Zwischen den Fronten: Ein Radfahrer im Dorf Vuhlehirsk in der Ostukraine, das lange zwischen Rebellen und der ukrainischen Armee umkämpft war © Maxim Shemetov/Reuters

Mein Arbeitsalltag als ukrainischer Journalist ist ein brutales Informationsschlachtfeld. Seit dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine spielt sich auch ein beispielloser Propagandakrieg ab; wir versinken in einer Flut von Fehlinformationen und halb garen Interpretationen.

Ich bin in der Ukraine geboren und aufgewachsen. Den Großteil meines Berufslebens habe ich damit verbracht, Brücken zwischen unterschiedlichen Welten zu schlagen: Ich habe versucht, einem englischsprachigen Publikum Osteuropa zu erklären (und andersherum). Ich habe genauso für amerikanische wie für russische Staatsmedien gearbeitet.

Als es darum ging, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, suchte ich mir Partner, die genau wie ich glauben, dass man Märchen, Fehlinformationen und Lügen nicht mit noch mehr Märchen, Fehlinformationen und Lügen bekämpfen kann. 2014 gründete unser Team aus europäischen, russischen, amerikanischen und ukrainischen Journalisten den Auslandsdienst Hromadske International. Wir wollen der Propaganda beider Seiten Recherche und Information entgegensetzen. Was ich bei meiner Arbeit gelernt habe?

Erstens: Der Kampf mit Worten ist wichtiger geworden als die tatsächlichen Schlachtfelder. Propaganda ruiniert Familien, gefährdet Leben, löst Kriege aus und beendet sie. Ich erinnere mich an eine Hromadske-Geschichte aus dem Krieg in der Ostukraine. Wenige Stunden bevor russische Truppen und Rebelleneinheiten die Stadt Debalzewo eroberten, traf dort einer unserer Reporter ein. Die Stadt war vom Artilleriebeschuss zerstört. Alle Einwohner, mit denen er sprach, waren davon überzeugt, die ukrainische Armee sei dafür verantwortlich – obwohl das bedeutet hätte, dass die Ukrainer ihre eigenen Stellungen in der Innenstadt beschossen hätten. Doch Logik zählt manchmal weniger als Propaganda, russische in diesem Fall: Die Menschen in Debalzewo waren seit Monaten vom ukrainischen Fernsehen und Radio abgeschnitten.

Zweitens: Russlands Propaganda radikalisiert die Gesellschaft und zerstört jegliche Grundlage für Gespräche. Was bleibt, ist ein fruchtbarer Boden für politische Manipulationen. In Russland und der Ostukraine haben die Menschen Zugang zum Internet. Sie könnten sich durchaus den Standpunkt der anderen Seite anhören. Aber sie wollen es schlicht nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Drittens: Je länger der Kampf anhält, desto ähnlicher wird man dem Gegner. In meiner Zeit in russischen Redaktionen habe ich erlebt, wie meine russischen Kollegen der Propaganda erlagen. Erstaunlicherweise begann es meist mit einer Selbstzensur, noch bevor es als "unpatriotisch" und "verräterisch" galt, die Regierung oder Wladimir Putin zu kritisieren.

Zu meinem Schrecken habe ich seit Ausbruch des Kriegs in ukrainischen Redaktionen Ähnliches erlebt. Auch dort filtern Journalisten Nachrichten. So haben viele nicht darüber berichtet, dass Präsident Poroschenko einen bekannten Neonazi-Anführer aus Weißrussland zum Ehrenbürger ernannt hat. Sie fürchteten, russische Medien könnten diese Meldung für ihre These, die Ukraine sei ein Nazi-Staat geworden, ausschlachten. Ähnlich war es mit Meldungen über Kriegsverbrechen ukrainischer Paramilitärs. Die ukrainische Regierung benutzt zunehmend dieselben Mittel wie Russland: Ein Informationsministerium wird geschaffen, und kritische ausländische Journalisten werden des Landes verwiesen. Dennoch sind die russische und die ukrainische Propaganda nicht gleichzusetzen: Der staatliche Sender Russia Today hat für 2015 ein Budget von 247 Millionen Dollar; das ukrainische Informationsministerium verfügt über 184.000 Dollar.

Viertens: Das Internet macht uns frei. Während der Maidan-Revolution war Twitter das wichtigste Kommunikationsmittel. Livestream-Plattformen wie YouTube lieferten Informationen in Echtzeit. Während die Mainstream-Medien von zensurvernarrten Oligarchen an der kurzen Leine gehalten und die Sendelizenzen vom Staat kontrolliert wurden, gingen unsere Reporter mit Fotokamera oder Smartphone hinaus und berichteten so über das Geschehen. Innerhalb weniger Tage bedienten wir im Netz ein Millionenpublikum. Weil die Website von Hromadske immer wieder Ziel von Hackerangriffen ist, verbreiten wir unsere Inhalte über so viele digitale Plattformen wie möglich. Wird eine Plattform ausgeschaltet, tauchen wir bald auf einer anderen wieder auf.

Fünftens: Die Wahrheit liegt niemals in der Mitte von dem, was Russland und was der Westen melden. Auch die westlichen Redaktionen müssen sich Fehler in ihrer Berichterstattung vorhalten lassen. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen Sensationslust, Verallgemeinerungen oder Vorurteilen einerseits und blanken Lügen andererseits. Meist liegt zwar bei zwei extremen Positionen die Wahrheit in der Mitte; im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist das allerdings nicht der Fall. Denn der Kreml weiß um die Mittegläubigkeit und nutzt diese perfekt, indem er seine Medien als "alternative Stimme" positioniert. Das heißt, russische Medien erschaffen lächerliche Parallelrealitäten aus Lügen und Theatralik. Dabei geht es ihnen jedoch nicht darum, dass diese Geschichten geglaubt werden. Ihr Kalkül ist, möglichst viel Verwirrung zu stiften.

Wenn aber auf der einen Seite Lügen stehen, dann lässt sich auch in der Mitte keine Wahrheit finden.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz