Man trifft einen fremden Mann und hat einfach keine Ahnung, was mit ihm los ist. So weit, so alltäglich, aber das hier ist ein Dokumentarfilm über eine Person, über die einiges öffentlich bekannt ist. Der Film heißt Electroboy, nur ein Junge ist der Mann eher nicht mehr. Trotzdem schwer zu sagen, wie alt er ist. Frisur, Kleider, der schmale Körper sprechen für einen Adoleszenten, aber seine Mimik wirkt wie die eines Älteren. Jemand, der so wenig Anhaltspunkte gibt, wie er einzuordnen sei, beschäftigt einen sofort immens.

Der Mann heißt Florian Burkhardt, und man könnte den Namen gleich in irgendein Suchfeld eingeben. Aber das lehrt ja auch das Leben, dass es nicht gut ist, jede neue Bekanntschaft im Internet durchzurecherchieren, bevor die Person den Mund aufgemacht hat: "Sagen Sie nichts, ich weiß bereits alles über Sie!"

Burkhardt ist in diesem Film der Erzähler seiner eigenen Geschichte, man sieht ihn im Interview sehr aufrecht vor der Kamera sitzen, er trägt ein violettes T-Shirt mit Raubtiermuster. Zu anderen Szenen hört man seine Stimme aus dem Off, er spricht Schweizerdeutsch. Dann wieder sieht man ihn in seiner Küche stehen, die grau und nichtssagend ist. Er kippt Instantkaffee in ein doppelwandiges Glas, am Fußboden macht ein Mops rachitische Geräusche. Es gibt Tabletten für den Mann und Tabletten für den Hund, ins Näpfchen. Der Mann raucht am Fenster, es geht auf einen gesichtslosen Hinterhof hinaus. Er verlässt das Haus, tritt auf eine Straße, eine Kreuzung, die in einer beliebigen deutschen Stadt liegen könnte. Burkhardt spricht über den Bruch mit seinen Eltern. Die nächsten Bilder zeigen Los Angeles. Also, worum geht es hier?

Bevor wir vor lauter Verwirrung der Versuchung nicht mehr standhalten, und Burkhardts Wikipedia-Eintrag nachlesen, muss gesagt werden, dass es nichts hilft. Man kann viele Artikel über ihn lesen und sich den Film mehrmals anschauen, er bleibt ein Rätsel. Die Wirklichkeit hat den Vorteil, dass ihr keine endgültigen Erklärungen abzuverlangen sind. Sie entwickelt sich allmählich zu einer Geschichte, mit der selbst die Protagonisten nicht rechnen können. Nur sehr gute Dokumentationen geben dem nach. Electroboy ist so eine. Marcel Gisler, der Regisseur, zwängt seinen Film in keine Dramaturgie. Seine Bilder folgen einfach dem Gespräch, das er mit Burkhardt führt und in dessen Verlauf sowohl das Vertrauen als auch die Widersprüche wachsen. Man erkennt, was der Ethos des dokumentarischen Porträts sein muss: sich niemals an objektiven Wahrheiten orientieren, sondern aufmerksam Abstand halten, wenn der Befragte es vorzieht, über etwas zu schweigen oder sich selbst zu belügen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Gisler hat sich bewusst dafür entschieden, aus Burkhardts Lebensgeschichte keinen Spielfilm zu machen. Der Stoff war ihm angeboten worden. In fiktionaler Form hätte man diese Biografie kaum geglaubt. Und der Film wäre sehr teuer geworden.

Hier ein paar Eckdaten: Burkhardt, geboren 1974 in Basel, hatte schon ein Primarlehrerdiplom nebst Snowboarder-Karriere hinter sich, als er sich selbst zum Schauspieler erklärte und in Hollywood vorstellig wurde. Dort entdeckte man ihn als Model, er reiste nach Mailand und von da auf die Laufstege der Welt. Bilder von damals zeigen ein finsteres Engelsgesicht, wie es in den neunziger Jahren, der Zeit des Heroin-Chics, so modisch war. Eine Reihe damaliger Impresarios und Agenten spricht noch heute schwärmerisch von ihm.

Es klingt, als berge so ein knabenhafter, sehr schöner Mann eine wahnsinnige Hoffnung, geradezu eine Offenbarung. Für einige Minuten zieht man in Betracht, es gehe in diesem Film um ältere und jüngere Männer, die fließenden Grenzen zwischen Vaterfiguren, Sugardaddys, Zöglingen und Objekten der Begierde. Die Frage des Interviewers stellt sich unbedingt: Wart ihr ineinander verliebt? Womöglich handelt es sich hier um das komplizierte Coming-out eines Jungen aus einer schwer religiösen Familie.