage, spricht von modularer Bauweise und gestaffelter Finanzierung, also einer Art Ratenzahlung. Besonders realistisch klingt das nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Wörner will das Mond-Dorf ohnehin eher als Metapher für gemeinsame internationale Projekte im All verstanden wissen. "Das Tolle an der Esa und an den vielen internationalen Raumfahrtprojekten ist doch, dass hier selbst in Krisenzeiten Staaten gut zusammenarbeiten, die sich in diesen Tagen anderswo auf der Erde argwöhnisch gegenüberstehen. Diese friedensstiftende Sonderrolle halte ich für so wertvoll, dass wir sie unbedingt erhalten müssen", sagt er. Ganz praktische Probleme wirft auch die in die Jahre gekommene Internationale Raumstation ISS auf: Die Russen wollen demnächst nicht mehr mitmachen. Die Amerikaner haben kein Spaceshuttle mehr, um Besatzungsmitglieder überhaupt noch hochzubringen. Doch auch hier bleibt Wörner vage. Sagt, die Zukunft der ISS sei noch eine Zeit lang gesichert. Sagt, irgendwann könnten private Unternehmen den Astronautenbringdienst übernehmen. Sagt nichts Genaues.

Aber Reisen ins All waren ja immer schon eine Angelegenheit mit großen Unwägbarkeiten.

Seinen Heimatplaneten bereist Wörner dagegen regelmäßig. Eine typische Woche: Am Nachmittag Auftritt im Bundestag in Berlin, tags darauf Besprechungen im Hauptsitz der Esa in Paris, Mittwoch spricht er bei einem Raumfahrtkongress in Wien, am Donnerstag trifft er Elon Musk, den Gründer des Raumfahrtunternehmens SpaceX, in Los Angeles. Freitag führt er Gespräche über den Klimawandel in Mexiko-Stadt, Samstag macht er einen Abstecher zu seiner Ehefrau nach Darmstadt. Sonntag ist er beim Tag der offenen Tür des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln, abends trifft er europäische Raumfahrtpolitiker in Madrid. "Und so geht das dann immer weiter", sagt er zufrieden. Am Ende dieser Woche wird er mehr als 26.000 Flugkilometer zurückgelegt haben. Ein weiter Weg. Und doch nur ein Vierzehntel der Strecke bis zum Mond.