© Illustration: Monja Gentschow für DIE ZEIT

Der Hauptbahnhof verspricht Großes, sehr Großes sogar. Das Brasília des visionären Architekten Oscar Niemeyer – heruntergebrochen auf Braunschweig! Doch kaum liegt der modernistische Quader aus den Sechzigern hinter Ihnen, spannt die Stadt Sie auf die Folter. Keine City weit und breit. Die kommt erst am Ende der Kurt-Schumacher-Straße, die zum Dom mit dem Grab Heinrichs des Löwen führt. Also nicht zu Fuß gehen, sonst verlieren Sie eine halbe Stunde! Besser, Sie nehmen die Straßenbahn, die in einer mittig geführten Parallelwelt auf der vierspurigen Magistrale fährt.

Auch die stammt aus der Nachkriegszeit und verrät etwas über das braunschweigische Selbstverständnis. Man sieht sich hier nämlich am Knotenpunkt zwischen den wenigen noch bedeutenderen deutschen Städten. Die Teilung Deutschlands schränkte das erwartete Verkehrsaufkommen zunächst merklich ein. Doch jetzt liegt Braunschweig wieder im Herzen der Republik. Ein schöner Beweis für den Weitblick der Stadtväter. Also los.

Aber vorher doch noch kurz angehalten. Denn da liegt auf halbem Weg zum Dom diese uralte Löwen-Apotheke. Kaufen Sie eine Rolle Alibitraubenzucker, damit Sie sich die im Original erhaltene Einrichtung von 1889 anschauen können: geschwungene breite Natursteinaufgänge, wandhohes, massives Nussbauminterieur, geschnitzte Löwenköpfe, die vor Geheimfächern wachen, und dieser intensive Geruch des Holzpflegemittels, das hier alles so schön zum Glänzen bringt. Für Architekturstudenten eine Pflichtveranstaltung, für Sie eine Zeitreise, die in keinem Führer steht. Falls Sie dies erst im Sommer lesen, dann biegen Sie hier ab zum versteckten Bootsanleger gleich hinter der Apotheke. Die Oker war jahrhundertelang Braunschweigs Zugang zum Wasserverkehr im Harz. Noch heute kommt die Gebirgsfrische hier praktisch aus jedem Hahn.

Die Tretbootfahrt ist ein Rendezvous mit den Rückansichten der Stadt, mit verwunschenen Villen, die sich von ihrer intimeren Seite zeigen, mit verliebten Pärchen unter Trauerweiden, mit urig stillen Biergärten wie dem Leonhard. Dann immer der Musik nach, da ist der Beach-Club Okercabana.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Dieser Tage, im November, bleibt Ihnen immerhin das Herzogsgrab im Dom. Und dieser Heinrich der Löwe war ja nicht irgendwer. Das Einflussgebiet des Vetters von Barbarossa reichte einst bis München. Nun raten Sie mal, woher München seinen Löwen hat. Genau!

Sie fürchten bestimmt, jetzt wird es touristisch. Aber keine Sorge, Sie schauen nicht wie alle anderen von oben auf die Grabplatte, Sie schleichen sich einfach in die zugig-kühle Krypta hinunter. Reine Romanik. Eisentore, dann Sarg an Sarg: die Welfenfürsten. Und noch eine halbe Treppe tiefer liegt er dann endlich da: der Heinrich, auf dem das hier alles fußt. Der Löwe aus der Apotheke, auf dem Wolters-Bierflaschenetikett und den Fußballtrikots der Helden von heute.

Haben Sie noch ein halbes Stündchen? Dann nichts wie ins Mutter Habenicht im Schatten des Doms. Altes deutsches Fachwerk. Niedrige Decken, Hausmannskost seit Hunderten von Jahren. Bestellen Sie Grünkohl, Bier und Vanillepudding hintendran. Das kuriert Sie vom Niemeyer-Schock, denn hier ist sie nie angekommen, die utopische Moderne. Hier blieb alles wunderbar beim Alten, hier, mitten in Braunschweig.

Das Riptideliegt nur 5 Minuten vom Dom entfernt. Der urige Café-Kneipe-Plattenladen bietet Liebhabern kistenweise edles Vinyl. Zum Stöbern werden in Omas Fünfziger-Jahre-Ambiente vegane und vegetarische Snacks angeboten.

Neben dem Dom geht es über 161 Stufen hinauf in den Rathausturm zum Blick über die Stadt. Im Dezember sieht man von dort wunderbar auf den festlichen Weihnachtsmarkt