Papst Franziskus auf dem Flug vom zentralafrikanischen Bangui nach Rome am 30. November 2015 © Guiseppe Cacace/AFP/Getty Images

Auf seinen Reisen in die USA und nach Lateinamerika hat sich Papst Franziskus in diesem Herbst endgültig zum Führer einer globalen Bewegung aufgeschwungen, die gegen Ungleichheit kämpft. Was er sagt, ist nicht nur wahr, sondern wird auch durch Statistiken unterstützt: "Die Globalisierung stärkt weltweit den Wohlstand, aber sie führt auch zu einer wachsenden Ungleichheit und zu neuen Formen von Armut." Liest man aber seine Schriften, dann weist uns der Papst nicht in die richtige Richtung.

Ich bewundere, dass das Herz des Heiligen Vaters für die Armen schlägt. Und ich respektiere, dass der Papst sich eher links positioniert, zumal wohl die Hälfte der Weltbevölkerung Sympathien für linke Anliegen hegt. Was zählt: Dieser Papst ist kein radikaler Doktrinär, sondern jemand, der sich "divergierenden Ansichten" in einer "aufrichtigen Debatte" stellt. Das ist eine Einladung, die wir annehmen müssen. Denn seine engagierten Reden stehen in scharfem Kontrast zu seinen Enzykliken und anderen schriftlichen Äußerungen. Diese wurden offenkundig von Autoren formuliert, deren Überlegungen zur Ungleichheit von globalisierungskritischen Postulaten beeinflusst sind, wie sie uns Karl Marx schon vor 150 Jahren geboten hat.

Aber halt! Hat nicht der Kapitalismus den Marxismus besiegt? Richtig! Der Marxismus, wie er bis vor 25 Jahren von Kommunisten bei der Steuerung der Wirtschaft angewandt wurde, ist tot. Aber als eine Weltanschauung und als eine wirkungsvolle Art, Fragen zu stellen, deren Beantwortung den Leser und Zuhörer in die falsche Richtung weist, ist der Marxismus sehr lebendig.

Im Westen glaubte man zeitweilig, dass mit der Implosion der Sowjetunion auch die Ideen ausgelöscht seien, die ihr zur Rechtfertigung dienten. Man nahm an, dass fortan Technologien und Wohltätigkeit den Armen helfen würden. Bei der Bewirtschaftung dieser Meinung hat man aber großzügig dem Marxismus und einer Weltanschauung den Boden bereitet, die Ungleichheit und Globalisierung kritisiert.

Und so habe ich folgendes Problem: Jedes Mal, wenn ich dem Papst zuhöre, ertappe ich mich dabei, dass ich mit seinen Schlussfolgerungen fast einig bin. Wenn ich aber die in seinem Namen geschriebenen Texte lese, stelle ich fest, dass sie auf vier marxistischen Prämissen beruhen, die infrage gestellt werden müssen.

Die erste Prämisse behauptet, dass die Niederlage des Kapitalismus historisch vorbestimmt sei. Die jüngste vom Papst verfasste Enzyklika Laudato si’ formuliert es sehr direkt: Der Kapitalismus sei "ein strukturell pervertiertes System aus kommerziellen Beziehungen und Besitz", das die armen Nationen und die künftigen Generationen um das beraube, was diese zum Überleben brauchten. Diese Kritik findet ihren Widerhall beim französischen Ökonomen Thomas Piketty. Er argumentiert, dass de Kapitalismus "willkürliche und untragbare Ungleichheiten auf mechanische Art produziere". Diese Einschätzung ist offenkundig von der marxistischen Idee genährt, dass ein marktwirtschaftliches System vorbestimmt weitverbreitete Armut provoziere und daher dem Untergang geweiht sei. Dies ist nicht nur eine eurozentristische und marxistische Einschätzung, die sich auf überkommene materielle Umstände des 19. Jahrhunderts bezieht, sondern es ist auch eine falsche Vorhersage.

Die zweite Prämisse berührt den kulturellen Determinismus. Gier und Egoismus werden in allen päpstlichen Schriften zu Recht gebrandmarkt – seit 2008 besonders Gier und Egoismus im Finanzkapitalismus. Wer von Verstand würde da verneinen, dass wir tief greifende Reformen benötigen? Aber Globalisierung ist auch die Kultur der gegenseitigen Beziehungen und der Freiheit. Der gewaltlose Fall der Berliner Mauer war genauso wie die zuvor von Deng Xiao Ping in China durchgeführten Reformen ein Signal an alle, die in marxistisch beeinflussten oder sonst wie abgeschotteten Gesellschaften lebten. Ein Signal, dass wir unser eigenes Schicksal beeinflussen können, egal aus welchem Teil der Erde wir kommen. Plötzlich konnten wir uns vorstellen, dass unabhängig von unserer "Kultur" Wohlstand auf der Basis von übernommenen Produktionsmethoden entstehen kann; und dass der Widerspruch zwischen Wachstum und Gleichheit durch Gesetze gelöst werden kann, statt durch die "Diktatur des Proletariats", ob nun in Gestalt der Roten Khmer, des Leuchtenden Pfads oder der Castro-Brüder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Die dritte Prämisse erklärt, dass von den Einkünften aus dem Kapital nur die Reichen profitierten. Nicht wirklich! Die meisten der sogenannten armen Arbeiter in nichtwestlichen Ländern sind tatsächlich arme Unternehmer, die ausgebeutet werden, weil ihnen der Zugang zu den rechtlichen Mitteln verwehrt bleibt, die sie zur Sicherung von Einkünften benötigten. Aus Fallbeispielen im Nahen Osten, in Nordafrika und in Lateinamerika wissen wir, dass ungefähr 60 Prozent der Einkünfte der Armen aus Kapital stammen. Während beispielsweise in Ägypten 23 Millionen Bürger, die als Arbeiter gelten, im Jahr 2013 insgesamt 21 Milliarden Dollar an Löhnen bezogen, besaßen sie 360 Milliarden Dollar an nicht legalisiertem Kapital – also 17-mal mehr als die gesamte Lohnsumme.

