Kundus, Residenz des Gouverneurs, 30. Oktober

Als nach Einbruch der Dunkelheit der erste Schuss fällt, vor dem Eingang seiner Residenz, nur wenige Meter von ihm entfernt, beginnt der Gouverneur von Kundus zu summen. Ein Kinderlied. Hamdullah Daneschi sitzt in seinem Wohnzimmer, die Arme auf den Lehnen eines schweren Sessels, und stimmt einen kehligen, beruhigenden Ton an, erst ganz leise, dann, als weitere Schüsse fallen, immer lauter. Der Fernseher läuft, Bilder von Siegen der afghanischen Armee streichen über den Schirm. Von draußen dringen aufgeregte Schreie in die Residenz. Leibwächter greifen nach ihren Waffen, rufen durcheinander, schnallen sich Schutzwesten um, rennen aus dem Zimmer. Doch Daneschi, 58, schaut nicht auf. Er sieht in seinen Schoß und summt die Melodie aus Kindertagen.

"Ich darf keine Angst zeigen", wird Hamdullah Daneschi später sagen. "Ich muss entspannt wirken. Sonst werden sie fliehen."

Jede Nacht geht es dem Gouverneur nur darum, den nächsten Morgen zu erleben. Und diese Nacht hat gerade erst begonnen.

Kundus ist auch drei Wochen nach der Rückeroberung durch die afghanische Regierung so gut wie abgeschnitten. Selten schafft es ein Nachschubkonvoi, in die Stadt vorzudringen. Die Antonow 24 der Airline East Horizon, mit der wir nach Kundus fliegen, ist nahezu leer. Fünfzig Sitze und nur sieben Passagiere. Alle nervös. Auch ich habe in der Nacht zuvor wenig geschlafen. Wir gehören zu den ersten westlichen Journalisten, die nach den Kämpfen aus der Stadt berichten. In der 34 Jahre alten Maschine pfeift und zischt es. Afghanistan aus 5500 Meter Höhe: so fremd, als flöge man über die Oberfläche des Pluto. Wild zerfressen die Hänge der Berge. Messerscharfe Grate. Der Rückflug, wurde uns versprochen, sei drei Tage später geplant. Doch einen Rückflug wird es nicht geben. East Horizon wird uns einfliegen, aber nicht mehr von hier wegbringen.

Die Leibwächter des Gouverneurs rennen hinaus in die Dunkelheit, aus der immer noch einzelne Schüsse hallen. Sie fürchten einen Angriff auf die Residenz. In der Nacht zuvor ist es den Taliban fast gelungen, bis hierher vorzudringen. Bis auf einen Kilometer kämpften sie sich heran. Ich bleibe zurück, im Schutz des Gebäudes, von dem ich nicht weiß, wie viel Schutz es wirklich bietet. Die Talibankämpfer haben das Stadtzentrum von drei Seiten abgeschnitten. Einzig der Weg nach Süden ist offen. Die Streitkräfte der Regierung halten einen schmalen Schlauch entlang zweier Straßen. Jederzeit, so scheint es, können die Taliban die Truppen vollständig abriegeln. Die meisten Politiker und Spitzenbeamten sind in den Wirren der vergangenen Wochen geflohen. Die wenigen, die blieben, verbarrikadieren sich in der Residenz des Gouverneurs, einem zweistöckigen Gebäude, von hohen Mauern geschützt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Die vorübergehende Eroberung von Kundus durch die Taliban, von keinem Militärstrategen für möglich gehalten, hat die Lage am Hindukusch dramatisch verändert. Am Morgen des 28. September stürmten die Taliban die Stadt. Kundus fiel binnen Stunden. Zwar konnte die Regierung nach einer Woche das Stadtzentrum wieder einnehmen, aber das Land ist nun ein anderes. Der Norden Afghanistans, der immer als sicher galt, ist zum Schlachtfeld geworden. Nie in den vergangenen 14 Jahren waren die Taliban so stark. Selbst die Hauptstadt Kabul scheint nicht mehr unangreifbar. Die vom Westen unterstützte Regierung zeigt Auflösungserscheinungen. Panik greift um sich. Hunderttausende Afghanen fliehen nach Europa, ein Großteil von ihnen nach Deutschland. Die Hoffnung, ihr Land werde dauerhaft Frieden finden, ist zerschlagen.

Kundus, wo bis vor zwei Jahren 1400 Bundeswehrsoldaten stationiert waren, galt einst als Symbol für den Wiederaufbau Afghanistans. Jetzt steht es für seinen erneuten Niedergang.

Wir, Reporter und Fotograf der ZEIT, reisen drei Wochen lang durch den Norden Afghanistans. Von Kundus, wo die Bundeswehr die ersten schweren Gefechte einer deutschen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg schlug, wollen wir nach Masar-i-Scharif, dem verbliebenen Hauptquartier der Deutschen, und dann weiter in Richtung Osten, nach Faisabad. Dort sind die Deutschen vor drei Jahren abgezogen. Auch dort wird die Regierung inzwischen von den Taliban hart bedrängt.

