Ali Shukri Amin weiß, wie man unbemerkt viel Geld um den Globus schickt. Sein Wissen hat der Teenager aus dem amerikanischen Örtchen Woodbridge allerdings in den Dienst des Terrorismus gestellt – und ist deswegen im August zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Der 17-Jährige hatte unter anderem eine minutiöse Anleitung dazu verfasst, wie der "Islamische Staat" (IS) seinen Krieg über digitale Spenden finanzieren könnte – mit sogenannten Bitcoins, einer virtuellen Währung im Internet.

Amin hatte geschrieben, dass es leicht sei, mit Bitcoins ein anonymes Sadaqa-Netzwerk aufzubauen: also ein Netzwerk, mit dem Unterstützer Geld von überall in der Welt an die Mudschahedin schicken könnten, "ohne dass die Regierungen der Ungläubigen das nachvollziehen können".

Nach den Anschlägen des IS in Paris ist Amins Anleitung wieder aktuell. "Virtuelle Währungen sind schnell und unreguliert – was könnte sich ein bad guy mehr wünschen? Ich wäre überrascht, wenn Terroristen sie nicht benutzen", sagt Alan Brill von der Unternehmensberatung Kroll, die weltweit bei Internetkriminalität ermittelt. Die Justiz- und Innenminister der EU-Mitgliedsstaaten haben die Europäische Kommission aufgefordert, Vorschläge zu machen, wie sich virtuelle Währungen stärker kontrollieren lassen. Auch die Gruppe der sieben größten westlichen Wirtschaftsnationen soll sich auf ähnliche Ziele verständigt haben, meldete der Spiegel. Die Regierungen nehmen vor allem Bitcoins ins Visier – weil sie überzeugt sind, dass Terrororganisationen damit Geld bei ihren Unterstützern einsammeln und an Kämpfer weitergeben können.

Christoph Bergmann ist deswegen ziemlich wütend. Bergmann leitet das Bitcoin-Blog, das von der Handelsplattform bitcoin.de finanziert wird. Den Medien wirft Bergmann "Propaganda" vor: weil sie eine Verbindung zwischen IS und Bitcoins herbeidichteten, die nicht existiere – und die Politiker "in diese Falle tappen". Der Netzaktivist padeluun vom Verein Digitalcourage sieht mit den Plänen gar die freie Gesellschaft angegriffen: "Ich selbst bin zwar kein Anhänger von Bitcoins, trotzdem finde ich es falsch, wenn Regierungen nun dagegen vorgehen."

Tatsächlich könnte sich der Angriff auf Bitcoins als Aktionismus ohne gewünschtes Ergebnis erweisen. Es liegt in der Natur der digitalen Währung, dass sich kaum nachvollziehen lässt, wer mit wem handelt. Bitcoins werden von einem Netz aus Tausenden dezentralen Computern verwaltet, den Minern. Deswegen sind alle Bitcoin-Zahlungen öffentlich: Jede Transaktion wird in einer einsehbaren Datenbank im Netz dokumentiert – wie in einem dicken Buch, das permanent um neue Seiten ergänzt wird.

In diesem Buch lässt sich zwar nachlesen, welcher Adressat wie viele Bitcoins erhalten hat und wie viele er aktuell besitzt. Doch das gesamte Buch ist in einer Geheimsprache geschrieben: Wer genau sich hinter einer Adresse verbirgt, ist unklar, solange er sich nicht selbst zu erkennen gibt. Und selbst wenn man wüsste, welche Adresse einem Terroristen zuzuschreiben ist, könnte man ihm das Bitcoin-Guthaben nicht einfach wegnehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Die Technologie, die hinter Bitcoins steckt, wird "Blockchain" genannt – was so viel bedeutet wie "Reihe aus Datenblöcken". Dass die Bitcoins in den Blöcken tatsächlich einen Wert haben, obwohl sie weder ein Schuldschein noch mit physischen Werten besichert sind, hat vor allem einen Grund: Genügend Menschen sind bereit, sie gegen Dollar oder Euro einzutauschen. Im Moment kostet ein Bitcoin etwa 300 Euro. Mit Bitcoins kann man deswegen vielerorts bezahlen – etwa bei Einkäufen übers Internet, aber auch bei Bestellungen im Darknet: In diesem Untergrundnetzwerk im Internet lassen sich Drogen, Waffen, gefälschte Ausweise kaufen.

