Ich weiß noch, wie ich vor einiger Zeit dort im Lager Traiskirchen saß und in die vielen erschöpften Gesichter um mich herum blickte. Die meisten Leute lagen auf dem Gras und warteten, auch wenn der Großteil gar nicht wusste, worauf. In diesem Lager kommen Menschen aus aller Welt zusammen, aber sie sind alle gleich erschöpft. Mir fiel auf, dass die meisten hier sehr viel schlafen. Mit nichts als einer Decke im Freien zu schlafen machte ihnen nichts aus. Es konnte eimerweise regnen oder drückend heiß sein – sie schliefen so friedlich, als seien sie gerade einem langen, ermüdenden, niemals ruhenden Krieg entkommen. Moment, das waren sie auch!

Ich blickte durch den Zaun. Auf der anderen Straßenseite sah ich eine Reihe bunter Prachtbauten mit Dutzenden Fenstern. Hinter einem dieser Fenster stand eine wunderschöne alte Dame und schlürfte ihren Kaffee, während sie mich direkt anblickte. Einige Minuten vergingen, und wir blickten einander immer noch an. Sie schien sich unwohl zu fühlen. Sie dürfte zufrieden gewesen sein, solange sie hinter diesem Fenster stand und nicht hinaussah. Hätte sie aber erkannt, was sich hinter dem Zaun auf der anderen Straßenseite befand, hätte sie jenes Unbehagen verspürt, das jeden von uns befällt, wenn er etwas sieht, das er nicht begreifen oder erfassen kann. Ihr Gesicht erinnerte mich an meine Furcht angesichts einer schwierigen Mathematikprüfung. "Wer hätte gedacht, dass die Entfernung zwischen zwei fremden Welten nur wenige Meter beträgt?", dachte ich im Stillen.

Wir beide schienen, jeder aus seinen eigenen Gründen heraus, diesen Augenblick der Kommunikation zu benötigen. Ich brauchte ihn, um diesen unermüdlichen Drang zu befriedigen, der mich seit meiner Kindheit umtreibt – zu predigen, dass die Menschheit zusammenfinden und alle Gründe für Krieg und Leid auf diesem Planeten hinter sich lassen muss. Für sie war es vielleicht die Notwendigkeit, diese Furcht zu überwinden oder sie zumindest zu begreifen. Alle anderen haben sich daran gewöhnt und können damit leben, aber sie begreift es einfach nicht.

Jedes Gespräch dreht sich nur darum, wie die Flüchtlinge das Land verändern werden

Ihre Angst und der Zaun zwischen uns sorgten dafür, dass die Konversation eine theoretische blieb. Ich hatte gehofft, zur Abwechslung mal wieder ein alltägliches Gespräch führen zu können: Ich würde mich vorstellen, mich nach ihrem Namen erkundigen, und wir würden harmlose Dinge plaudern.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Aber die Realität sieht anders aus. Seit ich hier vor einigen Monaten eintraf, drehte sich jedes einzelne Gespräch darum, wie der Zustrom an Flüchtlingen die EU verändern wird. Gleichgültig, wen ich kennenlerne, alle scheinen nur an diesem Thema interessiert zu sein, was angesichts des Ausmaßes der Krise ja auch verständlich ist. Ich versuche, mich nach Möglichkeit aus derartigen Diskussionen herauszuhalten. Nicht, weil es mich nicht interessierte, ob und wie das Land, dessen Teil ich werden möchte, die Veränderungen und Herausforderungen bewältigt, vor denen es steht. Nein, es geht darum, dass die Person, die dieses Gespräch mit mir beginnen möchte, nichts von meinen Kenntnissen oder meinen Erfahrungen weiß oder sich dafür interessiert. Sie führt das Gespräch einzig deshalb, weil ich ein "Flüchtling" bin. Für mein Gegenüber bin ich nichts anderes als ein Teil dieses ganzen Durcheinanders. Unter diesem Aspekt ist auch klar, welche Art von Gespräch sich daraus ergeben wird: eine einseitige Projektion, von der kein erstrebenswertes Resultat zu erwarten ist.

