Gott schenkt uns keinen Frieden, schon gar keine Siege. Wäre es anders, würde der IS, der die "Richtigkeit" seiner mörderischen Irrlehre allein durch seine Expansion zu bestätigen sucht, noch massiver vorgehen. Schenkte Gott uns Siege und Frieden, müsste er auch Kriege über uns schicken. Das würde bedeuten, er ließe sich von einer ganz und gar menschengemachten Weltgeschichte in den Dienst nehmen, er würde reduziert auf ein metaphysisches Pendel, das mal zugunsten der einen, mal der anderen Seite ausschlägt.

Wer Gott im Kampf hinter sich glaubt, ist leider zu allem fähig, das zeigen die Jahrhunderte blutiger Religionskriege. Wer betet, dass Gott seine Feinde zerschmettern möge, und mit ihm zürnt, wenn sich herausstellt, dass das Gebet nicht erhört wird, arbeitet an der Zerrüttung seines Verhältnisses zur höheren Instanz. Er kann nur enttäuscht werden, weil er nicht über die Frage hinauskommt: "Was ist das für ein Gott, der in Paris das zulässt?"

Gott rächt sich nicht für Frevel an ihm. Als am 7. Januar dieses Jahres die elf Karikaturisten der "Charlie Hebdo"-Redaktion in Paris in der Rue Nicolas Appert von islamistischen Terroristen erschossen wurden, meldeten sich auch fromme Christen zu Wort, denen die Ehrfurcht zum Gott der Bruderreligion am Herzen liegt. Ihre Naivität machte sie zu Terrorverstehern. Es gab Stimmen, die sagten: Warum mussten die denn auch so blasphemische Cartoons zeichnen? Haben sie sich ihren Tod nicht ein wenig selbst zuzuschreiben, wo man doch weiß, dass auf die Beleidigung des Propheten die Fatwa ausgesprochen wird? Aber dass nun genau diese Rächer im Namen Allahs jede andere Lebensform zerstören, zeigt, wie grotesk es ist, sich in die religiösen Motive irrer Täter hineinzuversetzen.

Jene Menschen, die an einem Freitag, dem Dreizehnten in diesem November getötet wurden – sie wollten nur etwas essen gehen, ein Konzert besuchen, einen Drink in der Bar zu sich nehmen, ein Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland verfolgen. Das waren Muslime, Christen, Atheisten, Juden, Buddhisten – das ferngelenkte Killerkommando mordet ohne Unterschiede. Seine Wahnsinnslogik: Wen es getroffen hat, der muss schon wegen seines Lebensstils ein "Ungläubiger" sein.

Kann man so einem Irrsinn mit Beten begegnen? Gibt es etwas zu büßen vor Gott, dass Menschen in Paris Opfer eines solch apokalyptischen Szenarios werden mussten? Sicher nicht. Es hat alle wahllos getroffen, es hätte jeder sein können. Schuld und Sühne, Sünde und Strafe – all diese Theologeme führen hier zu nichts. Allein der Trost für sich und andere, den ein altruistisches Beten in sich birgt, weist hier nach vorne. Ein gemeinsames Beten in der Gemeinde macht, dass man sich nicht alleine fühlt angesichts eines solchen Grauens, das so blindwütig agiert.

Aber ein Gebet, das Gott anruft, an den Feinden des Lebens tödliche Vergeltung zu üben, ist fehl am Platze. Ebenso apokalyptisches Beten: Die Pariser Bevölkerung ist nicht vergleichbar mit den letzten Passagieren auf der untergehenden "Titanic", die mit dem Bordorchester einen Choral anstimmen und damit ihre arme Seele dem Herrn anempfehlen. Es sind auch keine auf einer Insel ausgesetzten, in Festungen ausgehungerten Verzweifelten, die sich im Angesicht des Todes einer höheren Macht überantworten.

Ein Rückzug in die Resignation, in die Katakomben der Verzweiflung, aus denen die Christen einst kamen, wäre das falsche Signal in einer Auseinandersetzung mit Islamisten, die uns als Kreuzzügler verfluchen und Allah als Geschütz gegen den christlichen und den jüdischen Gott auffahren.