So wie jetzt nach dem Massaker von Paris hatte sich der Westen nach dem Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 geschworen: Kein Land darf zur Brutstätte des Terrors werden. Die von den Amerikanern geführte Militärallianz beseitigte die islamistischen Herrscher. Aus der Theokratie der Taliban sollte eine Demokratie mit gleichen Rechten für alle entstehen. Die Bundesrepublik übernahm eine Art Patenschaft für den Nordosten des Landes. Milliarden deutscher Steuergelder flossen in den Bau von Straßen, Schulen und Krankenhäusern.

Der Traum vom Wiederaufbau Afghanistans ist geplatzt

Seit dem Jahr 2002 bin ich immer wieder an den Hindukusch gereist. Ich teilte den Traum der internationalen Gemeinschaft, Afghanistan neu aufbauen zu können. Doch auf dieser Reise im November 2015 werde ich meine Meinung revidieren. Heute frage ich mich: Wie kann man diesem Land helfen? Soll man überhaupt noch helfen?

Haben wir gar den Falschen geholfen?

Hamdullah Daneschi, Gouverneur von Kunduz, lässt sich in seiner Residenz die Haare schneiden. © Stanislav Krupar

Die Schüsse vor dem Gouverneurssitz sind verhallt. "Es war nur ein Verrückter", sagt einer der Leibwächter, als er aus der Dunkelheit zurückkehrt. Ein Jugendlicher rannte auf das Tor zu, er stoppte nicht, als die Wachen riefen, er solle stehen bleiben, er lief weiter, auch als sie in die Luft feuerten. Ein Selbstmordattentäter? Es war nur ein verwirrter Nachbarsjunge, 14 Jahre alt. Seine Familie hat ihn auf die Flucht geschickt, in Richtung Europa. Im Iran fiel er Banditen in die Hände, man kann nur ahnen, was sie ihm antaten, bevor er zurückkehrte. "Der hat im Iran den Verstand verloren", sagt der Leibwächter dem Gouverneur. "Wir haben ihn laufen lassen."

In der Residenz sind die letzten verbliebenen Würdenträger des Staates rund um Hamdullah Daneschi versammelt, einen großväterlich wirkenden Mann, der einst als Mudschahed gegen die Russen kämpfte. Der oberste Staatsanwalt von Kundus liegt auf dem Sofa zu seiner Rechten, mit falschem Lächeln, er ist einer der Korruptesten in der ganzen Provinz, wie es heißt, sogar der Gouverneur nimmt sich in Acht vor ihm. Zu seiner Linken, im Schneidersitz, der Leiter der Wahlkommission, der den Frauen verfallen ist. Unter diversen Initialen hat er sie in seinem Handy abgespeichert. "Ag", "BT", "RG".

"Du kannst dir zu jeder Tageszeit eine Frau organisieren", sagt der Staatsanwalt missmutig.

"Ja, das kann ich", antwortet der Wahlleiter. "Soll ich dir eine kommen lassen?"

Sie alle nehmen selten das Risiko auf sich, das Gebäude zu verlassen.

Draußen, vor den Mauern der Residenz, gibt es keine Ordnung mehr. Kundus ist eine Stadt, die äußerlich intakt erscheint, nur wenige Häuser sind zerstört. Dennoch ist hier nichts mehr unversehrt. Tagsüber patrouillieren Polizisten durch die Straßen, ziehen sich aber bei Sonnenuntergang zurück. "Siebzig Prozent der Leute hier unterstützen die Taliban", sagt der Wahlleiter. Die Aufständischen sind in Kundus noch überall, sie wohnen hier. Vielleicht ist der Bäcker einer von ihnen, der Taxifahrer, gar der Polizist. Tagsüber sind sie unbewaffnet. Nachts aber tragen sie Waffen und feuern auf die Kämpfer der Regierung. Niemand weiß, ob Kundus den Krieg schon hinter sich hat oder noch vor sich.

Kundus hat 260.000 Einwohner, ein Gemisch aus Paschtunen, Tadschiken, Hasaras und Usbeken. Jede Ethnie bewohnt eigene Viertel. Die Stadt besteht aus niedrigen Flachbauten, aus denen einzelne Villen ragen, wie Eiterbeulen der Korruption.

Als die Regierungstruppen Anfang Oktober die Stadt zurückeroberten, bombardierte ein amerikanisches Kampfflugzeug das Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen. Dreißig Ärzte, Schwestern und Patienten starben. Noch immer riecht es dort süßlich nach Leichenteilen. Der Gouverneur Daneschi sagt, er habe den Angriff gutgeheißen. Die Taliban hätten von dem Krankenhaus aus die Stadt beschossen. Ärzte ohne Grenzen bestreitet das. Die Klinik wird vorläufig nicht wieder in Betrieb genommen. Zu groß ist das Misstrauen auf allen Seiten.

