Angela Merkel schreibt fleißig mit, als sie vor ein paar Wochen in Sachsen von ihren eigenen Parteifreunden niedergemacht wird: Einer fragt, ob sie noch bereit sei, "Deutschland zu dienen". Ein anderer will sie "entthronen". All das findet öffentlich statt, bei einer "Zukunftskonferenz" der CDU in Schkeuditz, vor Kameras. Die Videos vom Abend zeigen, wie Merkel sich ständig Notizen macht. Als wolle sie ihren Leuten sagen: Ich nehme euch doch ernst!

Rechts neben Merkel sitzt Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen Union. Auch ihn sieht man auf den Videos. Wenn Applaus aufbrandet, weil einer Merkel besonders hart angeht, kann er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Da zuckt sein Mundwinkel, da zwinkern seine Augen. Vielleicht überkommt ihn Angst, weil seine Leute die Kanzlerin so angehen. Vielleicht will er auch sagen: Euch kenn ich doch! Mich überrascht das kein bisschen!

In jedem Fall versucht Kretschmer den Spagat zwischen Merkel und den Pöblern. Er ist ein Politiker, der zwei Rollen so perfekt beherrscht, dass man mitunter glaubt, es mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun zu haben: Denn merkwürdigerweise schafft er es, beiden Lagern in der Union zu gefallen. Dem der Gemäßigten. Und dem der Wütenden. Er gefällt Merkel-Befürwortern ebenso wie Fast-Pegidisten. Ist das Taktik?

Kretschmer ist der Vorzeige-Ossi in der CDU-Bundestagsfraktion: Erst 40 Jahre alt, aber schon Vize-Vorsitzender, zuständig für Bildung und Forschung. Viele halten ihn für eines der großen Talente. Als die Bundespartei 2009 einen Generalsekretär suchte, wurde Kretschmer, damals 34, schon als Kandidat gehandelt. Er sei agil, beliebt, gut vernetzt und jung, stand in den Zeitungen. Ursula von der Leyen sah in ihm einen der "hochinteressanten Leute" der Zukunft. Und als die FAZ 2008 Sachsens Union kritisierte, konnte sie nur einen "Lichtblick" erkennen: Kretschmer.

Aber während Kretschmer in Berlin den wortgewandten Wissenschaftspolitiker gibt, gibt er in Sachsen den wortgewaltigen Hardliner. Er lobt Ungarn für den Grenzzaun und ist gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle, Begründung: "Ich finde, es reicht auch mal."

Wie schafft er es, in beiden Welten zu wandeln?

Man kann Politiker aus CDU oder SPD fragen, die Kretschmer kennen; die sagen: Der ist gar kein Hardliner, der gehört zum liberalen Flügel. Der vertritt öffentlich eine Meinung, die nicht unbedingt seine eigene ist. Man kann das Taktik nennen oder Kretschmers persönliches Demokratieverständnis. Entscheidend findet er nicht unbedingt, was er denkt. Sondern was die meisten denken. Er will nicht recht behalten, sondern die Mehrheit, das erfährt man, wenn man ihn fragt.

"Ich sehe die Ostdeutschen als Seismografen", sagt Kretschmer. "Hier formt sich eine öffentliche Meinung, die sich später oft bundesweit durchsetzt. Man kann der Debatte ein Stück voraus sein, wenn man den Leuten im Osten zuhört. Die sächsische Union hat vor Monaten eine Änderung des Asylrechts gefordert, dafür sind wir heftig kritisiert worden – inzwischen ist das alles im Bundestag beschlossen worden. Ich habe mich dafür ausgesprochen, dass wir konsequenter abschieben, inzwischen fordern das viele. Was gestern als Unverschämtheit galt, ist heute Gesetz. Es lohnt sich, der Intuition der Bürger zu vertrauen, sie haben ein gutes Gespür."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Wutsachsen mögen Kretschmer, weil sie bei ihm alles loswerden können, auch Grenzwertiges. Etwa an einem Abend im Oktober, in der "Alten Mangel" in Ebersbach-Neugersdorf: Dorfgemütlichkeit. Die CDU-Ortsgruppe lädt zur Diskussion mit Sachsen-Anhalts Ex-Premier Wolfgang Böhmer. Er ist aus Wittenberg in diesen letzten Zipfel Sachsens gereist, in Kretschmers Görlitzer Wahlkreis. Es kommt eine Stimmung auf, die man oft erlebt in Sachsen 2015, eine Mischung aus Anspannung und Wut. Mit Fragen wie: Warum soll die Annexion der Krim völkerrechtswidrig sein? Warum darf der Bundespräsident mit seiner "Geliebten" auf Dienstreise? Warum zwingt man Bürgermeister, Asylbewerber aufzunehmen? Kretschmer moderiert in Günther-Jauch-Manier, niemand wird vor den Kopf gestoßen. Unverschämtheiten übersetzt er in berechtigte Ängste: Die Menschen haben eben Angst vor Krieg mit Russland. Haben eben Sorge, dass "zu viele" Flüchtlinge kommen. Irgendwann meldet sich eine Frau, die zu schreien beginnt, als habe man ihr Kind entführt. Aber es geht um Flüchtlinge. "Ich habe Angst, richtig Angst", brüllt sie.