Als vierte Prämisse behauptet Marx, dass Kapital durch das Ausbeuten der Arbeitskraft entsteht. Heute wissen wir: Wert kann auch aus nichts durch die Kombination von kleinen unnützen Teilen einer Wirtschaft zu einem komplexeren Ganzen geschaffen werden. Je höher der Wert dieser Akkumulation ist, desto größer ist das Wachstum. Die Errungenschaften des Kapitalismus, etwa die unzähligen Vereinbarungen und Entwicklungen, die Technologien wie das Internet oder Systeme zur Flugnavigation ermöglicht haben, resultieren aus der Zusammenführung von Menschen und deren Eigentumsrechten. Jede erfolgreiche Zusammenführung schafft einen zusätzlichen Wert, der an verbrieften Eigentumsrechten festgemacht ist.

Bedeutet das, dass keine Menschen ausgebeutet werden? Natürlich nicht! Ausbeutung existiert, sowohl im Geschäftsleben als auch durch staatliche Stellen. Beispielhaft dafür stehen die Märtyrer des Arabischen Frühlings; sie skandierten in den Straßen, dass sie um Kapital kontinuierlich enteignet würden. Diese Menschen protestierten für das Kapital – und gegen ihre Regierungen.

Die Globalisierung entspricht der industriellen Revolution des Westens im 19. Jahrhundert, die sich nun in den Entwicklungsländern und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ausbreitet. Also dort, wo 90 Prozent der Weltbevölkerung leben. Je früher wir das begreifen, desto rascher werden wir in der Lage sein, mit den Einkommenszuwächsen umzugehen. Sie stammen daher, dass Menschen von einer traditionellen, in sich geschlossenen und kleinteiligen Produktionsweise zu einer globalen Arbeitsteilung finden. Und wir werden mit der Ungleichheit umzugehen lernen, die entsteht, weil jene, die den Marktbedürfnissen am besten entsprechen, belohnt werden.

Diese historische Transformation ist schmerzhaft und oft unfair, aber sie ist unschlagbar: Ob eine Geschäftstätigkeit klein oder groß ist, sie muss in großräumigen Märkten beweisen, dass sie prosperieren und überleben kann. Darum sind in den vergangenen 50 Jahren 170 Millionen Menschen aus den fragmentierten Märkten des Südens in die globalisierten Demokratien der USA und Europas gewandert.

Die gleichen Verwerfungen gab es im Westen ein Jahrhundert früher. Sie führten zum Aufstieg des Kommunismus als mit dem Marktkapitalismus konkurrierendes Konzept im Wettstreit darum, welche Denkschule die zunehmenden Spannungen zwischen Wachstum und Gleichheit besser bewältigt. Die kapitalistische Produktionsform hat sich am Ende gegenüber jener durchgesetzt, die von der marxistischen Weltsicht inspiriert war.

Rechte Parteien stiegen im Westen auf, um die "kleinen Leute" vor missbräuchlicher Staatsgewalt zu schützen, während linke Parteien sie vor ausbeuterischen Firmen in Schutz nahmen. Wichtig dabei ist, dass die meisten Bürger Eigentumsrechte und die Instrumente für die Geschäftsorganisation verliehen bekamen, was für den Schutz und die Mehrung der Besitztümer auf den globalen Märkten wesentlich war.

Als ich am 26. September im Madison Square Garden der außergewöhnlichen Rede des Papstes zuhörte, erkannte ich, welche Richtung er einschlägt: Er verlangt von uns, "all jene Menschen einzuschließen, die nicht dazugehören oder Bürger zweiter Klasse sind – weil sie kein Recht haben, da zu sein".

Meine katholischen Kollegen und ich haben harte Zahlen, die belegen, warum der Kapitalismus als universelle Botschaft nicht mehr überzeugt: Rund fünf Milliarden der 7,3 Milliarden Menschen auf dieser Welt haben keine rechtlich gesicherten Eigentumsrechte, die es ihnen ermöglichen würden, durch eigene Kraft Vermögen zu erwirtschaften.

So ist das Rezept gegen die Ungleichheit nicht die Eingrenzung der Globalisierung. Vielmehr muss der Mehrheit der Weltbevölkerung ermöglicht werden, Eigentumsrechte zu erwerben, die auf Märkten gehandelt werden, sodass sie Kredite absichern können und als Kapital investierbar sind. Ausbeutung ist in erster Linie die Folge der tragischen Unterlassungen jener Reformer, die nach dem Zweiten Weltkrieg internationale Konventionen formulierten. Diese fußten auf Zielen wie einem soliden Geldwert, offenem Handel sowie klar definierten Standards. Die Reformer nahmen dabei an, dass Eigentums- und Vertragsrechte für die fünf Milliarden Armen dieser Welt wie Wildblumen wachsen würden. Das war ein Irrtum. Rechte sind Geschöpfe des Gesetzes, nicht der Natur.

Bisher hat Papst Franziskus eine von Marxisten gestellte Frage beantwortet: Warum haben so wenige so viel? In einer redlichen Debatte, wie sie der Papst einfordert, würde ich eine Frage stellen, die möglicherweise zu einer für die gelebte Wirklichkeit relevanteren Antwort führt: Warum haben so viele so wenig?

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