Kundus, Residenz des Gouverneurs, 30. Oktober

Als nach Einbruch der Dunkelheit der erste Schuss fällt, vor dem Eingang seiner Residenz, nur wenige Meter von ihm entfernt, beginnt der Gouverneur von Kundus zu summen. Ein Kinderlied. Hamdullah Daneschi sitzt in seinem Wohnzimmer, die Arme auf den Lehnen eines schweren Sessels, und stimmt einen kehligen, beruhigenden Ton an, erst ganz leise, dann, als weitere Schüsse fallen, immer lauter. Der Fernseher läuft, Bilder von Siegen der afghanischen Armee streichen über den Schirm. Von draußen dringen aufgeregte Schreie in die Residenz. Leibwächter greifen nach ihren Waffen, rufen durcheinander, schnallen sich Schutzwesten um, rennen aus dem Zimmer. Doch Daneschi, 58, schaut nicht auf. Er sieht in seinen Schoß und summt die Melodie aus Kindertagen.

"Ich darf keine Angst zeigen", wird Hamdullah Daneschi später sagen. "Ich muss entspannt wirken. Sonst werden sie fliehen."

Jede Nacht geht es dem Gouverneur nur darum, den nächsten Morgen zu erleben. Und diese Nacht hat gerade erst begonnen.

Kundus ist auch drei Wochen nach der Rückeroberung durch die afghanische Regierung so gut wie abgeschnitten. Selten schafft es ein Nachschubkonvoi, in die Stadt vorzudringen. Die Antonow 24 der Airline East Horizon, mit der wir nach Kundus fliegen, ist nahezu leer. Fünfzig Sitze und nur sieben Passagiere. Alle nervös. Auch ich habe in der Nacht zuvor wenig geschlafen. Wir gehören zu den ersten westlichen Journalisten, die nach den Kämpfen aus der Stadt berichten. In der 34 Jahre alten Maschine pfeift und zischt es. Afghanistan aus 5500 Meter Höhe: so fremd, als flöge man über die Oberfläche des Pluto. Wild zerfressen die Hänge der Berge. Messerscharfe Grate. Der Rückflug, wurde uns versprochen, sei drei Tage später geplant. Doch einen Rückflug wird es nicht geben. East Horizon wird uns einfliegen, aber nicht mehr von hier wegbringen.

Die Leibwächter des Gouverneurs rennen hinaus in die Dunkelheit, aus der immer noch einzelne Schüsse hallen. Sie fürchten einen Angriff auf die Residenz. In der Nacht zuvor ist es den Taliban fast gelungen, bis hierher vorzudringen. Bis auf einen Kilometer kämpften sie sich heran. Ich bleibe zurück, im Schutz des Gebäudes, von dem ich nicht weiß, wie viel Schutz es wirklich bietet. Die Talibankämpfer haben das Stadtzentrum von drei Seiten abgeschnitten. Einzig der Weg nach Süden ist offen. Die Streitkräfte der Regierung halten einen schmalen Schlauch entlang zweier Straßen. Jederzeit, so scheint es, können die Taliban die Truppen vollständig abriegeln. Die meisten Politiker und Spitzenbeamten sind in den Wirren der vergangenen Wochen geflohen. Die wenigen, die blieben, verbarrikadieren sich in der Residenz des Gouverneurs, einem zweistöckigen Gebäude, von hohen Mauern geschützt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Die vorübergehende Eroberung von Kundus durch die Taliban, von keinem Militärstrategen für möglich gehalten, hat die Lage am Hindukusch dramatisch verändert. Am Morgen des 28. September stürmten die Taliban die Stadt. Kundus fiel binnen Stunden. Zwar konnte die Regierung nach einer Woche das Stadtzentrum wieder einnehmen, aber das Land ist nun ein anderes. Der Norden Afghanistans, der immer als sicher galt, ist zum Schlachtfeld geworden. Nie in den vergangenen 14 Jahren waren die Taliban so stark. Selbst die Hauptstadt Kabul scheint nicht mehr unangreifbar. Die vom Westen unterstützte Regierung zeigt Auflösungserscheinungen. Panik greift um sich. Hunderttausende Afghanen fliehen nach Europa, ein Großteil von ihnen nach Deutschland. Die Hoffnung, ihr Land werde dauerhaft Frieden finden, ist zerschlagen.

Kundus, wo bis vor zwei Jahren 1400 Bundeswehrsoldaten stationiert waren, galt einst als Symbol für den Wiederaufbau Afghanistans. Jetzt steht es für seinen erneuten Niedergang.

Wir, Reporter und Fotograf der ZEIT, reisen drei Wochen lang durch den Norden Afghanistans. Von Kundus, wo die Bundeswehr die ersten schweren Gefechte einer deutschen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg schlug, wollen wir nach Masar-i-Scharif, dem verbliebenen Hauptquartier der Deutschen, und dann weiter in Richtung Osten, nach Faisabad. Dort sind die Deutschen vor drei Jahren abgezogen. Auch dort wird die Regierung inzwischen von den Taliban hart bedrängt.

So wie jetzt nach dem Massaker von Paris hatte sich der Westen nach dem Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 geschworen: Kein Land darf zur Brutstätte des Terrors werden. Die von den Amerikanern geführte Militärallianz beseitigte die islamistischen Herrscher. Aus der Theokratie der Taliban sollte eine Demokratie mit gleichen Rechten für alle entstehen. Die Bundesrepublik übernahm eine Art Patenschaft für den Nordosten des Landes. Milliarden deutscher Steuergelder flossen in den Bau von Straßen, Schulen und Krankenhäusern.