Auch die deutschen Hilfsorganisationen, bisher die wichtigsten Geldgeber der Stadt, haben Kundus verlassen. Schulen, Straßen, Verwaltungsgebäude sind hier mit Geld aus Deutschland entstanden. Das Schwarz-Rot-Gold prangt an Häusern, Straßenschildern und Müllcontainern. Überbleibsel einstiger Entwicklungshilfeprojekte. Immer noch hängt der afghanische Staat zu neunzig Prozent am Tropf westlicher Entwicklungshilfe. Jetzt sind die Gebäude der deutschen Hilfsorganisationen leer, die Taliban haben sie ausgeplündert und viele Mitarbeiter getötet. Kundus ist das Pompeji der deutschen Entwicklungspolitik.

Das Geschützfeuer hat heute bereits vor der Dämmerung eingesetzt. Die Artillerie der afghanischen Armee beschießt die Stellungen der Taliban in den Vororten. In der Residenz des Gouverneurs zittern leise die letzten Fensterscheiben. Der Staatsanwalt ruft seine Familie an. Sie wohnt nur drei Straßen weiter. Er flüstert ins Telefon: "Seid wachsam heute Nacht. Es gibt Gerüchte, dass etwas passieren wird. Haltet das Auto bereit. Wenn etwas geschieht, kommt ihr alle hierher."

Tagsüber erhält der Gouverneur Daneschi die Illusion aufrecht, dass es in Kundus noch so etwas wie Recht und Ordnung gebe. In seinem Amtszimmer empfängt er Besucher, nimmt Ehrerweisungen lokaler Journalisten entgegen, telefoniert mit Kommandeuren und bittet sie, Verstärkung an diesen oder jenen Frontabschnitt zu schicken. So simuliert er den Staat, den es in Kundus nicht mehr gibt.

Neun Jahre lang hat Daneschi wechselnden Gouverneuren als Stellvertreter gedient. Jetzt ist er aufgerückt, weil der letzte Amtsinhaber beim Angriff der Taliban nicht in der Stadt war, sondern, wie es heißt, in einem Bordell im benachbarten Tadschikistan. Die Generäle und Geheimdienstchefs sind alle geflohen – Daneschi ist geblieben.

Kundus, eine Hochburg der Milizen


Es ist 22 Uhr, draußen ist es ruhig geworden, die Artillerie hat eine Pause eingelegt. Nur Hundegebell liegt über der Stadt. Daneschi, der Staatsanwalt und der Wahlleiter, sie schauen jetzt fern, Zehra, eine türkische Endlosserie mit einem hübschen Mädchen in der Hauptrolle, das fast immer weint.

"Wie läuft der Angriff in Archi?", fragt Daneschi nebenbei, als sein Telefon klingelt. Auf dem Fernsehschirm streitet das hübsche Mädchen mit seiner Großmutter, ob es studieren darf oder nicht. Daneschi erfährt: In zwanzig Kilometer Entfernung sind schwere Kämpfe ausgebrochen. "Wir brauchen Verstärkung!", ruft der Kommandeur der Polizeieinheit aus dem Hörer. Sie, die Polizisten, hätten nur vierzig, die Taliban aber sechzig Mann.

"Du weißt doch, wir haben keine Reserven mehr", sagt Daneschi.

Es ist 22.35 Uhr, das Artilleriefeuer setzt wieder ein. Erneut klingelt Daneschis Telefon. "Wir können unsere Position nicht halten!", ruft der Polizeikommandeur. "Wir ziehen uns zurück und werden es morgen versuchen!" Daneschi sagt, Allah möge ihn schützen, und legt auf.

Stumm schaut er in die Runde. Der Wahlleiter schüttelt den Kopf. Dann blicken alle wieder zum Fernseher, wo das Mädchen mit hohem Fieber im Bett liegt, weil ihr das Studium verboten wurde.

Außerhalb der Stadt, auf einem Hochplateau am Rand des Flughafens, steht noch immer das ehemalige Lager der Bundeswehr. "Bad Kundus" hieß der Ort im Soldatenslang.

Im Jahr 2003 bekam Deutschland von der Militärallianz den damals ruhigsten Teil Afghanistans zugewiesen. Für 250 Millionen Euro baute die Bundeswehr in Kundus ihr Lager und igelte sich ein. Der "Selbstschutz" war oberste Priorität. Später errichteten die Soldaten Kontrollposten auf Hügelkuppen und attackierten die Taliban. 25 Soldaten starben. Der Krieg der Bundeswehr dauerte ein Jahr, dann beschloss sie, die Kämpfe zu beenden, die Soldaten blieben wieder in ihrer Festung. Im Dezember 2013 rückten die Deutschen ab, ohne die Region sicherer gemacht zu haben.

Unter den Augen der Bundeswehr hatte sich Kundus zu einer Hochburg der Milizen entwickelt, kleiner irregulärer Armeen, wie jede Ethnie in der Vielvölkerstadt Kundus sie unterhält. Mehr als hundert soll es von ihnen geben. Im besten Fall sind sie Schutzgemeinschaften, die sich selbst verteidigen, wo der Staat sie nicht verteidigen kann. Oft aber mutierten sie zu kriminellen Vereinigungen. Angeführt von Warlords, bekriegten sich die Milizen gegenseitig, sie vergewaltigten, raubten, legten Bomben unter Autos. Sie errichteten Posten auf den Straßen, die Passanten abkassierten. Oft waren fünf, sechs dieser Posten unterschiedlicher Milizen hintereinandergeschaltet, immer neu einen Wegezoll verlangend. Wie Blutsauger hefteten sie sich an die Arterien der Stadt.

