In wenigen Wochen tritt die neue Krankenhausreform in Kraft. Seit Jahren weiß man, dass nicht alle Krankenhäuser im Sinne ihrer Patienten handeln. Es gibt Häuser, die bei der Abrechnung ihrer Leistungen schummeln, einige nehmen Patienten auf, obwohl sie gar nicht behandelt werden müssten. Wieder andere verordnen besonders intensive Therapien, obwohl eine weniger intensive – und billigere – Behandlung gereicht hätte. Zahlreiche gesundheitsökonomische Studien haben das in den vergangenen Jahren belegt.

Das gängige Vergütungssystem setzt also die falschen Anreize. Es belohnt die skrupellosen Ärzte und Krankenhausleitungen, die unsinnige Behandlungen anbieten – und bestraft die ehrlichen Häuser. Genau das soll die Krankenhausreform nun ändern, zum Beispiel, indem sie es Patienten erleichtert, vor der Behandlung die Meinung eines zweiten Arztes einzuholen. Dabei wird jedoch ein zentrales Problem übersehen: Um die Vergütung der Krankenhäuser klüger zu gestalten, müssten die Anreizstrukturen besser erforscht werden. Doch genau das ist in Deutschland wegen des Datenschutzes oft nicht möglich.

Gesundheitsökonomen können mit statistischen Methoden berechnen, wie ein Bezahlsystem aussehen könnte, das den Patienten und Kassen nicht das Geld aus der Tasche zieht, sondern wirklich nützt.

Die Daten dafür gibt es: Verschiedene Institute für die Qualitätsförderung im Gesundheitswesen führen Datenbanken, in denen Informationen über einzelne Patienten gesammelt werden. Dort wird zum Beispiel erfasst, ob ein Patient innerhalb von 30 Tagen nach der Entlassung verstirbt. Das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) führt in einer anderen Datenbank zusammen, wie die Behandlung dieser Patienten vergütet wird. Um zu verstehen, wie falsche Anreize bei der Vergütung entstehen und wie sie die Sterblichkeitsrate der Patienten beeinflussen, müsste man beide Datenbanken zusammenführen. Das allerdings ist verboten.

Datenschutz ist wichtig. Er gewährleistet die Privatsphäre der Patienten und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Nur wer Daten schützt, kann verhindern, dass sie missbraucht werden, zum Beispiel von Pharmaunternehmen. Aus der Sicht eines Forschers führen besonders starre Datenschutzregeln wie die in Deutschland aber zu einer bedauerlichen Situation: Hierzulande werden Gesundheitsdaten so akribisch erfasst wie in wenigen anderen Ländern der Welt. Aber was die wissenschaftliche Nutzung dieser Daten anbelangt, sind wir innerhalb der OECD leider auf den hinteren Rängen. In den USA ist die Verknüpfung von anonymisierten Patienten- und Krankenhausdaten für wissenschaftliche Zwecke längst Standard. Genau wie in den skandinavischen Ländern.

Und selbst das wenige, was in Deutschland theoretisch erlaubt ist, ist deshalb noch lange nicht möglich. Das Forschungsdatenzentrum des Statistischen Bundesamtes zum Beispiel müsste eigentlich die Abrechnungsdaten deutscher Patienten für die gesundheitsökonomische Forschung zugänglich machen – anonymisiert und unter sehr strengen Auflagen. In der Praxis passiert das aber oft nicht. Weil die Mitarbeiter des Datenzentrums es oft nicht wollen, obwohl sie dazu verpflichtet wären.

Unverständlich ist das auch deshalb, weil in Deutschland an anderer Stelle sehr wohl sensible Daten ausgewertet werden, um die Versorgung von Patienten zu verbessern und zu retten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Wenn ein neues Arzneimittel auf den Markt kommt, wird penibel geprüft, ob es wirksam und unbedenklich ist. Die Hersteller müssen dafür eine Vielzahl von Daten sammeln und diese statistisch auswerten. Das ist richtig, denn nur so können gefährliche Nebenwirkungen frühzeitig entdeckt werden.

Um die Zeit zu verkürzen, die von einem Notruf bis zur Ankunft des Rettungswagens verstreicht, hat die EU beschlossen, umfangreiche Daten von Pkw zu sammeln, die an die Rettungsstellen gesendet werden können. Die Europäische Kommission geht davon aus, dass so allein in Deutschland jedes Jahr etwa 400 Menschen das Leben gerettet werden könnte. Das System soll pro Jahr mehr als 100 Millionen Euro kosten und ist, was den Datenschutz betrifft, nicht ganz unbedenklich, denn die Ortungssoftware kann nicht ausgeschaltet werden. Dennoch ist es vermutlich ein sinnvolles System – weil es Leben rettet.

Warum zeigen wir nicht den gleichen Willen, über die Absenkung von Datenschutzhürden zumindest nachzudenken, wenn es um die vielen Menschen geht, die jedes Jahr sterben, weil manche Krankenhäuser ihnen Behandlungen verordnen, die sie gar nicht brauchen?

Nehmen wir nur ein Beispiel, das der berühmten Hüft-OPs: Im Jahr 2012 erhielten 152.049 Patienten erstmals eine Hüft-Totalendoprothese. Mehr als fünf Prozent der Patienten haben eine solche Prothese bekommen, obwohl sie aus medizinischer Sicht wahrscheinlich gar keine brauchten. Anders gesagt: 8.363 dieser Patienten hätten gar nicht erst im Krankenhaus aufgenommen werden oder zumindest nicht operativ behandelt werden dürfen. Das ist nicht nur Geldverschwendung, das ist auch gefährlich, denn jede Operation und die damit verbundene Narkose birgt Risiken. Die durchschnittliche Sterblichkeitsrate bei solchen Hüft-OPs liegt bei 0,2 Prozent. Statistisch betrachtet, heißt das: Mehr als 15 Patienten sind im Jahr 2012 an den Risiken einer überflüssigen OP gestorben.

Würden die Anreizstrukturen in der Krankenhausfinanzierung besser erforscht und entsprechend angepasst, könnten womöglich viel mehr Leben gerettet werden als durch die akribische Prüfung eines neuen Medikaments oder die Verkürzung der Rettungszeiten. Nicht nur bei den Hüftpatienten, sondern auch bei zahlreichen anderen Menschen, die einer Behandlung unterzogen werden. Und im schlimmsten Fall daran sterben.

Das Bundesgesundheitsministerium will die Gesundheitsforschung in den nächsten Jahren mit rund 300 Millionen Euro jährlich unterstützen, um die Patientenversorgung zu verbessern. Im internationalen Vergleich ist das einzigartig; mit dieser Summe könnte die Forschung eine enorme Schlagkraft entfalten. Doch was nützt das Geld, wenn jene Wissenschaftler, die die Qualität der Versorgung erforschen, jene Daten, die sie dafür dringend brauchten, nicht benutzen dürfen? Viele dieser Daten müssten nicht einmal für viel Geld neu erhoben werden. Man müsste sie nur zusammenführen.