Die Gäste sollen am Reiseort leben statt übernachten, die Gastgeber sollen Freunde statt Vermieter sein.

Am Anfang ging es nur um Geld. Zwei junge Designer ohne festen Job, die sich in San Francisco eine Wohnung teilten, brauchten Kohle für die Miete. Im Oktober 2007 bastelten sich Joe Gebbia und Brian Chesky eine Website, annoncierten billige Schlaflager für die Zeit des nahenden Designkongresses und pumpten drei Luftbetten im eigenen Wohnzimmer auf. Drei Reisende kamen, keiner von ihnen hatte etwas mit Design am Hut. Die Gastgeber umsorgten sie trotzdem und hatten am Ende einer Woche nicht nur das nötige Geld, sondern auch neue Freunde gewonnen.

Ein paar Monate später war aus der einmaligen Erfahrung eine einmalige Geschäftsidee geworden: Gastfreundliche Menschen, die ein wenig Extrakohle gebrauchen können, vermieten überschüssigen Wohnraum ganz zwanglos an Leute, die ein paar Tage günstig unterkommen wollen – und stiften damit gleichzeitig neue Freundschaften. Die Internetplattform, die beide Gruppen miteinander in Kontakt bringen sollte, erstellten Chesky und Gebbia gemeinsam mit etwas Programmierhilfe von Gebbias vormaligem Mitbewohner Nathan Blecharczyk. Im August 2008 ging Airbed and Breakfast, kurz Airbnb, online.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Inzwischen sind auf der Seite rund zwei Millionen Unterkünfte gelistet; 60 Millionen Menschen haben bereits über die Plattform gebucht, 25 Millionen allein im vergangenen Jahr. Die Erträge des Unternehmens für 2015 werden auf 900 Millionen Dollar geschätzt, in den nächsten Jahren will es an die Börse gehen. Parallel zum rasanten Aufstieg verliert Airbnb allerdings an Ansehen, vor allem bei Sympathisanten der ursprünglichen Idee. Denn längst treiben sich auf der Seite massenweise kommerzielle Anbieter herum, denen ein persönlicher Kontakt zu Gästen wenig bedeutet. Und in beliebten Vierteln großer Städte verdirbt Airbnb die Preise: Weil es Vermietern mehr einträgt, Apartments tageweise Touristen zu überlassen, finden Ortsansässige kaum noch Wohnungen. Checkt also, wer heute Airbnb bucht, mittlerweile auf der dunklen Seite der Macht ein? Oder hat sich das Portal trotz aller Kollateralschäden des Wachstums einen guten Kern bewahrt?

Wenn man dem Unternehmen überhaupt mal irgendwo in die Karten schauen kann, dann bei der Airbnb Open – einer Mischung aus Kongress, Teach-in und Selbstfeier. In diesem, ihrem zweiten Jahr fand die Open in Paris statt, der Stadt, die mit rund 35.000 Einträgen den Spitzenplatz auf der Plattform hält. Es wurde die bisher größte Zusammenkunft der Firmengeschichte: Die gesamte Führung war angereist, vor allem aber waren knapp 5.000 Gastgeber aus 110 Ländern da, die meisten auf eigene Kosten, zuzüglich etwa 250 Euro Teilnahmegebühr. Eine beeindruckend große Gefolgschaft.

Von acht Uhr morgens an trifft sie im Parc de la Villette ein, am nordöstlichen Rand der Innenstadt. Dessen Grande Halle aus dem 19. Jahrhundert gehörte früher einmal zu den Schlachthöfen. Ein riesiger Bau aus Gusseisen und Glas mit Eckchen und Balkonen – das sorgt gleich für ein wenig lokale Farbe. Drinnen gibt es Stände mit Kaffee und Frühstück, man schnappt sich ein Tablett, linst den anderen auf die Brustschilder, die verraten, woher sie sind und wie sie heißen, setzt sich irgendwo dazu.

Aber schon ruft eine sonore Stimme nach nebenan, ins "Keynote Tent". Hier, in einem stabilen Zeltbau, werden die großen Ansagen gemacht. Auf einer breiten Bühne mit Videoleinwand kommen im Laufe von zwei Tagen alle drei Gründer zu Wort, ein Dutzend Unternehmensstrategen, eine Reihe Gastgeber und Gastredner obendrein. Jetzt steht dort Airbnbs smartester Inspirator, ein drahtiger Glatzkopf von Mitte 50 mit kleinem Ziegenbart und modischem Pullöverchen. Chip Conley hat in seinem Vorleben eine Boutiquehotel-Kette hochgezogen und erfolgreich verkauft; seit zwei Jahren kümmert er sich nun bei Airbnb um Global Hospitality. "Hotelleute sind Experten in Sachen Service, den beherrschen sie nach Handbuch!", ruft er auf die Ränge hinaus. "Ihr aber seid Experten in Sachen Gastfreundschaft, und die kommt aus dem Herzen." Großer Applaus, der noch einmal anschwillt, als Conley schließt: "Ihr alle demokratisiert die Gastfreundschaft. Ihr seid Revolutionäre."

Dass die revolutionäre Energie in Kürze ausgerechnet einen Börsengang befeuern soll, fällt unter den Tisch. Stattdessen geht es um den ideellen Mehrwert des Geschäfts. "Wir Gastgeber", sagt Brian Chesky, Airbnbs gedrungener, oft leicht linkisch wirkender CEO, "wir werden oft missverstanden. Im Netz sehen die Leute nur unsere Häuser. Obwohl wir eigentlich ein Zuhause bieten." Was das bedeutet, führt Chesky mithilfe seiner eigenen Eltern vor. In einer Art Diashow zeigt er zunächst, wie sie ihren ersten Besuchstag in Paris stur nach alter Manier durchziehen: Touri-Bus, Louvre, Straßenmaler, Fast Food, Touri-Boot auf der Seine – ihre Mienen werden immer missmutiger. Für den zweiten Tag gibt der Sohn sie in die Obhut einiger Airbnb - Gastgeber. Und siehe, durch die hosts entdecken die Eltern schmucke Cafés und zauberhafte Märkte und enden tanzend in den Armen von neuen Pariser Freunden. "Mit Airbnb reist man nicht nach Paris, man lebt in Paris!", ruft Chesky, und seine Eltern klatschen ihm aus der ersten Reihe zu.