Ein afghanischer Polizist steht in einem Gebäude des Gouvernats von Kunduz. Das Portrait des früheren Präsidenten Hamid Karzai haben die Taliban beschädigt. © Stanislav Krupar

Vor einem Jahr wandte sich Afghanistans neuer Präsident Aschraf Ghani gegen die Warlords. Er befahl, die Milizen zu entwaffnen. Doch die Polizei blieb untätig. Beim Angriff der Taliban im September weigerten sich die Milizen, für den Zentralstaat zu kämpfen. So gelang es wenigen Hundert Talibankämpfern, die Stadt einzunehmen.

Die Männer, die auch in dieser Nacht die Residenz des Gouverneurs bewachen, tragen Uniformen des afghanischen Staates, sind aber weder Polizisten noch Soldaten. Auch sie sind Milizionäre. Daneschi hat sie vor zwei Wochen aus seinem Heimatdorf geholt. Wenn es um sein Leben geht, traut selbst er, der oberste Vertreter des Staates in Kundus, den staatlichen Polizisten nicht. In seinem Dorf befehligt er eine 500 Mann starke Miliz, mit der er schon gegen die Russen kämpfte. In Kundus ist Daneschi der Gouverneur, in seiner Heimat aber nennen sie ihn Warlord.

"Geht es dir gut?", raunt der Wahlleiter in sein Telefon. Wie so viele andere ist sein zwanzigjähriger Sohn aus Afghanistan geflohen. Er hat es schon bis in die Türkei geschafft. Heute Nacht will er mit einem Schlauchboot die Ägäis in Richtung Griechenland überqueren. "Habt ihr Schwimmwesten dabei?", fragt der Wahlleiter.

Der Büroleiter des Gouverneurs setzt sich neben mich. "Kannst du mir helfen, das Land zu verlassen?", fragt er. Bis vor einem halben Jahr war er Bürgermeister der Stadt Khanabad, in der Nähe von Kundus, dann haben ihn die Taliban vertrieben. Er, der eines der wichtigsten Ämter der ganzen Provinz bekleidet, der entscheiden kann, wer zum Gouverneur vorgelassen wird und wer nicht, fleht mich an: "Ich werde in Deutschland jede Arbeit annehmen, egal, wie niedrig sie ist."

Der Gouverneur sitzt in Hörweite, sagt aber nichts.

Afghanistan droht wieder an die Taliban zu fallen

Das Afghanistan, das die internationale Gemeinschaft in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, löst sich auf. Allein im Oktober sind nach Angaben deutscher Behörden 31.000 Afghanen in die Bundesrepublik geflohen. In Kabul stehen jeden Morgen Tausende vor dem Passamt. Afghanische Medien verbreiten, Deutschland wolle eine Million neue Arbeitskräfte im Ausland anwerben. Reisebüros verkaufen Tickets für den Menschenschmuggel nach Europa. Busse fahren die Flüchtlinge an die iranische Grenze.

Es gehen die, die es sich leisten können. Als Erste die Gebildeten, die Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisationen, mit deren Hilfe der Westen dem Land helfen wollte.

Er sei des Kämpfens müde, sagt Daneschi, als in dieser Nacht auf dem Fernsehschirm der Abspann seiner Lieblingsserie läuft. Er erzählt von den Siegen der Vergangenheit, als er, der 17-jährige Mudschahed, die Russen bezwang. Mit strahlendem Blick zeigt er auf seinem iPad die Bilder von damals. Von Siegen, die er von der Zukunft erwartet, erzählt er nicht. Seine Familie hat er in die Berge geschickt, nur sein ältester Sohn ist in Kundus geblieben. Daneschi, der alte Kämpfer, sagt: "Es ist ein eigenartiges Gefühl, besiegt zu werden."

Am Ende dieser langen Nacht, in der wir irgendwann einschlafen, zum Gewittergrollen der Artillerie, verlassen wir Kundus. Wir steigen in das Taxi eines Vertrauten, der früher für die Bundeswehr als Elektriker gearbeitet hat. Mit ihm fahren wir durch die Straßen der Stadt, wo es keinen Schutz gibt außer dem, nicht aufzufallen. In den letzten Stunden der Nacht sind die Taliban wieder näher an das Zentrum herangerückt. Sie haben ein Dorf am Flughafen eingenommen. Jeden Tag, sagt der ehemalige Bundeswehr-Elektriker, kann Kundus wieder fallen. Er will mich anrufen, wenn auch er in Deutschland ist.