Mir sind derartige Ängste keineswegs fremd. Es ist nicht allzu lange her, da erlebte Syrien einen Zustrom an Flüchtlingen aus dem Iran und dem Libanon. In unserem Land mit seinen 20 Millionen Bürgern lebten etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge. Viele meiner Freunde verspürten ähnliche Ängste, vor allem wirtschaftlicher Natur, etwa die Angst vor wachsender Arbeitslosigkeit, geringeren Löhne und höherer Inflation. Hinzu kamen gesellschaftliche Ängste, etwa die Furcht vor möglicher Illoyalität der Ausländer und vor Identitätsverlust.

Viele Menschen im Westen scheren uns alle über einen Kamm, aber tatsächlich sind wir wie Yankees und Aussies – wir sprechen dieselbe Sprache und sehen uns ähnlich, aber jeder verfügt über seine ganz eigene Kultur. Andere gingen so weit, jedes einzelne ihrer Probleme den Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben. Jemand war für das Medizinstudium abgelehnt worden? Ganz klar: Es waren die Flüchtlinge, welche die Studienplätze wegnahmen.

Die Zustände unter Assad waren ganz anders als viele denken

Betrachtet man die Daten näher, verpuffen die meisten dieser Ängste. Ich weiß nicht, ob man es überhaupt noch einmal erwähnen sollte, aber die meisten Ökonomen sind sich einig darin, dass die sogenannte Flüchtlingskrise für die gastgebende Volkswirtschaft definitiv positiv verlaufen wird. Als es damals zu diesem Zustrom kam und ich Wirtschaftswissenschaften studierte, recherchierte ich schon einmal zum Thema.

Natürlich werden zusätzliche Ausgaben nötig, um die Neuankömmlinge unterzubringen und dann zu integrieren, aber diese Ausgaben bleiben innerhalb der Landesgrenze. Der langfristige Nutzen ist sogar noch größer, denn im Falle Europas schrumpft die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter. Hier bringt die Zuwanderung eine dringend benötigte Trendwende.

Andere Ängste sind nicht so einfach mit Statistiken oder Theorien aus der Welt zu schaffen, etwa demografische, religiöse und gesellschaftliche Bedenken. Natürlich sind derartige Themenkomplexe in der Öffentlichkeit auch schwieriger zu diskutieren.

Was die Ängste anbelangt, kann ich nur sagen: Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede, aber glauben Sie mir, die sind bei Weitem nicht so groß, wie man es in den Medien zu lesen bekommt. Viele Politiker haben Kapital aus diesem verzerrten Bild der Neuankömmlinge geschlagen, dabei sind die Bilder, die ich hier in mich aufnehme, nicht so anders als diejenigen, an die ich mich aus meiner syrischen Heimat erinnere. Die Orte sehen so ähnlich aus, die Dynamik der Beziehungen, die ich beobachte, verläuft nach nahezu demselben Muster, und die Menschen, die ich hier kennenlernen darf, haben dieselben Werte und ein ähnliches Verständnis der unterschiedlichen Themen des Lebens.

Zu viele Stimmen in Europa sind heute einzig von Furcht erfüllt

Man sollte noch erwähnen, dass die Unterdrückung durch das syrische Regime einzig politischer Natur war. Das hieß, die Bürger wurden völlig in Ruhe gelassen, sofern sie nicht anfingen, über Politik zu reden. Abgesehen davon wurden wir so erzogen, dass wir den Glauben und die Ansichten anderer respektieren. Religion war nie ein zentraler Bestandteil der syrischen Gesellschaft. Weder in offiziellen Dokumenten noch von seinen engsten Freunden wurde man gefragt, welchem Glauben man anhängt. Die Religionsfreiheit war durch die Gesellschaft geschützt, die Zustände waren ganz anders, als viele denken oder fürchten mögen. Es entstand eine wunderbar homogene Gesellschaft, bis sich schlagartig alles änderte, und zwar einfach durch denselben alten Trick mit der Furcht.

