Zum Eklat kam es kürzlich in einem Operationssaal in Norddeutschland. Auf dem Tisch unter grünen Tüchern: Ein 58-Jähriger Patient, dem der Blinddarm entfernt wird. Ein Student im Praktischen Jahr hält mit Haken die Bauchdecke auf, während der Chefarzt operiert.

Da sagt der Student: "In einer Viertelstunde muss ich gehen, ich habe seit fünf Minuten Feierabend." Der Chefarzt traut seinen Ohren nicht. "Wenn Sie das hier nicht interessiert, dann können Sie direkt gehen", raunzt er verärgert. "Gut, dann schaue ich mir die Operation auf YouTube an, dort bekomme ich wenigstens auch etwas erklärt. Tschüss", sagt der Student, übergibt die Haken an einen Assistenzarzt und verlässt den Saal.

"Das war ein sehr ausgeprägter Vertreter seiner Generation", sagt Andreas Kirschniak. Doch in seiner Rolle als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Junge Chirurgen hat er in letzter Zeit häufiger von Fällen wie diesem gehört. "Vor 20 Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen", sagt Kirschniak.

Heute hingegen sind solche Auseinandersetzungen keine Seltenheit mehr. Wenn man so will, sind die Kliniken zum Schauplatz eines Kampfes zwischen zwei Generationen geworden. Bei der Visite, im Operationssaal, bei Fortbildungen, überall prallen Ärzte aufeinander, die völlig unterschiedliche Lebens- und Arbeitsauffassungen haben.

Da sind diejenigen, die in den 1980er und 1990er Jahren als "Arzt im Praktikum" anfingen und in 36-Stunden-Schichten in der Klinik für ein halbes Gehalt schufteten. Nur wer sich aufopferte, hatte eine Chance, im gesättigten Ärztemarkt eine Stelle zu finden. "Existenzsorgen, dass man womöglich als Taxifahrer endete, Schikanen vom Chef im OP, die man schweigend mit gebeugtem Kopf hinnahm, waren normal", erinnert sich Martin Kreis, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie an der Charité Berlin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Doch in diesen Alltag ordneten sich die damals jungen Ärzte bereitwillig ein. Für sie war der berufliche Erfolg, das Erklimmen der Karriereleiter, oberstes Ziel. Dass dabei die Medizin wenig Platz für das übrige Leben ließ, entsprach ihrem Selbstverständnis. Und das sieht bei vielen noch immer so aus, auch heute, wo die Fleißigsten ganz oben angekommen sind. Als Chefärzte, Klinikdirektoren, leitende Mediziner.

Diejenigen aber, die heute ganz unten stehen, können mit diesen Vorstellungen ihrer Chefs nicht viel anfangen. Kaum einer der jungen Assistenzärzte ist bereit, sich für die Klinik aufzuopfern; der Beruf nimmt in ihrem Leben einfach keinen so hohen Stellenwert mehr ein. Die jungen Ärzte wollen eine "gute Work-Life-Balance", ganz oben in Umfragen stehen auch "Anerkennung für gute Arbeit" und das "Eingehen auf private Sorgen durch die Vorgesetzten". Anders als ihre Vorgänger sind sie keine Bittsteller: In drei Vierteln aller Krankenhäuser fehlen für offene Arztstellen die Bewerber, junge Mediziner können sich das Fachgebiet und den Arbeitsplatz gewissermaßen aussuchen. So kommt die Generation Y, wie Soziologen alle nach 1980 geborenen Akademiker nennen, mit einem neuen Selbstbewusstsein in den Kliniken an. Der Konflikt ist programmiert. Dabei geht es nicht nur darum, dass der Nachwuchs wegen der Arbeitsmarktsituation eine bessere Verhandlungsposition hat. Was sich hier abspielt, ist ein Kampf der Mentalitäten.

"Der Patient ist 24 Stunden krank." Dieses Mantra bekam Constantin Landes, der seit Kurzem die Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Klinikum Offenbach leitet, während seiner Facharztausbildung immer wieder von seinem damaligen Chef zu hören. Damit wurden alle Anfragen nach freier Zeit oder auch nur Zeit für Fortbildungen abgewiegelt. 20 Überstunden oder mehr in der Woche waren normal.

Natürlich sind auch heute noch Überstunden keine Seltenheit, aber das Ausmaß ist geringer als noch vor 30 Jahren. Und die jungen Mediziner sorgen dafür, dass mehr als eine Handvoll Überstunden in der Woche langsam von der Regel zur Ausnahme werden. Denn wie viele Nachtdienste man im Monat machen muss und welche Teilzeitmodelle es gibt, ist bei vielen Bewerbern inzwischen ausschlaggebend dafür, für welches Krankenhaus sie sich entscheiden. Die Folge: Wenn die Chefs neue Ärzte haben wollen, müssen sie von ihrer Allzeit-bereit-Mentalität abrücken. Und sogar noch etwas bieten.