Was hat George Orwell mit Halloween zu tun? Seinem 1984 verdanken wir "Gutdenk" und "Neusprech". Diese totalitär zusammengestauchte Sprache enthielt keine Bilder und Begriffe mehr, die "Falschdenk" ermöglichen – Macht über Menschen durch Herrschaft über ihre Gedanken.

Pünktlich zu Halloween gab der Kulturen-Ausschuss der Yale-Universität einen Ukas zur korrekten Verkleidung heraus: Keine Indianerhauben, Sombreros oder geschwärzten Gesichter; derlei "kulturell unsensible" Outfits könnten Minderheiten beleidigen. Woraufhin eine Professorin eine Mail schrieb. Respekt und Empfindsamkeit seien wichtig, aber solle es denn keinen "Raum mehr für junge Menschen geben, wo die sich etwas anstößig oder provozierend aufführen dürfen"?

Seitdem tobt die Entrüstung. Die Frau müsse raus aus Yale, ihr Mann mit dazu, der sie und die Ausdrucksfreiheit verteidigt hatte. Empört schrieb ein Student im Yale Herald: "Der kapiert’s einfach nicht. Ich will nicht debattieren. Ich will über meinen Schmerz reden." Eine landesweite Meinungsumfrage enthüllte, dass über die Hälfte der Studenten einen speech code wünschten: was man sagen (oder tragen) dürfe, was nicht.

Vor fünfzig Jahren riskierten US-Studenten Leib und Freiheit, um das Recht auf Dissens zu erkämpfen; die Berkeley-Revolte nannte sich "Free Speech Movement". Zwanzig Jahre zuvor hatte der McCarthyismus das "Gutdenk" per Staatsgewalt durchsetzen wollen; Professoren wurden verfemt und gefeuert. Heute wollen die privilegierten Zöglinge von Yale (und anderen Elite-Colleges) nicht hören und sehen, was ihnen "Schmerz" bereitet.

Vergangenes Jahr begann eine andere antiliberale Welle durch College-Land zu rollen – die trigger warnings. Alle Bücher im Lehrplan, die beunruhigen oder "posttraumatischen Stress" auslösen könnten, sollten ein "Achtung, schädlich"-Etikett bekommen – wie Zigaretten. Die Liste wäre unendlich. Madame Bovary – Frauenfeindlichkeit; Othello – Rassismus; Huckleberry Finn – Sklaverei und "Nigger"; die Bibel – Brudermord, Kreuzigung und Krieg. Eine Dekanin: "Wir haben hier Studenten mit echten psychischen Problemen, denen wir Respekt zollen müssen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Die Vagina-Monologe abgesetzt, weil sie Transgender-Frauen benachteiligten. Condoleezza Rice, die Ex-Sicherheitsberaterin, und Christine Lagarde, die IWF-Chefin, wurden als Rednerinnen ausgeladen, weil diese dem Kapitalismus diene, jene den Irakkrieg befördert habe. Die Universität als Psycho-Resort, wo nur noch Milchreis gereicht werde.

Das wäre das Ende der Universität, die vom Dauerdisput lebt. Peter Salovey, Yales Präsident, war mutiger als viele Kollegen. Den jungen Tyrannen hielt er die "Freiheit, zu reden und zu hören", entgegen – gerade in der Konfrontation mit "unpopulären Ideen", und zwar ohne "Angst vor Einschüchterung und Drohung".

Ein Halloween-Krieg über "Gut- und Schlechtdenk" kann in Deutschland nicht ausbrechen? Alles, was in Amerika, der Garküche der Moderne, zusammengerührt wird, landet irgendwann in Europa. Freundlicherweise pflegt es auf dem langen Weg über den Atlantik etwas abzukühlen.