Wie schade es doch ist, dass so viele Stimmen in Europa heute einzig von Furcht erfüllt sind, schließlich ist die Furcht unser wahrer Feind, nicht wahr? In den heutigen Gesellschaften ist Furcht ein allgegenwärtiges Mittel der Manipulation. Bei Politikern war sie stets beliebt, inzwischen erobert sie die Welt. Sie hat es möglich gemacht, dass in den vergangenen Jahren in den Vereinigten Staaten gegen Verfassungsrechte verstoßen werden konnte. Sie hat es möglich gemacht, dass in Syrien aus einer zivilen und gerechtfertigten Revolution gegen ein faschistisches Regime ein Bürgerkrieg erwachsen konnte. Und sie hat es möglich gemacht, dass Parteien auch ohne klares Programm einzig dank gleichermaßen faktenfreier wie schrecklicher Parolen à la "Ausländer raus" in Meinungsumfragen und bei Wahlen zulegen konnten.

Wenn Sie das nächste Mal mit einem Flüchtling sprechen, sollten Sie eines bedenken: Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Bauern, arme Familien und reiche Familien ... sie alle fliehen vor Assads Fassbomben oder der Schreckensherrschaft des "Islamischen Staats". Sie alle haben alles versucht, sich an die neue Situation anzupassen. Jetzt bleibt ihnen keine Wahl mehr: Sie müssen sich ein neues Zuhause suchen und dort heimisch werden.

Vergessen wir, was uns einige Politiker einreden wollen. Denken Sie daran, dass Politiker häufig ihre eigenen Ziele verfolgen und sich allem Anschein zum Trotz oftmals nicht für das starkmachen, was Sie und ich uns erhoffen. Es waren schließlich auch die Politiker, die 1938 Millionen jüdischer Seelen hätten retten können, die jedoch die Konferenz von Évian ohne handfeste Ergebnisse verließen.

Hätte ich an jenem Tag mit der Dame in Traiskirchen sprechen können, hätte ich gesagt: "Hallo, mein Name ist Nour. Ich bin ein syrischer Regisseur, ein Ehemann und Vater. Ich habe einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften und zwei Master-Abschlüsse, einen in Betriebswirtschaft und einen in Film. Ich habe früher Master-Studenten in Filmproduktion unterrichtet. Ich bin kein großer Freund von Religion oder Politik, aber was mir wirklich gefällt, sind Filme von Jacques Tati. Ich lese gerne Nietzsche und Wittgenstein. Bitte glauben Sie nicht alles, was Sie in den Nachrichten hören. Meine Frau Shiraz und ich zum Beispiel gehören zwei der unterschiedlichen Sekten an, die sich angeblich in Syrien bekriegen, aber wir sind immer noch sehr verliebt ineinander. Ich musste auf die harte Tour lernen, dass das Leben sich nicht vorhersagen lässt. So wurde ich zu einem Flüchtling, dabei habe ich erst vor wenigen Jahren geholfen, in Syrien ein Flüchtlingslager aufzubauen und zu betreiben. Ist es nicht ironisch, dass bis 2010 weltweit nur zwei Länder mehr Flüchtlinge aufnahmen als Syrien? Kurzum: Ich bin zunächst vieles andere und erst dann Flüchtling. Wie wäre es, wenn wir ein wenig darüber reden? Nur so können wir anschließend entscheiden, ob wir uns mögen."

Der Autor, 35, lebte in Homs und floh mit seiner Familie nach Dubai, wo er unter anderem für den Sender Al-Dschasira arbeitete. Nachdem dort seine Aufenthaltsgenehmigung nicht erneuert wurde, reiste er mit seiner Frau und ihrem siebenjährigem Sohn mit einem Touristenvisum im Juli in Österreich ein und beantragte Asyl. Gegenwärtig lebt er in einer privaten Unterkunft im burgenländischen Ebenfurt.