Andrej spricht mit Jegor Russisch, Jegor mit Andrej lieber Deutsch. Yuko war in den Ferien bei den Großeltern in Japan und hat seither Probleme mit dem R. Und der dreijährige Simon redet beim Früchtespiel laufend von "Apples" und "Birnens". Ein solches babylonisches Sprachengewirr bereitet Pädagogen gewöhnlich Kopfzerbrechen. In der Kita Multi Lingua in Berlin-Charlottenburg ist es ausdrücklich erwünscht. "Wir freuen uns über jedes Kind, das nicht nur Deutsch spricht", sagt Dina Chubukova.

Die 32-jährige Kita-Geschäftsführerin stammt aus Russland, hat dort die deutsche Schule besucht und lebt mit ihrem kanadischen Lebensgefährten in Berlin. Russisch, Englisch, Deutsch: In diesen Sprachen sollte sich auch ihre Tochter heimisch fühlen, zu Hause wie in der Kita. Doch das Paar fand keine trilinguale Einrichtung. Da beschloss die studierte Pädagogin, selbst eine Kita zu gründen. Fast vier Jahre ist das jetzt her. Seitdem hat Chubukova die Kita erweitert, und noch immer stehen auf der Warteliste mehr als 100 Namen. Für die tägliche Sprachenvielfalt zahlen viele Eltern sogar mehr als die gesetzlichen Gebühren.

Mehrsprachigkeit liegt im Trend, nicht nur bei Eltern und Pädagogen, sondern auch unter Wissenschaftlern. Linguisten, Psychologen und Hirnforscher loten seit einiger Zeit den "kognitiven Nutzen" der Bilingualität aus. Wer polyglott ist, hat demnach nicht nur bessere Chancen im Job oder beim Eintauchen in fremde Kulturen. Er soll auch flexibler im Denken und schneller im Kopf sein. Selbst die Anfälligkeit für Alzheimer soll der Multilinguismus verringern.

Laut EU soll jeder Bürger am Ende der Schullaufbahn drei Sprachen verstehen können. Bei Multi Lingua kommen die Kinder diesem Ziel schon vor der Einschulung näher. Ein Dienstag kurz nach zehn Uhr, die "Busy Bees" und "Active Ants" strömen in den Gemeinschaftsraum. Dort wird bald gehämmert, gefalzt und gekleistert, die Erzieherin leitet mal auf Deutsch, mal auf Englisch an. Im Nebenraum treffen sich derweil die russischsprachigen Kinder zur Singstunde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Fremde Laute und Rhythmen sollen die Kinder wie nebenbei aufsaugen. Bestimmte Wörter und Sätze werden beim Essen, Spielen oder Toben systematisch wiederholt und mit Gesten und Mimik unterstützt.

Als erfolgreichste Lernmethode gilt das sogenannte Immersionskonzept. Dabei bleibt jeder Erzieher bei einer Sprache, an der sich die Kinder orientieren. Am Ende der Kitazeit sollen sie dann Deutsch und Englisch so gut beherrschen, dass sie der Schule in beiden Sprachen problemlos folgen können. Fast noch wichtiger sei es, sagt Dina Chubukova, die Kinder für fremde Kulturen zu begeistern: "Mehrsprachigkeit ist ein großes Geschenk."