Die Autorin Stefanie Sargnagel © David Bogner

Man liest immer wieder, dass Frauen beruflich benachteiligt würden, weil sie zu bescheiden seien. Mal richtig eklig angeben mit allem, was man kann oder auch eigentlich nicht kann: Das passt nicht zu traditionellen Weiblichkeitsvorstellungen. Gilt natürlich nicht nur im Büro, sondern auch in der Literatur. Eine schöne, weil größenwahnsinnige Ausnahme ist die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel. "Immer wenn mein Professor Daniel Richter auf Kunststudentenpartys auftaucht, verhalten sich plötzlich alle so, als würde Gott zu seinen Jüngern sprechen", schreibt sie in ihrem neuen Buch Fitness. "Ich weiß nie, wie ich damit umgehen soll, weil ich ja Gott bin." Allein die Form, in der Sargnagel veröffentlicht, ist schon überheblich: Fitness besteht aus Tagebuch-Einträgen, meist wenige Sätze lang, die Sargnagel in den letzten zwei Jahren auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht hat. "Ich finde alle Romanautoren sollten Zweizeiler anstreben, nicht umgekehrt", schreibt sie.

Fitness ist ihr zweites Buch dieser Machart, wie der Vorgänger Binge Living erscheint es in einem kleinen österreichischen Verlag, was den großen Wirbel um die 29-Jährige aber auch nicht verhindern kann. Sie hat sich in den letzten Jahren Tausende von Facebook-Fans erschrieben, inzwischen bewundert man sie auch über die Grenzen Österreichs hinaus für ihre "Call-Center-Monologe", so der Untertitel des ersten Buchs. Sargnagel jobbt neben dem Dauerkunststudium bei der Rufnummernauskunft, die zu einer Anlaufstelle für die Verrückten und Einsamen geworden ist. Das zeigen die amüsanten und abgründigen Gespräche, die Sargnagel mitgeschrieben hat.

Auch wenn das Call-Center im neuen Buch seltener auftaucht, auch in Fitness sind die prekären Existenzen das Thema. Die einzelnen Einträge lassen sich zusammengenommen wie ein Künstlerroman lesen, der aber ohne Plot oder besondere Geschehnisse auskommt. Es geht um ihr Leben, das sie in Wien in verranzten Beisln verbringt, an der Kunst-Uni oder bei Lesungen, außerdem um Menschenhass und Körperausfluss. Bei Sargnagel treffen sich der sogenannte Ekelfeminismus der Feuchtgebiete und der Größenwahn der männlichen Literaturgeschichte: "Nach dem Absetzen der Pille hab ich endlich wieder diese kräftige Regel, diese wüsten, kriegerischen Blutschwalle mit den urigen Batzen, mit der ich mich viel besser identifizieren kann. Nicht mehr diese schwächliche, lahme Loser-Regel für Babys." Zwischen diesen persönlichen Anekdoten findet man wie Tagträume kurze Grotesken. Einmal erzählt sie von Teenagern, die rebellieren wollen und sich deswegen an den Hintereingängen von Fast-Food-Ketten versammeln, da betteln sie "ums abgestandene Frittierfett. Das trinken sie gemeinsam aus Bechern bis sie traurig und träge zusammensacken und ihre Eltern sie abholen". Die Einträge wirken jedes Mal wie hingerotzt, sind sie vielleicht auch – und trotzdem sitzen die Worte und jedes nicht vorhandene Satzzeichen perfekt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Das größte und feministischste Kompliment aber, das man Fitness machen kann, hat mit Sargnagels Kunst des Hochmuts zu tun. Man will das Buch nämlich zwischendurch gegen die Wand werfen, weil diese ganze Selbstgefälligkeit irgendwann natürlich furchtbar nervt. Gar nicht einmal wegen der Körperausscheidungen, diese Passagen sind eigentlich immer lustig, sondern weil man die Wehleidigkeit nicht mehr erträgt, mit der Sargnagel auf die Kunstwelt und die gesunden jungen Menschen schimpft. Aber man tut es dann doch nicht, weil es einfach zu gut ist

Stefanie Sargnagel: Fitness
Roman; rde Verlag, Wien 2015; 292 S., 16,90 €