Kretschmer kann unangenehme Stimmungen aushalten. Aber wohin führt seine Strategie: Will er den rechten Rand stärken oder ihn ruhigstellen? Nach der Diskussion geht Kretschmer mit Wolfgang Böhmer essen. Rouladen, Klöße, Pils. Kretschmer sagt: "Die CDU ist eine Partei, neben der es rechts nichts Demokratisches geben darf. Wir müssen alle integrieren. Das gefällt vielen Journalisten nicht und der linken Opposition erst recht nicht. Egal." Böhmer aber unterbricht ihn: "Wir wollen, dass rechts der CDU nichts ist. Dürfen aber nicht vergessen: Rechts der CDU gibt es eine politische Haltung. Wir müssen nur zusehen, dass die Parteien, die sie vertreten, nicht zu Parlamentsstärke kommen." Das sind zwei sich widerstrebende Denkschulen in der Union: Wir müssen die Rechten integrieren. Oder: Wir müssen sie marginalisieren. Kretschmer will Ersteres.

Wie die CSU in Bayern hat auch Sachsens Union Anspruch auf absolute Mehrheiten. Das heißt, wie die CSU Sätze sagen zu wollen, die "denen in Berlin" nicht gefallen. Als Kretschmer 2005 Generalsekretär wurde, sollte er auch der NPD Wähler abjagen, Bürger vom rechten Rand abholen. Manchmal sind das die eigenen Leute: Ein Bundestagsabgeordneter forderte einmal, die Deutschen müssten ihren "Schuldkult" ablegen. Ein Kreisverband druckte das Deutschlandlied in allen drei Strophen. Nicht immer schreitet Kretschmer ein. Er ist bemüht, Provokateure auf Linie, aber auch bei Laune zu halten.

Wenn es um heikle Themen geht, um die Rechte für Homosexuelle oder Flüchtlinge etwa, da vertraut er dem Besitzer eines Lausitzer Abwasserunternehmens – seinem Vater. "Mein Vater ist unbestechlich und klar in seiner Meinung, aber nie verletzend. Ein guter Christ, sehr bodenständig. Oft denke ich: Wenn der das jetzt so sieht, dann ist das die Mehrheitsmeinung der Leute."

Wie es aussieht, hat Kretschmer damit Erfolg. Er sei vielleicht "der Beste", den die CDU in Sachsen habe – das sagt Dirk Panter, Fraktionschef der SPD, die in dem Land mit der CDU eine Regierung bildet. "Michael", sagt Panter, "ist ein absoluter Profi, ein uneitler Typ, ins Gelingen verliebt." Man muss schon bei den Linken anrufen, um Kritik zu hören: Kretschmer stärke die Leute ganz rechts, statt sie zu schwächen.

Aber von Extremisten, immerhin, distanziert er sich deutlich. "Wenn Arschlöcher anfangen, Brandsätze in die Unterkunft von Flüchtlingen zu werfen, dann wird mir schlecht" – so Kretschmer vor Wochen. Die anfängliche Hilflosigkeit seiner Partei gegenüber Pegida kritisiert er inzwischen: "Wir hätten schneller handeln müssen, hätten zu den Demonstranten sagen müssen: Passt auf, wir möchten mit euch reden und verstehen, was ihr wollt." Was bleibt, ist die Frage, warum Kretschmer selbst es nicht besser gemacht hat.

Wenn man hört, wie Steffen Flath, Sachsens Ex- CDU-Fraktionschef, über ihn spricht, gewinnt man den Eindruck, da werde ein Nachfolger für Tillich gehandelt: "Der Michael kann alles werden", sagt Flath. "Ich kenne keinen neben Stanislaw Tillich, der die sächsische Union so gut kennt wie er." Kretschmer müsse bald ein Regierungsamt übernehmen. Gefährlich werde er Tillich wohl trotzdem nicht. "Michael ist loyal", sagt Flath. Es heißt, Tillich sei es dennoch nicht ganz geheuer, dass Kretschmer in Berlin so gut vernetzt sei.

Als er 2002 in den Bundestag einzog, traf er Julia Klöckner, die damals auch neu dort war. Heute ist sie CDU-Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz. "Michael war schon immer schelmisch und charmant", sagt Klöckner. Wenn sie Geburtstag hat, fährt Kretschmer zu ihr in die Pfalz, und sei es für wenige Stunden. Er sei kein Macho, sagt Klöckner, habe aber auch klassische Männer-Sprüche im Repertoire. Ob sie ihm das übel nimmt? Ihm könne man kaum etwas übel nehmen. Wie immer: Kretschmer ist hart, bleibt aber beliebt. In Berlin scharte Klöckner eine Gruppe junger Parlamentarierinnen um sich, die sich donnerstags zum Trinken trafen. Es gab nur einen Mann, der dabei sein durfte. Kretschmer.