Masar-i-Scharif, Camp Marmal, 31. Oktober

Der Sarg ist mit einem Spanngurt festgezurrt und mit einem samtgrünen Tuch überzogen. Die Offiziere der afghanischen Armee, die mit uns aus Kundus ausfliegen, schauen immer wieder unwillkürlich auf die hölzerne Kiste. Wir sitzen in einer fünfzehnsitzigen Cessna der afghanischen Luftwaffe. Die zivile Airline East Horizon, mit der wir Kundus verlassen wollten, hat ihren Flug gestrichen. Einen Ersatztermin konnte sie nicht nennen. Niemand wolle Tickets nach Kundus kaufen.

Der Pilot zirkelt die Maschine in engen Bahnen in die Höhe. Er ist nervös, die Taliban schießen immer wieder auf Flugzeuge. Im Sarg liegt ein afghanischer Soldat, der gestern Nacht in einem der Vororte getötet wurde. In jeder der engen Kurven kratzt das Holz des Sarges über den Flugzeugboden.

180 Kilometer von Kundus entfernt, in Masar-i-Scharif, wo alles noch so sicher ist, wie es einst in Kundus war, hat sich der Rest des Bundeswehr-Kontingents zurückgezogen. 850 deutsche Soldaten leben in einer Zwischenwelt, die weder Deutschland ist noch Afghanistan. Sie werden geschützt von einem ersten Sicherungsring aus afghanischen Soldaten und einem zweiten Sicherungsring aus mongolischen Truppen. Angehörige von 21 Nationen schieben Dienst an diesem Stützpunkt der internationalen Gemeinschaft.

Die meisten Deutschen verlassen das Camp so gut wie nie. Die einzigen Afghanen, die sie zu Gesicht bekommen, sind die Putzleute. Das Lager ist riesig, aber weite Areale sind verlassen, weil die Truppe in den vergangenen Monaten immer weiter verkleinert wurde. Heute Abend feiern die Soldaten im Lager Halloween. Auf der Terrasse des "Pizzatower", eines Gebäudes mit Restaurants und Geschäften, stoßen sie auf einen Geburtstag an. "Best food on the frontier of freedom", wirbt ein großes Werbeplakat davor.

Es gibt keinen Ort in Afghanistan, der weiter vom Krieg entfernt ist als dieses Militärlager. Das größte Problem, sagt ein Deutscher hier, sei, die Ödnis des Stützpunkts auszuhalten.

Afghanistan droht wieder an die Taliban zu fallen, aber die Deutschen sehen sich nicht als Teil einer geschlagenen Armee. Die Offiziere werten den Einsatz als Erfolg. "Wir haben viel erreicht", sagt ein General im Hintergrundgespräch. "Wir sind in ein Land gekommen, das noch in der Steinzeit war", erklärt er. Die gesellschaftliche Entwicklung sei jetzt in allen Beziehungen viel weiter.

Die deutschen Offiziere in Masar-i-Scharif beraten die afghanischen Offiziere, wie sie ihren Krieg führen sollen. "Ich glaube", sagt der General, "dass ich etwas von diesen Dingen verstehe." Er habe an den Kaderschmieden der Nato studiert, an der Offiziersschule in Hamburg unterrichtet. Allerdings muss er zugeben, dass er von der Niederlage in Kundus aus der Presse erfuhr. Die afghanische Regierung hatte ihre militärischen Berater aus dem Westen nicht informiert. Sie hatte Wichtigeres zu tun.

Wie viel Autorität haben Offiziere einer Armee ohne Kampferfahrung, die ihr Wissen aus Lehrbüchern ziehen?

"Richten Sie dem Offizier Grube Grüße von mir aus", hatte der Gouverneur von Kundus mich beim Abschied gebeten. Er schwärmt von diesem Offizier. Ein echter Mann. Ein echter Freund. Doch nach den Einsatzregeln der Deutschen darf der in die Heimat zurückgekehrte Offizier keinen Kontakt zu Hamdullah Daneschi halten. Die Bundeswehr sieht in jedem Afghanen ein Sicherheitsrisiko. Ihre Befürchtung: Informationen über den Aufenthaltsort der heimgekehrten Soldaten könnten genutzt werden, um Anschläge zu planen. Die mächtigste militärische Ressource, die die Bundeswehr in diesem Land gewinnen kann, zerstört sie sogleich wieder: Freundschaft.

Faisabad könnte ein zweites Kundus werden

Faisabad, Qasri-Kokcha-Hotel, Mitte November

Die Wolken vor den Fenstern der Antonow 24 werden dichter und dunkler, die Passagiere drücken ihre Gesichter an die Scheiben. "Gott stehe uns bei", sagt einer. Faisabad, die Hauptstadt der Provinz Badachschan, liegt zwischen hohen Bergen. Bis zu 7000 Meter ragen sie in dieser Gegend in die Höhe. Der Pilot fliegt auf Sicht, doch es gibt keine Sicht. Fast eine Woche lang haben wir auf den Flug hierher gewartet. Das Wetter war zu schlecht. Seit zwei Monaten ist auch Faisabad für Regierungsleute nicht mehr über den Landweg zu erreichen, auch hier sind die Taliban auf dem Vormarsch.

