Die Erkenntnis kam Reiner Rohlje im Sommer, auf dem Parteitag der AfD in Essen, in der Getränkeschlange. Rohlje stand dort an, er hatte Durst. Dann hörte er einen Satz, an dem er sich fast verschluckte: "Wir werden von Kanaken bedroht", sagte ein Mann, der hinter ihm stand. Es war ein Parteigenosse.

Rohlje, mittelständischer Unternehmer aus dem Sauerland, war damals stellvertretender Vorsitzender der AfD in Nordrhein-Westfalen. Er war auch Gründungsmitglied des AfD-Mittelstandsforums, des parteinahen Wirtschaftsverbands. "Ich bin ziemlich hoch geklettert in der Partei", sagt Rohlje. Jetzt ist er raus. Die AfD, sagt er, sei ihm zu radikal geworden.

Diese AfD ist heute so stark wie nie. In aktuellen Umfragen liegt die Alternative für Deutschland zwischen sieben und zehn Prozent, bundesweit. Gestartet war sie als Einthemenpartei gegen den Euro, als Partei der ökonomischen Besserwisser. Heute verdankt sie ihren Erfolg einem anderen einzigen Thema: den Flüchtlingen. Die wollen die meisten AfD-Anhänger nicht in Deutschland haben. Immer offener zündelt die Partei mit ausländerfeindlichen Parolen, immer schärfer wird der Ton. Zu scharf für Leute wie Reiner Rohlje. Aber längst nicht zu scharf für viele Unternehmer, die sich nach wie vor in der Partei tummeln.

Wie viele genau das sind, lässt sich schwer sagen, weil die Partei sie nicht zählt. Und im Mittelstandsforum der AfD ist nur ein kleiner Teil der Unternehmer der Partei organisiert. Aber das Forum taugt als Vergleichsgröße. Es hat heute gut 200 Mitglieder, mehr als zu den gemäßigteren Zeiten der AfD. Handwerker und Softwareunternehmer sind dabei, Inhaber von Metall- und Baubetrieben – klassische deutsche Mittelständler.

Die hat die AfD schon immer angezogen: Die Parteispitze um die Wirtschaftsprofessoren Bernd Lucke und Joachim Starbatty versprach ökonomische Expertise, ihre klare Kante gegen Brüssel streichelte die Seele der Unternehmer, die sich von bürokratischen EU-Vorgaben gegängelt fühlten. Bald bekam die AfD prominente Unterstützer aus der Wirtschaft: Hans-Olaf Henkel ließ sich in die Parteispitze wählen und zog für die AfD ins Europaparlament, renommierte Mittelständler wie der Außenwerbungsspezialist Hans Wall und der Anlagenbauer und ehemalige BDI-Chef Heinrich Weiss unterstützten die Partei mit Geld. Gemeinsam wollten sie in eine Lücke im Parteienspektrum stoßen: dort hinein, wo jene Unternehmer angesprochen werden, die sich von CDU und FDP nicht mehr verstanden fühlten. Die den Euro für einen Fehler halten und die Bundesregierung für eine Truppe weltfremder Bürokraten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Die Unternehmer johlten, wenn Bernd Lucke die Bühne betrat. Und offenbar hörten sie weg, wenn andere Stimmen lauter wurden. Stimmen wie die von Björn Höcke zum Beispiel, der heute bei der AfD den Ton angibt.

Höcke, Chef der thüringischen AfD und einer, dessen Rhetorik bisweilen an Reichsparteitage erinnert, saß neulich bei Günther Jauch und breitete über seiner Armlehne eine Deutschlandflagge aus. Flüchtlinge, sagte er, seien "sozialer Sprengstoff", und die thüringische Landeshauptstadt Erfurt solle bitte "schön deutsch" bleiben. Reiner Rohlje, der Unternehmer aus dem Sauerland, hat die Sendung gesehen. "Fürchterlich", sagt er.

Auch der ehemalige AfD-Anhänger und Unternehmer Hans Wall sah an jenem Sonntagabend fern. "Wenn ich das gewusst hätte", sagt er heute. "Ein anständiger Unternehmer dürfte so jemandem nicht mal die Hand schütteln." Hans-Olaf Henkel, der die Sendung ebenfalls sah, sagt: "Ekelhaft."

Alle drei sind aus der AfD ausgetreten, so wie Tausende andere. Viele kamen aus dem wirtschaftsliberalen Lager, viele waren Unternehmer. "Ich hab der Partei einen zinslosen Kredit von einer Million Euro gewährt", sagt Henkel. "Und jetzt sitzt da dieser Typ im Fernsehen."

Es ist noch gar nicht lange her, da war Henkel mit "diesem Typen", mit Björn Höcke also, auf Wahlkampftour. 2014 war das, in Erfurt, vor den Landtagswahlen in Thüringen. Henkel hielt Reden, Höcke hielt Reden, die Menschen klatschten. Am Ende holte die AfD mehr als zehn Prozent. Schon lange vor dem Wahlkampf hat Höcke öffentlich vor der "archaischen Kultur" der Türken und Araber gewarnt und vor dem Verschwinden der Deutschen. Henkel tut trotzdem so, als erkenne er seine Partei heute nicht wieder. Mittlerweile ist er bei den Alfas, einer Abspaltung der AfD, die Bernd Lucke gegründet hat, nachdem er auf dem Essener Parteitag aus dem Vorstand gejagt wurde.