Das Gemeinste, was sich über einen Roman wie diesen sagen ließe, wäre vielleicht, dass die Jugend, wenn sie erst einmal vergeht, für immer verloren ist. Dass auch die innigsten ihrer Beschwörungen zur Vergeblichkeit verdammt sind, da sie nur nostalgische Séancen einer Zeit sein können, in der das Schwere noch leicht erschien und das Leichte schwer. Es gibt kein Zurück. Guten Romanen über das Erwachsenwerden ist deshalb bereits die Trauer über die Unwiederbringlichkeit der Jugend eingeschrieben. Die Gewissheit, dass mit Geistern gespielt wird. Und Bov Bjergs Auerhaus ist einer von den guten Romanen, wenn nicht sogar ein sehr guter.

"Frieder und ich, wir gingen schon lange zusammen in eine Klasse. Ohne dass irgendwann mal groß was los gewesen wäre." So hebt der Erzähler an. Er heißt Höppner, so wird er auch gerufen, ist 18 Jahre alt, und Frieder ist sein bester Freund. Sofort weiß man: Es wird gleich eine Menge los sein. Sommer auf dem schwäbischen Land, Anfang der achtziger Jahre, RAF-Plakate hängen in den Postämtern, Lehrer haben Spitznamen wie Doktor Turnschuh, Klassenkameraden heißen Zentralverriegelungsaxel, die Fußgängerzone ist grau, und Frieder hat Schlaftabletten geschluckt.

So beginnt es, das kurze Jahr der Anarchie, ein WG-Jahr im Auerhaus , in das Höppner nun mit Frieder zieht. Es folgen ihnen die Streberin Cäcilia, die psychotische Brandstifterin Pauline, der schwule Kiffer Harry und Höppners Freundin Vera, die das mit der Liebe und dem Sex anderen Jungs gegenüber nicht so eng sieht. Das Auerhaus wird forthin zu ihrer Festung gegen den Ansturm der Welt, die draußen mit dem Abitur droht, mit der Bundeswehrmusterung und überhaupt mit einer ungewissen Zukunft, die alle bald holen wird und von der niemand weiß, ob sie gut werden wird. So viel ist sicher.

Im Auerhaus sind die Spielregeln von draußen kurzzeitig aufgehoben. In den Zimmern herrscht ein spätpubertärer Ausnahmezustand. Ladendiebstahl heißt hier Einkaufen, es wird der griechische Tankstellenwein Imiglykos gekippt, als gäbe es kein Morgen. Und Höppner glaubt, dass Frieder in diesem Haus die Todessehnsucht verlässt und er wieder zu sich kommt. Es wird geredet, geredet, geredet, meistens über nichts, aber das aufs Bedeutsamste: über nackte Russen und Panzerfäuste und den Sinn des Lebens, den besten Witz überhaupt. Solche Sachen. Und Frieder verkörpert in diesen Szenen gewissermaßen alle Affekte jugendlicher Ausschweifung – halb grobianischer Chaot, halb grüblerischer Nihilist, der den Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz fällt und sich kaputtlacht oder im nächsten Moment sagt: "Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied."

Der Autor Bov Bjerg wurde 1965 geboren. Eigentlich heißt er Rolf Böttcher und hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Auerhaus ist sein zweiter Roman. Bjerg stand viel auf deutschen Lesebühnen, zwei hat er selbst einst gegründet, und auf diesen Bühnen, auf denen die Pointe zählt, die kleine Blitzgescheitheit, hat Bjerg seinen Witz kultiviert und auch eine Lakonie, den dem Erzähler in Auerhaus nun sehr gut steht. Es muss in diesem Sinne unbedingt erwähnt werden, dass Bjergs Roman nicht in den verkrampft aufgekratzten Jargon verfällt, in dem viele andere solcher literarischen Restaurationen von Jugend geschrieben sind und dabei meistens so klingen, als hätten Moderatoren des Frühstücksfernsehens das Langenscheidt-Lexikon Jugendsprache verschluckt. Aus der Jugend hat Bjerg in seinen Roman sprachlich vor allem den melancholischen Trotz herübergerettet. Sein Erzähler beherrscht sowohl das Register beiläufiger Schnoddrigkeit (Menschen stehen herum "wie ein Sack Kühe") als auch sehr unsiebzehnhafte Sätze, wie sie Höppner zum Beispiel über Frieder sagt: "Er setzte sich. Das sah so ungelenk aus, als wären ›er‹ und ›sich‹ zwei verschiedene Personen", eine wunderbare Beobachtung. Und immer wieder gelingen Bjerg verblüffend leicht Bilder wie "Die Atemwolken standen in der Luft wie leere Sprechblasen". Wenn Höppner abschweift, ruft er sich sogar bisweilen mit einem "Egal" selbst zur Ordnung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Ohnehin ist Auerhaus ein sehr ökonomisch erzähltes Buch. Wobei seine Figuren natürlich zu groß geratene Sätze sagen, aber diese sind ja auch ein Vorrecht der Jugend. So die Begrüßungsformel: "Guten Abend. Ich komme geradewegs aus dem Feudalismus. Sind Sie bereits auf dem Weg in die Industriegesellschaft?" Oder die Überlegung, man dürfe nicht sterben, bevor man 18 geworden ist, wie es an einer anderen Stelle heißt. Danach, scheint das zu bedeuten, sei es nicht mehr so schlimm. Doch so ein Satz hört sich seltsamerweise in diesem Buch nicht nach Aufrührerparole an, sondern einfach tieftraurig. Gesprochen im Bewusstsein, dass nun Zeiten der verlorenen Illusionen anbrechen und das Erwachsenenleben unvermeidlich völlig anders sein wird als die unbeschwerten Tage, die Bjerg hier mit sympathischer Sentimentalität auferstehen lässt. Und die einen daran erinnern, dass man selbst die schönsten Minuten dieser Tage schon lange vergessen hat.

Bov Bjerg: Auerhaus
Roman; Aufbau Verlag, Berlin 2015; 240 S., 18,– €, als E-Book 13,99 €