Wie große Tiefdruckgebiete wirken die roten und gelben Farbkreise auf den Karten des afghanischen Militärs. Sie zeigen, wie sich die von den Taliban kontrollierten Gebiete in den vergangenen Monaten ausgedehnt haben. Rot: dauerhafte Präsenz. Gelb: zeitweise Präsenz. Noch vor zwei Jahren war die Karte der Provinz Badachschan grün, ganz ohne Taliban. Jetzt umschlingt Rot und Gelb die Stadt Faisabad von allen Himmelsrichtungen her.

Was Kundus widerfuhr, könnte sich hier wiederholen. Faisabad, das die Bundeswehr im Oktober 2012 verließ, weil ihre Mission als beendet galt, droht von den Taliban in den nächsten Monaten erobert zu werden.

Die Gipfel der Berge sind bereits schneebedeckt, im Rosengarten des Rathauses hoch über den Stromschnellen des Flusses Kokcha sitzt Nasir Mohammed und sagt: "Ein großes Fest!" Nasir ist offiziell der Bürgermeister von Faisabad, tatsächlich aber viel mehr. "Wir hatten schon lange kein Fest mehr!", ruft er. "Wir müssen feiern!" Er ist ein schmächtiger Mann in den Vierzigern, dem die Kopfhaare ausgehen. Nasir Mohammed kleidet sich unauffällig wie ein Taxifahrer, hält sich immer im Hintergrund, er, den sie hier "den König" nennen.

Die Bundeswehr hat ihn einst verhaften wollen. Dann entschied sie, ihn noch mächtiger zu machen.

Nasir hat für die Nacht den großen Saal des besten Hotels gemietet. Hunderte rot gepolsterte Stühle auf rotem Teppich. Schon zwei Tage zuvor beginnen die Köche mit dem Zubereiten der Speisen, die Tische sollen sich biegen. Nasir sagt, er wolle den lokalen Meistertitel seiner Jugend-Fußballmannschaft feiern.

Tatsächlich feiert er einen anderen Sieg, seinen Sieg! Die Rettung Faisabads vor den Taliban. Nasir Mohammed stellte sich ihnen in den Weg, als ihre Konvois aus dem zwanzig Kilometer entfernten Distrikt Baharak auf die Stadt zurollten. Alle, die ihm heute Nacht die Ehre erweisen sollen, flohen damals, gaben die Stadt auf, nahmen ihre Familien und eilten zum Flughafen, um sich nach Kabul zu retten. Doch Nasir Mohammed, der Warlord, den viele in der Stadt als Verbrecher verabscheuten, als Drogendealer, schlug die Taliban mit seinen Männern noch einmal zurück.

Nie in der Geschichte des Bürgerkrieges haben die Taliban diesen Teil Afghanistans einnehmen können. Bis 2001 war Badachschan das letzte Bollwerk gegen die Islamisten. Doch nun drohen sie auch diese Provinz zu übernehmen. Die Taliban sind so stark, weil die Regierung so schwach ist. So korrupt. Weil sie den Menschen in den Tälern nur Geld abpresst, ihnen im Gegenzug aber nichts bietet. Badachschan ist eine der ärmsten Gegenden der Welt.

Unter dem Ansturm der Taliban brach die Armee teilweise in sich zusammen. Die Einheiten, die Kabul in Badachschan, also im Norden, einsetzt, bestehen überwiegend aus Paschtunen aus dem tiefen Süden Afghanistans. Umgekehrt hat die Regierung die Tadschiken aus Badachschan in den Süden geschickt. Ein System, das die ethnischen Gegensätze Afghanistans überwinden soll, das aber nicht funktioniert. Der Norden will nicht für den Süden sterben und der Süden nicht für den Norden.

Die Milizionäre Nasir Mohammeds dagegen kämpfen in Badachschan für ihre eigenen Dörfer, für die Existenz ihrer Familien, um das Glück ihrer Kinder. Das System von Nasir Mohammed funktioniert bis zum Tod.

Bei Entwicklungshelfern hatte sich Faisabad einer gewissen Beliebtheit erfreut. Im Frühjahr stehen die Bergwiesen in üppiger Blüte. Im Winter kam eine Art Schweiz-Gefühl auf. Es gibt eine "alte Stadt" und eine "neue Stadt", durch eine Brücke miteinander verbunden. "GIZ-City" sagen manche zu Faisabad, weil die Deutschen und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hier so viel bauten. Hilfsprojekte, wohin das Auge blickt: das Schulamt, das Kulturministerium, dessen Beamte die Lokalpresse zensieren sollen, das Bergamt, die Festung des Polizeihauptquartiers.

Wie viel Steuergeld bisher in die Stadt geflossen ist, kann die Bundesregierung nicht abschätzen. "Wir denken in Programmen, nicht in Orten", ist die ausweichende Antwort der Sprecherin des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Es werden – grob geschätzt – um die 400 Millionen Euro für die 100.000-Einwohner-Stadt gewesen sein.