Das System deswegen abzuschaffen wäre unmöglich, angesichts der 15 Millionen im Umlauf befindlichen Bitcoins mit einem Wert von mehr als 4,5 Milliarden Euro. Wie viele davon in den Händen von Terroristen des IS sind? Ungewiss.

Nicht mal einer seiner ärgsten Feinde kann es beziffern: das Hacker-Kollektiv Ghost Security Group. Es hat nach den Pariser Anschlägen den Online-Krieg gegen den IS ausgerufen. Seine Hacker suchen nach Websites und Accounts in Sozialen Netzwerken, die Terroristen zuzuschreiben sind. Und sie versprechen, möglichst viele davon lahmzulegen. In Tausenden Fällen sei das der Gruppe schon gelungen, sagt Digita Shadow. So nennt sich der Chef der Gruppe, der erst nach einem E-Mail-Wechsel eine Telefonnummer herausrückt – aus Angst, selbst zum Ziel von Terroristen zu werden.

Die Ghost Security Group fahndet auch nach Seiten, die zu Spenden für den IS aufrufen. Bisher habe man aber nur wenige Beispiele entdeckt, berichtet Digita Shadow. Als Beleg schickt er einen Screenshot, auf dem Kämpfer ihre Waffen in den Himmel strecken, darunter eine teils geschwärzte Bitcoin-Adresse und der Satz: "Sendet uns Bitcoins, und kämpft mit uns von zu Hause aus". Der Hacker glaubt, dass die virtuelle Währung derzeit nur mit einem "unbedeutenden" Teil zur Finanzierung des IS beitrage – auch, weil seinen Unterstützern Technik und Kenntnisse fehlten, um Bitcoins im großen Maße auszutauschen. Wenn sich das allerdings ändere, könnten Bitcoins wichtiger werden, fürchtet Digita Shadow, "und das ließe sich kaum verhindern".

Keine zehn Kilometer von der Konzerthalle Bataclan in Paris entfernt machen IT- und Finanzexperten im Auftrag der Regierungen Jagd auf das Geld der Terroristen. Am Sitz der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris sammelt die Financial Action Task Force Erkenntnisse, wie Terroristen an Geld kommen. Zwar sind die Ermittler überzeugt, dass Bitcoins ein "mächtiges Instrument" zur Terrorismusfinanzierung sein könnten. Über das Ausmaß wissen sie aber wenig zu sagen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das US-Finanzministerium. Auch das britische Finanzministerium erklärt in einer Studie, dass Terroristen zwar über Bitcoins theoretisch Geld sammeln und verteilen könnten, es dafür aber bisher "wenige Belege" gebe.

Einig sind sich Experten wie Hacker, dass andere Geschäfte dem IS deutlich mehr Geld bringen. Aaron Brantly etwa ist überzeugt, dass Bitcoins wichtiger werden könnten, wenn Terroristen ihre technischen Kapazitäten ausbauen. Dennoch, so der Professor des Terrorismusbekämpfungs-Zentrums der US-Militärakademie West Point, werde der Anstieg unbedeutend bleiben gegenüber den Einkünften, die der IS mit Ölverkäufen, Kidnapping und Schutzgeldern erziele.

Bleibt die Frage, wie Politiker Bitcoins überhaupt kontrollieren wollen. Blogger Bergmann glaubt, dass das System schon jetzt sinnvoll reguliert sei: Sobald man versuche, Bitcoins an einer Online-Börse in Euro oder Dollar umzutauschen, brauche man ein Bankkonto. Dafür müsse man sich in der Regel identifizieren. "Aus diesem System eine Million Euro herauszuschmuggeln", sagt Bergmann, "ist verdammt schwierig und teuer."

Mitarbeit: Arne Storn