Der Westen hat zu viel in Steine investiert, zu wenig in Menschen

Am Abend des großen Festes von Nasir Mohammed stellen die Kellner Teller und Gläser auf die Tische, sie gehen durch die Reihen, ziehen weiße Decken gerade. Als Erste treffen die Jugendlichen in ihren Fußballtrikots ein, sieben Spiele in Folge haben sie gewonnen. Nasir hat eine Schwäche für Fußball. Für sein privates Fußballteam hat er eigens ein kleines Stadion bauen lassen, mitten auf dem größten Friedhof der Stadt. Er hat die Grabhügel etwas abtragen lassen, aber auf dem Platz zeichnen sich noch die Umrisse der Gräber ab. Die Stammesältesten klagten, doch Nasir sagte, es seien nur Tote. Jeden Abend rollt der Ball des Warlords jetzt über die Schädelstätte.

Der Saal füllt sich, es ist das größte gesellschaftliche Ereignis in diesem Jahr. Nasir Mohammed tritt in den Raum, unbemerkt fast, er stellt sich nie in den Mittelpunkt, obwohl sich alles hier um ihn dreht. Der Leiter der UN-Mission in Badachschan erscheint, auch er ein Afghane aus der Region, um Nasir seine Aufwartung zu machen. Später wird er mir sagen: "Nasir oder die Taliban. Wir müssen das kleinere Übel wählen."

Der von Kabul neu ernannte Polizeichef der Provinz ist mit seiner Leibgarde gekommen. Vor zwei Wochen hat er es geschafft, mit einem Konvoi aus sechs Fahrzeugen Faisabad zu erreichen. Mit seinem weiten Mantel und den fein gelockten Haaren wirkt er wie Roms letzter Zenturio. Seine Männer halten ihre Gewehre im Anschlag. Nasir begrüßt ihn, küsst ihn auf die Wange. Zu seiner Ankunft in Faisabad hatte Nasir noch Protestdemonstrationen organisiert, weil er selbst nach dem Posten trachtet.

"Manchmal verliere ich die Hoffnung", hebt der Vorsitzende des Fußballverbands Badachschan feierlich an. "So viel Terrorismus und Kämpfe in unserer Region. Doch dann sehe ich auf den Sport und auf die jungen Menschen."

Wie viele Warlords in Afghanistan hält sich Nasir Mohammed einen hübschen Jungen an seiner Seite, einen bacha basi, einen Lustknaben. Kaum sichtbarer Flaum wächst über seiner Oberlippe. Nasir hat ihn in die edelsten Gewänder gekleidet, lässt ihn in den teuersten Autos durch den Ort fahren. "Mein Fotograf", grinst Nasir, als er ihn uns vorstellt. Die Kameras seines Liebesjungen werden die Siegerehrung der Fußballmannschaft festhalten. Nasir ist mit sieben Frauen verheiratet, doch in der Stadt ist bekannt, dass er die Jungen reich belohnt, die ihm zu Diensten sind.

Schon als die Bundeswehr im Jahr 2004 ihr Lager am Flughafen von Faisabad errichtete, galt Nasir Mohammed als größter Drogenhändler der Region. Badachschan ist eines der Zentren des afghanischen Opiumanbaus. Es gibt Aussagen eines Auftragskillers, der in den vergangenen Jahren fünfzig Menschen auf Nasirs Geheiß umgebracht haben will.

Nasir drängte damals die Bundeswehr, seine Milizionäre als Sicherheitskräfte zu beschäftigen. Als sich der deutsche Kommandeur weigerte, wurde das Lager von den Bergen herab mit Raketen beschossen. Der Kommandeur heuerte einige von Nasirs Männern an, und die Angriffe hörten auf.

Nasir hatte sich mit nur wenigen Schuss die Bundeswehr unterworfen.

Inzwischen sind viele Anhänger des Warlords in Deutschland, anerkannt als politisch Verfolgte. Sie gaben an, die Taliban würden sie bedrohen.

Ein Kommando der Deutschen aus Masar-i-Scharif sei kürzlich in Faisabad gewesen, erzählt der Leiter der UN-Mission. Sie wollten herausfinden, wie gefährlich die Region ist. Die Soldaten verließen den Flughafen nicht, sprachen mit Vertretern afghanischer Sicherheitskräfte und ließen dabei die ganze Zeit die Hubschrauberrotoren laufen. Nach drei Stunden flogen sie davon.

Die Festgäste weichen ängstlich einem der Söhne Nasirs aus, der betrunken in die Menge torkelt und nach dem Arm des Vize-Bürgermeisters greift. Nasirs Söhne sind noch berüchtigter als ihr Vater. Sie stehen im Ruf, brutale Schläger zu sein. Vor zwei Jahren soll einer von ihnen bei einem Streit den Ingenieur einer internationalen Hilfsorganisation erschossen haben. Ins Gefängnis kam er dafür nie.

Ihr habt uns auf die falsche Weise geholfen, sagt der UN-Leiter zu mir. Zu viel habe die internationale Gemeinschaft in Steine investiert und zu wenig in Menschen. Die Deutschen haben in Faisabad mehrere Schulen errichtet, aber es erscheinen selten Lehrer zum Unterricht. Es gibt einen Flughafen ohne Passagiere, eine Bibliothek, in der niemand liest. Ein Polizeiausbildungszentrum, in dem nun Studenten untergebracht sind. Ein Rathaus, in dem mit Nasir Mohammed ein Bürgermeister residiert, der für seine Amtsgeschäfte kein Papier braucht, nur sein Telefon.

"Seien wir froh, dass wir keinen Schlimmeren als Nasir haben", sagt der UN-Mann. "Die Zeit der Warlords ist wieder gekommen."

Die Mullahs in der Stadt predigen gegen den "König" an, sie halten ihm seine Sünden vor, seine Verdorbenheit. Besonders im Universitätsviertel haben die Taliban viele Unterstützer, auch hier gibt es Schläferzellen, die angeblich nur darauf warten, dass Stoßtruppen am Stadtrand erscheinen. Es ist ein Paradox: Indem Männer wie Nasir die Stadt gegen die Taliban schützen, machen sie die Taliban stärker.

Wer für die Zukunft, wer für die Steinzeit?

Die Taliban haben so großen Erfolg, weil sie für die Menschen verlässlicher sind als die Warlord-Regierung. Die Steuern, die sie erheben, so hört man, sind niedriger und fair. Ihre Richter urteilen auf Grundlage der Scharia, sollen aber weniger bestechlich sein. Die Richter der afghanischen Regierung halten sich meist ebenfalls an die Scharia, lassen sich aber vom Meistbietenden kaufen. In den Gerichtssälen der Regierung herrscht das Recht des Reicheren. Die Taliban, nicht die vom Westen unterstützte Regierung, unterhalten in Afghanistan das Verwaltungssystem, das am besten funktioniert.

Wen, frage ich mich, soll der Westen in Faisabad unterstützen? Ist wirklich Nasir Mohammed das geringere Übel? Wer steht hier für Fortschritt, wer für Rückschritt? Wer für die Zukunft, wer für die Steinzeit? Jene Steinzeit, von der der Bundeswehrgeneral sprach. Haben wir uns vielleicht einfach nur für eine Seite entschieden und können jetzt nicht zurück?

In Faisabad bereiten sich einige Menschen schon auf die Zeit nach der Machtübernahme durch die Taliban vor. Der Winter wird die Kämpfe für die nächsten Monate einfrieren. Viele Sicherheitsexperten rechnen aber damit, dass die Taliban Faisabad im Frühjahr einnehmen könnten.

Der Mitarbeiter einer großen staatlichen deutschen Hilfsorganisation trifft sich regelmäßig mit Kommandeuren der Taliban. Die Fahrer der Deutschen haben im Handschuhfach Schutzbriefe der lokalen Talibanführer. Bisher haben die Briefe immer gewirkt. "Auch ihr braucht Straßen, Brücken, Strom", sagt der Mitarbeiter ihnen bei den Besprechungen. "Wenn ihr den Krieg gewinnt, profitiert ihr genauso davon." Die Treffen dauern in der Regel nur wenige Stunden und finden außerhalb der Dörfer statt, ständig ist man auf der Hut vor amerikanischen Drohnen. "Sie sagen uns", erzählt der Mann von der Hilfsorganisation, "sie hätten nichts gegen Entwicklung." Es gebe nur eine Regel: Niemals dürfe die Hilfsorganisation in ihren Fahrzeugen Sicherheitskräfte der Regierung mitnehmen. Sonst würden sie, die Taliban, alle Insassen töten und den Wagen mit Benzin übergießen und verbrennen.

"Es ist jetzt besser, wenn wir gehen", sagt der UN-Mann auf dem Fest des Bürgermeisters Nasir. Die meisten Ehrengäste haben den Saal bereits verlassen. Nur Nasirs Männer feiern noch, grölen und werden immer betrunkener. Jeder von ihnen trägt eine Schusswaffe. Die Gefahr, dass sie im Suff aufeinander feuern, ist groß. Der Chef der städtischen Steuerbehörde ist so betrunken, dass ihn die Wachen vor das Gebäude schleifen und dort verprügeln.

Mit fünf Tagen Verspätung sind im Tal von Faisabad wieder die Propeller der Antonow von East Horizon zu hören. Wieder steige ich die wackelige Bordtreppe hinauf, setze mich in den Sitz, dessen Rücklehne durchhängt. Der Manager der Airline, der uns in seinem Büro die Tickets verkaufte, ist auch unter den Passagieren. Es ist sein letzter Flug mit seiner Airline. Auch er will das Land verlassen. In Kabul will er seine Ausreise organisieren, sein Ziel sind die Niederlande. Er setzt sich neben mich.

Dann hebt die Maschine ab, steigt in engen Kurven hinauf, zieht über die zerrissenen Bergrücken, auf die wir schauen, bis sie unter den Wolken verschwinden.